Was die US-Wahlen für Deutsche Bank, VW und Co bedeuten

Mit Spannung blickt die deutsche Wirtschaft auf die US-Präsidentschaftswahl am 8. November.
23.10.2016 14:00
Wenn die USA einen neuen Chef ins Weisse Haus wählen, hat das Folgen für die ganze Welt.
Wenn die USA einen neuen Chef ins Weisse Haus wählen, hat das Folgen für die ganze Welt.
Bild: Pixabay

Sollte der republikanische Kandidat Donald Trump das Rennen machen, fürchten viele Unternehmen eine grössere Abschottung der USA vom internationalen Handel und daher sinkende Exporte in die grösste Volkswirtschaft der Welt. Drei deutsche Konzerne werden das Geschehen noch viel aufmerksamer verfolgen, denn für sie steht mehr auf dem Spiel als sinkende Umsätze. Volkswagen und die Deutsche Bank befinden sich mit den US-Behörden in harten Verhandlungen über milliardenhohe Strafzahlungen, Bayer wartet auf die kartellrechtliche Genehmigung seiner Übernahme des US-Saatgutriesen Monsanto.

Volkswagen drückt aufs Tempo

Der Wolfsburger Autokonzern will sich möglichst vor dem Jahreswechsel mit dem US-Justizministerium über die Höhe einer Strafzahlung wegen der Manipulation von Abgaswerten bei Dieselmotoren einigen. Denn nach der Wahl werden voraussichtlich viele politische Beamte ausgewechselt, mit denen die Wolfsburger seit Wochen verhandeln. Dann müssen sie womöglich von vorne anfangen und die Unsicherheit, wieviel VW bezahlen muss, bliebe noch länger bestehen.

Eine Einigung noch vor dem Wahltag selbst hält VW für wenig wahrscheinlich. "Ich glaube nicht, dass sie es vor dem Wahltag machen, weil sie sicher nicht wollen, dass es im Wahlkampf eine Rolle spielt", hatte Volkswagen-Chef Matthias Müller unlängst am Rande des Pariser Autosalons gesagt.

Analysten halten ein Bussgeld zwischen einer und drei Milliarden Euro für möglich. Sollte Trump an die Macht kommen, könnte die Strafe nach Meinung von Experten höher ausfallen. "Trump wird eine härtere Gangart gegen Volkswagen einschlagen", vermutet der Autoexperte Helmut Becker. Das könnte einen Neuanfang von Volkswagen nach "Dieselgate" erschweren.

Becker, der das Münchner Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation leitet, erwartet, dass der Immobilienunternehmer Trump die heimische Industrie stärker gegen ausländische Konkurrenz schützen wird. Einen Wahlsieg von Trump halten Fachleute inzwischen zwar für weniger wahrscheinlich. "Da steckt aber auch viel Wunschdenken drin", räumt Becker ein.

Ein solcher Wahlausgang hätte vermutlich auch Folgen für die anderen deutschen Automobilhersteller und ihre Zulieferer. "Die Branche insgesamt würde stärker unter Druck kommen", sagt Becker, der früher Chefvolkswirt von BMW war. Die Oberklasseautobauer Mercedes-Benz, BMW und Audi verkaufen viele Autos an die betuchte Kundschaft in den USA. Sollten sich die USA stärker abschotten, wären Daimler und BMW durch ihre amerikanischen Werke vermutlich weniger betroffen.

Auch Volkswagen verfügt über eine Fabrik in den USA. Einen wesentlichen Teil der Fahrzeuge liefert das VW-Werk in Mexiko dorthin. Allerdings ist der Absatz von VW in Amerika wegen des Dieselskandals seit Monaten ohnehin auf Talfahrt. Sollten die USA das Freihandelsabkommen Nafta mit dem Nachbarland einschränken, wären weitere Autobauer betroffen, die in Mexiko Autos bauen und in die USA liefern.

Der Autoexperte Stefan Bratzel warnt die Konzerne davor, zu viele Arbeitsplätze in Billiglohnländer wie Mexiko zu verlegen und gleichzeitig vom Absatz in den USA profitieren zu wollen. "Die Gefahr ist gross, dass das politischen Unmut erzeugt", sagt der Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Diese Reaktion wäre unabhängig vom Ausgang der Wahl. Jeder US-Präsident - auch Hillary Clinton, sollte sie die Wahl gewinnen - müsse sich darüber Gedanken machen, dass möglichst viele Arbeitsplätze im eigenen Land blieben. "Es fällt Populisten natürlich leichter, darauf hinzuweisen", meint Bratzel. Trump hat bereits angekündigt, das Freihandelsabkommen mit Mexiko unter die Lupe zu nehmen, sollte ins Weisse Haus einziehen.

Deutsche Bank braucht starke Nerven

Auch die Deutsche Bank schaut angespannt auf die US-Wahlen. Sie muss ebenfalls noch einige Rechtsstreitigkeiten lösen, bei denen die US-Behörden eine wichtige Rolle spielen. Dazu zählt allen voran der Streit um faule Hypothekenpapiere. Hier hat das US-Justizministerium eine Strafe von 14 Milliarden Dollar (12,5 Milliarden Euro) gefordert, die Bankchef John Cryan deutlich herunterhandeln will - und das möglichst noch mit der scheidenden Administration von US-Präsident Barak Obama. Denn die ist aus Frankfurter Sicht berechenbar, während sich derzeit nicht abschätzen lässt, mit welcher Agenda ein neuer Präsident oder eine Präsidentin starten würde.

Der Hypothekenstreit ist eine der grössten Altlasten der Bank. Zu den Affären, die Cryan besonders schwer im Magen liegen, weil sie sehr teuer werden können, zählen auch der Geldwäsche-Skandal in Russland, Sanktionsverstösse bei früheren Iran-Geschäften und Tricksereien auf dem billionenschweren Devisenmarkt. Überall haben die US-Behörden bei den Ermittlungen ihre Finger im Spiel. In Sachen Russland ist es ebenfalls das Justizministerium: Denn hier geht es auch um die Frage, ob Geschäfte mit Vertrauten von Russlands Präsident Wladimir Putin gemacht wurden.

Sanktionsverstösse könnten die Strafe exorbitant nach oben schiessen lassen. Dass die Deutsche Bank im Countdown zur US-Wahl ein "Gesamtpaket" schnürt und die Hypotheken und das Russland-Thema gleichzeig mit einem Vergleich eintütet, halten Insider aber für unwahrscheinlich - Zeitdruck hin oder her. Für die leidgeprüften Anleger der Bank heisst das: Sie brauchen weiterhin starke Nerven.

Bayer sieht US-Wahl gelassen

Der Leverkusener Chemiekonzern sieht sich nicht ganz so unter Zeitdruck. Er rechnet sowieso erst Ende 2017 mit dem Abschluss der 66-Milliarden-Dollar schweren Übernahme von Monsanto, die den weltweiten Marktführer in Saatgut und Pflanzenschutz schaffen würde. Genehmigt werden muss der Mega-Deal noch von den Wettbewerbsbehörden in mehreren Ländern. Überschneidungen gibt es in einigen Geschäftsfeldern, insofern rechnen Branchenkenner damit, dass die beiden Konzerne für eine Genehmigung Zugeständnisse machen und Unternehmensteile verkaufen müssen.

In den USA prüft das Justizministerium Zusammenschlüsse - und das sei derzeit eher gehen Mega-Merger, sagt Jonas Oxgaard, Analyst bei Bernstein Research. Der Ausgang der Wahl könne dabei schon Auswirkungen auf die Genehmigung haben. "Clinton würde wahrscheinlich keine grossen Änderungen im Justizministerium vornehmen, die Tendenz würde also bestehen bleiben. Eine Trump-Präsidentschaft würde wohl eine wohlwollendere Politik fahren, also wären die Chancen auf eine Zustimmung grösser", erläutert Oxgaard.

Kartellrechtsexperten in den USA rätseln allerdings noch über die Pläne Trumps für eine Wettbewerbspolitik. "Wer weiss das schon?", heisst es in Washington dazu. Im Wahlkampf spielte die Übernahme des US-Traditionskonzerns durch einen deutschen Konkurrenten keine Rolle. Bayer gibt sich jedenfalls gelassen. Man habe ermutigende Signale der Kartellbehörden zu der Übernahme erhalten, sagte Konzernchef Werner Baumann im September. Der Wahl misst der Konzern dabei keine Bedeutung bei: "Wir erwarten, dass die Kartellbehörden unvoreingenommen und ohne politischen Einfluss ihre Entscheidungen treffen", sagte ein Sprecher.

(Reuters)