Wegen Apple-Spekulation - Winzige walisische Chip-Firma haussiert

Wird ein Wafer-Hersteller mit Sitz in der walisischen Stadt Cardiff womöglich das nächste grosse Ding für Technologie-Investoren?
16.09.2017 07:10
Das Cardiff Castle ist eine mittelalterliche Burg in Cardiff, Wales.
Das Cardiff Castle ist eine mittelalterliche Burg in Cardiff, Wales.
Bild: pixabay.com

Anleger auf der Suche nach dem nächsten bislang unentdeckten Zulieferer der Apple Inc. wetten jedenfalls darauf und haben die Aktien der IQE 2017 bereits um mehr als 300 Prozent nach oben geschickt. Damit weisen die Titel nicht nur die seit Jahresanfang zweitbeste Wertentwicklung im FTSE-AIM-100-Index auf, sondern haben auch alle Aktien im Philadelphia-Semiconductor-Index hinter sich gelassen, darunter High-flyer wie Nvidia. und Micron Technology. Und trotz der zur Vorsicht gemahnenden Geschichten von Unternehmen, die der Sonne von Apple zu nahe gekommen sind und sich dabei die Flügel verbrannt haben, gehen einige Analysten davon aus, dass der Lauf von IQE gerade erst begonnen hat.

Der Hauptgrund für die Erregung klingt vertraut: Spekulationen, dass IQE genau die Wafer verkauft, die der Technologiegigant aus Cupertino für sein neues iPhone X benötigt, das letzte Woche vorgestellt wurde und Sensoren zur Gesichtserkennung verwendet, um das Gerät zu entsperren.

"Unsere These ist, dass da draussen in der Vorstadt von Cardiff das nächste britische Large-cap Technologieunternehmen auf dem Sprung ist", schrieb Stifel-Analyst Lee Simpson unlängst, als er die Aktien des Unternehmens mit einer Marktkapitalisierung von derzeit etwas mehr als einer Milliarde Pfund Sterling in seiner Ersteinstufung zum Kauf empfahl. Trotz der Kursrally seit Jahresanfang rechnet er mit weiteren Avancen, da dem Markt das volle Ausmass der künftigen Wachstumschancen bislang noch nicht klar sei.

3D-Sensor-Technologie

IQE stellt Wafer her, die für Vertical Cavity Surface Emitting Laser (VCSEL) benötigt werden, auf denen 3D-Sensoren basieren, die Gerüchten zufolge im neuen iPhone verbaut sein sollen.

Obwohl die Verbindung zwischen IQE und Apple also über mehrere andere Unternehmen entlang der Lieferkette verläuft, rechnet Stifel-Analyst Simpson damit, dass sich der Umsatz, den IQE im 3D-Sensor-Geschäft mit Apple macht, bis zum Jahr 2019 auf 38 Millionen Pfund von geschätzten 2 Millionen Pfund im vergangenen Jahr erhöhen wird. IQE erwirtschaftete 2016 einen Umsatz von 133 Millionen Pfund.

Der CEO von IQE, Andrew Nelson, wollte sich nicht direkt dazu äussern, ob sein Unternehmen zu den Zulieferern von Apple gehört. Allerdings sagte er während eines Interviews, dass IQE bei VCSEL-Wafern einen Marktanteil von etwa 80 Prozent habe und so ziemlich alle wichtigen Akteure versorge.

Die VCSEL sind Teil der Photonics-Sparte von IQE, die im vergangenen Jahr gerade einmal 17 Prozent zum Umsatz des Unternehmens beitrug. Allerdings dürfte das Geschäft an Bedeutung gewinnen, da andere Hersteller von Mobilfunkendgeräten dem Beispiel von Apple wohl folgen werden. Dem jüngsten Halbjahresbericht zufolge ist der Umsatz in der Photonics-Sparte gegenüber dem Vorjahr um gut 48 Prozent gestiegen, während das grössere Wireless-Geschäft nur um etwas mehr als 9 Prozent zulegte. Laut Nelson kann VCSEL-Technologie auch in anderen Bereichen eingesetzt werden, von autonomen Fahrzeugen bis zur Haarentfernung.

Short-Positionen

Doch obwohl alle vier Analysten, die sich mit der IQE-Aktie beschäftigen, das Papier unisono zum Kauf empfehlen, gibt es auch Investoren, die die Wachstumsaussichten skeptischer beurteilen. Das zeigt der Blick auf die Short-Positionen in den Titeln, die nach Markit-Daten in den zurückliegenden Monaten kontinuierlich gestiegen sind und mit derzeit rund 4 Prozent in der Nähe des Zwei-Jahreshochs liegen. Dabei halten die Hedge-Fonds Marshall Wace LLP und Ennismore Fund Management Ltd. Short-Positionen von 2,1 Prozent beziehungsweise 1,5 Prozent. Beide Investoren wollten sich dazu nicht äussern.

Und Investoren die das Unternehmen schon länger verfolgen, könnten durchaus Zweifel haben, angesichts der "grossen Chancen", die sich in der Vergangenheit nicht materialisiert hätten, sagte Oliver Knott, Analyst bei N + 1 Singer. Die in London gehandelten Aktien notierten schon im Jahr 2000 bei 762 Pence, bevor sie im Jahr 2003 auf ein Tief um 2,2 Pence abstürzten. Bis zum Anstieg in diesem Jahr wurden die Titel seitdem nicht mehr über 59 Pence gehandelt. Ein weiterer Beleg für die Volatilität der Aktie: Nach der Zahlenvorlage am 5. September fielen die Aktien zunächst um 12 Prozent, bevor sie dann 6,5 Prozent fester aus dem Handel gingen.

Allerdings glaubt Knott, dass die Dinge dieses Mal anders liegen. Er geht davon aus, dass IQE ein Zulieferer von Lumentum Holdings ist, deren Aktien in diesem Jahr um 49 Prozent angezogen haben, da Marktteilnehmer spekulieren, dass das Unternehmen Laser für das neue iPhone liefert.

Beziehungen zu Apple können gefährlich sein

Andere europäische Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen zu Apple haben aber durchaus durchwachsene Erfahrungen gemacht. So verlor etwa Imagination Technologies Group an einem einzigen Tag fast zwei Drittel ihres Marktwerts, nachdem der iPhone-Hersteller angekündigt hatte, künftig auf die Grafiktechnologie des Unternehmens zu verzichten. Derzeit wird spekuliert, dass Investoren wie das von China unterstützte Private-Equity-Unternehmen Canyon Bridge Capital Partners ein Auge auf Teile des Geschäfts von Imagination Technologies geworfen haben.

Auch die Aktien der deutschen Dialog Semiconductor Plc. kamen nach Befürchtungen unter die Räder, dass Apple die eigenen Anstrengungen erhöht, um die bislang von Dialog gelieferten Halbleiter künftig selbst zu fertigen. Aktien der AMS AG hingegen, die ebenfalls beim Geschäft mit 3-D-Sensoren für das neue iPhone mit von der Partie ist, sind um 168 Prozent in diesem Jahr gestiegen.

Analyst Knott hält es freilich für unwahrscheinlich, dass IQE das Schicksal von Imagination teilen wird. Denn es handele sich bei IQE um einen komplexen Herstellungsprozess und nicht wie bei Imagination nur um ein ausschliesslich intellektuelles Design. Laut IQE-CEO Nelson ist kein einziger Kunde für mehr als 20 Prozent des Umsatzes verantwortlich. Darüber hinaus seien die Barrieren für Änderungen bei der Lieferkette riesig.

(Bloomberg)