Welche Schweizer Firma wird als nächstes übernommen?

Innert kurzer Zeit haben mit Charles Voegele und Looser zwei Firmen am SPI Übernahmeangebote erhalten. Solange die Zinsen tief sind, wird sich die Lage am Markt nicht beruhigen. cash nennt mögliche Übernahmekandidaten.
20.09.2016 06:54
Von Daniel Hügli und Marc Forster
Firmen gehen weltweit auf Einkaufstour: Die Schweizer Unternehmen sind davon nicht verschont.
Firmen gehen weltweit auf Einkaufstour: Die Schweizer Unternehmen sind davon nicht verschont.
Bild: ©kebox/Fotolia.com

Die Industriegruppe Looser geht an AFG Arbonia Forster, die Kleiderkette Charles Voegele erhält ein Übernahmeangebot vom italienischen Konkurrenten OVS. In nur drei Handelstagen kam es an der Schweizer Börse also zu hektischen Aktivitäten im Bereich Mergers & Acquisitions (M&A, oder: Übernahmen und Zusammenschlüsse).

Doch das zeitliche Aufeinandertreffen ist eher zufällig. In Sachen Übernahmen geht es an der Schweizer Börse seit längerem hoch zu und her. Vor dem Abschluss steht etwa die Übernahme von Gategroup durch den chinesischen Investor HNA. Auf der Zielgeraden befindet sich auch der Deal zwischen Syngenta und dem chinesischen Konzern ChemChina. Und die japanische TDK greift nach dem Schweizer Halbleiterhersteller Micronas. Das nur drei Beispiele.

Die Geldaufnahme zur Finanzierung von M&A-Aktivitäten ist dank Tiefzinsen billig wie nie zuvor. So wird es auch in den nächsten Monaten immer wieder zu Übernahmeangeboten durch ausländische Firmen kommen. Aber auch Schweizer Firmen werden Jagd nach Firmenperlen machen. "Nichts ist mehr unmöglich bei M&A", lautet der Tenor in der Branche.

Laut Marc Possa, Geschäftsführer und Fondsmanager bei VV Vermögensverwaltung in Zug, ist ein starker Ankeraktionär eine gute Voraussetzung dafür, damit sich eine Firma vor einer Übernahme schützen kann. Allerdings, so schränkt er ein: Ankeraktionär nicht gleich Grossaktionär. Denn letztere haben in der Regel oft weniger langfristige Interessen an einem Unternehmen und halten Aktien, um diese bei einem passenden Übernahmeangebot dem Käufer anzudienen.

cash nennt acht Schweizer Unternehmen, die ins Visier von möglichen Käufern geraten können oder bereits geraten sind. Die Auswahl beruht auf Aussagen und Einschätzungen von Marktbeobachtern und M&A-Spezialisten.

Sulzer: Obwohl Grossaktionär Viktor Vekselberg seinen Anteil am Winterthurer Industriekonzern auf 64 Prozent ausgebaut hat, wird er mit der Entwicklung seines Investments alles andere als zufrieden sein. Seit Mitte 2013 zeigt der Aktienkurs nach unten. Kein Wunder: Sulzer macht rund 50 Prozent seines Umsatzes aus dem Ölgeschäft, und der sinkende Ölpreis macht der Firma zu schaffen. Zuletzt ist Vekselberg überdies in seiner Heimat wegen Strafuntersuchungen gegen einige Firmen aus seiner Renova Holding unter Druck geraten. Vekselberg ist ein Grossaktionär, kein Ankeraktionär. Wenn der Preis stimmt, könnte er Sulzer verkaufen.

Aryzta: Wegen des hohen Verschuldungsgrades ist der Backwarenhersteller so etwas wie eine "tickende Zeitbombe", wie es ein Marktteilnehmer formuliert. Denn Zinserhöhungen könnte die Firma plötzlich in Schwierigkeiten bringen. Zudem hat die Firma auf Ebene Corporate Governance einiges Vertrauen verspielt. Im März etwa, nach der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen, hat CEO Owen Kilian eigene Firmen-Aktien entsprechend 0,5 Prozent des Aktienkapitals verkauft. Ein Vertrauensbeweis sieht anders aus. Durchaus möglich, dass etwa ein Grosskunde von Aryzta mit entsprechend grosser Kenntnis der Firma auf den Plan treten und Aryzta übernehmen könnte. Mit dem Ziel, "aufzuräumen" und die Kosten radikal zu senken.

Galenica: Mit fast 100 Prozent Zuwachs war die Aktie bester Performer an der Schweizer Börse im letzten Jahr. Doch seit März in diesem Jahr hat sie 25 Prozent ihres Wertes verloren. Grossaktionär KKR verkauft seinen grossen Anteil an Galenica, zu Ende gebracht haben will er dies noch vor der geplanten Aufspaltung in Galenica Vifor (Pharmasparte) und Galenica Santé (Apotheken). Zwar hat Galenica ein Vorkaufsrecht für das KKR-Aktienpaket und kann bestimmen, wo die Aktien landen. Aber das Filetstück von Galenica - das Geschäft mit Eisenpräparaten, in welchem die Firma weltweit führend ist - könnte noch vor der Firmenaufspaltung Übernahmeinteressenten anlocken. Auch Grossaktionär Martin Ebner könnte sich dann die Hände reiben.

Meyer Burger: Seit zehn Jahren schreibt der Solarzulieferer und Photovoltaikspezialist operativ Verluste, so dass das Unternehmen mit Kapitalerhöhungen und Anleihen über Wasser gehalten werden muss. Der Aktienkurs schwankt deutlich, ist aber langfristig seit einem Höchststand bei fast 37 Franken vor gut fünf Jahren auf rekordtiefe 3,50 Franken gefallen. Meyer Burger hat bekannte Grossaktionäre wie die Investmentgesellschaften Generation (5,1 Prozent) oder Henderson Group (3,2 Prozent), die sich aber dann verabschieden, wenn die Kasse stimmt. Solange der Markt schwach ist, ist Meyer Burger ein Übernahmekandidat, auch wenn die Produkte gut sind und das Unternehmen eine bedeutende Marktstellung hat. Meyer Burger ist in China bereits stark und könnte auch von Chinesen aufgekauft werden.

Ascom: Die Technologiegruppe hat keinen Ankeraktionär, seit die Zürcher Kantonalbank ihre Beteiligung veräussert hat. Grösster Anteilseigner ist heute das UBS-Fondsmanagement mit 5,3 Prozent. Mit dem Verkauf der anfälligen Sparte Mobilfunk-Testvorrichtungen Network Testing besteht Ascom künftig noch aus der bisherigen Konzerndivision Wireless Solutions. Im Sortiment hält der Ex-Staatsbetrieb spezialisierte Kommunikationssysteme bereit. Für Telekomunternehmen oder Netzwerkausrüster ist Ascom interessant. So wie Network Testing an die französische Infovista ging, könnte die Rest-Ascom ähnliche Käufer finden. Die Ascom-Aktie ist zuletzt gestiegen, liegt aber 14 Prozent unter einem Mehrjahreshoch Anfang Dezember 2015.

AMS: Halbleiter, die Licht, Geräusche, Temperaturen und Druck für digitale Geräte umwandeln: So funktionieren Smartphones und Tablets. Wenn dann die wichtigsten Kunden Apple und Samsung sind und die wichtigsten Aktionäre Fonds und Beteiligungsgesellschaften, kann man sich nur schwer vorstellen, wie AMS kein begehrtes Übernahmeziel sein soll. Vor nicht allzulanger Zeit wurden US-Firmen wie Texas Instruments, Microchip Technologies und Analog Devices als mögliche Käufer genannt. Die hohe Abhängigkeit von Apple – für seine Zuliefererpolitik berüchtigt – hat die Aktie seit Mitte 2015 um fast die Hälfte an Wert einbüssen lassen. Solange das Know-How von AMS gefragt ist und der Markt als intakt angesehen wird, ist AMS für Firmenjäger weltweit ein Thema.

Clariant: Clariant wird seit Jahren als Übernahmekandidat gehandelt. Der deutsche Chemiekonzern Evonik trachtete vor einem Jahr mehr oder weniger offen nach dem Baselbieter Unternehmen. Angesichts der Aufstellung von Clariant wohl nicht immer sinnvoll, werden auch Chemieriesen wie Dow Chemical, DuPont und BASF Ambitionen nachgesagt. Allerdings, im Chemiesektor brummt der Übernahmebetrieb und daher ist vieles möglich. Das Auf und Ab der Clariant-Aktie hat auch mit diesen Fantasien zu tun. Ein Wort mitzureden hat eine Gruppe aus Familieninvestoren, die knapp 14 Prozent der Anteile hält. Entschlossen und mit Sinn "Flucht nach vorne" betont indessen das Management, Clariant sei eher Jäger als Gejagter. Man kaufte in einem wichtigen Schritt 2011 die deutsche Süd-Chemie. Clariant ist operativ kein einfaches Unternehmen, Restrukturierungen haben die Profitabilität aber verbessert.

u-Blox: Für den deutschen Halbleiterkonzern Infineon wäre u-Blox ein interessanter Kauf. Zwar wird von u-Blox-Seite bestritten, dass es dafür eine "industrielle Logik" gebe, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die Entwicklungen der Thalwiler Firma für kaufwillige Technologieunternehmen begehrt sind. Die Chips von u-Blox steuern Maschinen, Geräte und Gegenstände, die miteinander kommunizieren, also Anwendungen aus dem Zukunftsmarkt des Internets der Dinge. In den vergangenen Jahren zeigte die Kurskurve der Aktie deutlich nach oben. Allerdings sind die Aktien nun billiger geworden, nachdem sie seit Anfang August um 15 Prozent korrigiert haben. Im Aktionariat gibt es keine Kräfte, für welche die Unabhängigkeit des Unternehmens eine Herzensangelegenheit wäre: Den grössten Anteil hält mit 3 Prozent das UBS-Fondsmanagement.