Weshalb Anleger derzeit auf der faulen Haut liegen

Seit Monaten klagen Banken und Broker über sinkende Handelsaktivitäten ihrer Kunden. Das kratzt an den Gewinnen der Institute. Was sind die Gründe für die Zurückhaltung der Anleger? Und wann wird die Situation besser?
13.09.2016 23:15
Von Pascal Züger und Ivo Ruch
Viele Anleger legen derzeit die Brille nieder und verzichten auf ein Investment.
Viele Anleger legen derzeit die Brille nieder und verzichten auf ein Investment.
Bild: freeimages

Die Aktien der Schweizer Grossbanken haben eigentlich gute Wochen hinter sich. Mit Kursgewinnen von 15 (Credit Suisse) respektive 7 Prozent (UBS) in den letzten vier Wochen erleben die zuvor arg gebeutelten Finanzwerte vergessen geglaubte Zeiten. Kehren die Anleger allmählich zurück zur Vernunft? Oder profitieren die Bankaktien schlicht von ihrem zurückliegenden Wertzerfall, der sie nun preiswert erscheinen lässt?

Fakt ist: Teure Rechtsfälle, sinkende Margen aufgrund des Niedrigzinsumfelds und schrumpfende Handelserträge stellen die Banken vor eine ungewisse Zukunft. Gerade die niedrige Kundenaktivität in Form des Kommissions- und Dienstleistungsgeschäfts macht den Finanzinstituten in diesem Jahr zu schaffen und schlägt sich in ihren Geschäftszahlen nieder. Bei der UBS etwa ging der Vorsteuergewinn in der Vermögensverwaltung im zweiten Quartal um 163 auf 606 Millionen Franken zurück. In der Investment Bank sank der Vorsteuergewinn um 28 Prozent.

Die Grossbanken sind bei weitem nicht die einzigen, die mit der Trägheit der Kunden zu kämpfen haben. Die Bankiervereinigung stellte unlängst fest, dass das Handelsgeschäft der Schweizer Banken im ersten Halbjahr grundsätzlich einen deutlichen Umsatzeinbruch erlitten habe. Und ein Blick auf die Statistik der Schweizer Börse SIX verrät, dass der Handel im August im Vergleich zum Vorjahr um satte 25 Prozent rückläufig war.

Unsicherheit ist Gift für die Finanzmärkte

Wieso agieren Anleger so zaghaft und weshalb ist ihnen die Lust am Börsenhandel abhanden gekommen? "Die grossen Schwankungen an den Märkten schrecken die Leute ab", sagt ein für den Schweizer Markt zuständiger Portfoliomanager zu cash. Eine Unsicherheit, die aus einem Mix verschiedener Ursachen entstanden ist:

  • Angst vor Crash: Die hohen Volatilitäten der Märkte in diesem Jahr halten viele Anleger von der Börse fern. Zu nah sind die Erinnerungen etwa an den August letzten Jahres, als Chinas Wachstumssorgen die Börsen weltweit erschütterten. Der Swiss Market Index (SMI) verlor damals in drei Wochen über 10 Prozent. Auch zu Beginn des aktuellen Jahres verlor der SMI in fünf Wochen fast ein Viertel seines Wertes. Erinnerungen an die Finanzkrise 2007/08 wurden wach.
  • Unsicherheit über kurzfristige Zinsentwicklung: Schon seit mittlerweile zwei Jahren geistert die Angst vor den US-Zinserhöhungen in den Köpfen der Anleger herum. Bislang wagte die US-Notenbank einen einzigen Zinsschritt nach oben. Sobald sich eine Verzögerung des nächsten Zinsschrittes anbahnt - wie gestern der Fall - gehen die Aktienmärkte wieder etwas hoch. Höhere Zinsen machen grundsätzlich Obligationen im Vergleich zu Aktien attraktiver. Deshalb fürchten Aktieninvestoren einen zu schnellen Leitzinsanstieg in den USA.
  • Teure Bewertung der Aktien: Weil im Niedrigzinsumfeld praktisch nur noch Aktien hohes Renditepotenzial zugetraut wird, ist bereits viel in diese Anlageklasse investiert worden. Die US-Börsen eilten diesen Sommer von Rekordhoch zu Rekordhoch. In der Schweiz treiben Anleger viele Small- und Mid-Caps-Bereich auf Rekordhöhen. Beim Anleger macht sich das Gefühl von Überteuerung der Aktien breit. 
  • Politische Risiken: Auf dem politischen Parkett könnten in nächster Zeit einige Änderungen anstehen. Am 8. November wird der neue US-Präsident beziehungsweise die neue US-Präsidentin gewählt, im November stimmt Italien über ein Verfassungsreferendum ab und im nächsten Jahr stehen in Deutschland und Frankreich Wahlen an. Für längere Zeit wird wohl auch die Umsetzung des Brexit für Verunsicherung an den Märkten sorgen. Das in einem Umfeld, in dem sich die Euro-Zone noch immer nicht nachhaltig stabilisiert hat.
  • Diffuses Misstrauen gegenüber Börse, Banken und Notenbanken allgemein: Zwei Mega-Crashes an den Börsen (Dotcom-Blase, Finanzkrise) sind noch immer in den Köpfen der erfahrenen Anleger. Das Image der Banken und das Vertrauen in das Finanzsystem ist seit der Finanzkrise ramponiert. Zudem hinterlässt das permanente Brandlöschen der Notenbanken mittels Zinssenkungen und Anleihekäufen grosse Verunsicherung bei den Anlegern. 

Handelsvolumen ziehen wieder etwas an

Um die letztgenannten Gründe aus den Köpfen der Anleger zu schaffen, bedarf es wohl noch einiger Jahre. Und es braucht auch eine Normalisierung des allgemeinen Zinsumfeldes, was wiederum ein nachhaltiges Wachstum in den Industrieländern voraussetzt. Und auch das kann dauern. Aus Anlegersicht könnte sicher eine Verringerung der Marktvolatilität für Beruhigung sorgen.

Kurzfristig zeigt sich für Banken immerhin ein Silberstreif am Horizont. Der Brexit-Votum vom 23. Juni hatte ja viele Anleger zum Ausstieg bewogen. Diese scheinen nun aber wieder vermehrt Aktienkäufe zu tätigen. 

"Im dritten Quartal gab es wieder vermehrt Handelsaktivitäten", sagt Bankenprofessor Maurice Pedergnana von der Hochschule Luzern. Doch prinzipiell nehme die durchschnittliche Haltedauer von Aktien in steigenden Märkten ab. "Steigen die Kurse, reichen manchmal schon wenige Prozente, um die Wertpapiere wieder zu veräussern. Das beobachten wir auch jetzt wieder."

Den Banken kommt aber auch zu Gute, dass deren Handelsgeschäft nicht nur aus dem Aktienhandel besteht. Im Bondhandel etwa liegen die Aktivitäten gemäss Pedergnana derzeit im üblichen Rahmen. Einige Unternehmen würden sich günstig refinanzieren und mit dem frischen Geld Rückkäufe von älteren, höheren verzinslichen Anleihen tätigen.

Ein Einbruch ist hier nicht erkennbar. Schwieriger ist das Devisenabsicherungsgeschäft: Die Stützung gegenüber dem Euro wird quasi von der Schweizerischen Nationalbank übernommen, so dass den Banken dieses Geschäft "geklaut" wird.