Weshalb Schweizer Firmen im Ausland an die Börse gehen

Dieses Jahr lassen sich mehr Schweizer Firmen im Ausland kotieren als an der SIX. Ist die heimische Börsenbetreiberin daran Schuld? Oder lockt vor allem die Kotierung an der US-Technologiebörse Nasdaq?
27.09.2016 06:42
Von Marc Forster und Pascal Züger
Die New Yorker Technologiebörse Nasdaq zieht Biotech-Start-ups an.
Die New Yorker Technologiebörse Nasdaq zieht Biotech-Start-ups an.
Bild: Bloomberg

Die Welt ist derzeit nicht gerade im IPO-Fieber: Wie eine Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young vom Juni zeigt, ist die Zahl der weltweiten Börsengänge im zweiten Quartal 2016 im Vergleich zum Vorjahr um ganze 38 Prozent zurückgegangen. Das generierte Emissionsvolumen verringerte sich gar um 61 Prozent. Der stärkste Rückgang weist dabei China auf.

Nicht ganz so drastisch ist der Einbruch an der Schweizer Börse SIX. Immerhin liessen sich in diesem Jahr bislang drei Firmen kotieren: Investis, VAT Group und Wisekey. Das ist zwar keine hohe Zahl, liegt aber mehr oder weniger im Schnitt der letzten Jahre und ist daher keine Überraschung. Einen Dämpfer versetzte dem Schweizer IPO-Geschäft allerdings das Tessiner Biopharmazie-Unternehmen Adienne, das am Montag den geplanten Börsengang wegen des schlechten Marktumfeldes absagte. 

Erstaunlicher ist indessen die Anzahl Schweizer Firmen, welche die SIX verschmähen und sich in diesem Jahr stattdessen für eine ausländische Börse entschieden haben: Mit Shield Therapeutics, GeNeuro, TalkPool, AC Immune und Crispr Therapeutics sind es im 2016 bislang nämlich deren fünf - vier davon stammen aus der Biotech-Sparte.

Börsengänge 2016 Schweizer Firmen im Ausland

Firma, Sitz Branche Börse Datum IPO
Shield Therapeutics, Wollerau SZ Biotech London Stock Exchange 12.02.2016
GeNeuro, Genf Biotech Euronext Paris 30.03.2016
TalkPool, Chur Telekommunikation Nasdaq First North, Stockholm 10.05.2016
AC Immune, Lausanne Biotech Nasdaq Exchange, USA Noch offen
Crispr Therapeutics, Basel Biotech Nasdaq Exchange, USA Noch offen

Die Kotierungen fanden in London, Paris, Stockholm und New York statt. Was die Frage aufwirft, ob es an der Schweizer Börsenbetreiberin SIX Group liegt, weshalb diese Firmen ihr Glück in der Ferne suchen? Immerhin steht die SIX, die 130 Schweizer Finanzunternehmen gehört, in der Kritik, wie die NZZ am letzten Samstag in ungewohnt scharfen Worten geisselte: Sie agiere langsam, lasse eine Strategie vermissen und arbeite zu wenig effizient. Auch Störungen und Ausfälle bei Websites, die Daten von der SIX beziehen, trüben das Image der Finanzgruppe. 

Jürg Zürcher, Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma EY, nimmt die Schweizer Börsenbetreiberin eher in Schutz. Eine SIX-Kotierung sei für eine Schweizer Gesellschaft einfacher als eine US-Kotierung: "Mit einer US-Kotierung muss sie sowohl die amerikanische Regulation befolgen, als auch Regeln für Schweizer Aktiengesellschaften wie gewisse Publizitätspflichten oder Vergütungsregeln." Beim Börsengang etwa in den USA selbst entstehen Mehrkosten etwa durch US-Anwälte.

Die Börsenkotierung aufrecht zu erhalten sei ebenfalls aufwändiger, sagt Zürcher. Auch die SIX Group selbst verteidigt sich und sieht sich keineswegs im Hintertreffen: "Bei uns sind die Kotierungsprozesse sehr effizient", sagt Stephan Meier, Sprecher des Finanzdienstleistungsunternehmens. Innerhalb von 20 Börsentagen könne eine Börsenkotierung durchgeführt werden: "Dass kann bei anderen Börsen länger dauern."

Da, wo Industrie und Analysten zuhause sind

Dennoch: Zwei von vier diesjährigen Schweizer Biotech-Börsengängen führen nach New York, denn dort finden diese forschenden Unternehmen auf der Suche nach Geldgebern ein grosses Cluster an ähnlichen Firmen. "Gerade bei Biotech-IPOs gehen Firmen gerne dahin, wo 'die Industrie zuhause' ist", sagt Zürcher von EY. Dieser Motivation folgte seinerzeit schon der in Zug domizilierte Minenkonzern Glencore, als er sich 2011 in London kotieren liess, denn dort lassen viele Rohstoffunternehmen ihre Aktien handeln. Auch für die Investoren besteht eine Art "Heimat-Faktor".

Die SIX verfügt über ein gutes Team für Biotech-Firmen, aber im Vergleich zur Nasdaq ist sie in einer Situation David gegen Goliath. Die Nasdaq ist im Biotech-Sektor viel grösser als andere Börsen. Dazu kommt, dass die Nasdaq sehr aggressiv um Firmen wirbt. Auch in Europa fährt die Technologiebörse eine breite Marketing-Strategie.

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt für kotierungswillige Firmen ist schliesslich auch das Banken-Research. Auf dem alten Kontinent sind Experten für Biotech-Firmen heute Mangelware, denn in der Schweiz und bei europäischen Grossbanken ist die Analysten-Abdeckung des Biotech-Sektors in den vergangenen Jahren heruntergefahren worden und gar so etwas verloren gegangen. In den USA gibt es dafür weiterhin zahlreiche Spezialisten.

SIX gibt sich gelassen

Ein Trend, dass Firmen en masse eine Kotierung im Ausland suchen, machen die Experten nicht aus. Bei der relativ geringen Zahl an IPO in der Schweiz ist es auch nicht einfach, ein Muster zu erkennen. Die Gründe für die Wahl der Börse ist von individuellen Überlegungen der Unternehmen geprägt: Der Churer Netzwerkdienstleister TalkPool, der sich an beim Nasdaq-Ableger in Stockholm kotieren lässt, hat einen Teil des Geschäfts in Schweden. Sowohl der Technologiecharakter des Unternehmens als auch die geographische Ausrichtung sprechen gegen ein IPO an der SIX.

In Zürich sieht man jedenfalls noch keine Felle davonschwimmen. Die SIX verweist darauf, dass es früher schon Schweizer Firmen gab, die eine ausländische Kotierung suchten. aber die Nasdaq bleibt weiterhin Nummer Eins in diesem Sektor: "Wir haben ein Team, welches aktiv auf IPO-Kandidaten zugeht, andererseits kommen auch Unternehmen aktiv auf uns zu für den Börsengang", sagt Mediensprecher Meier. Auch aus Sicht von EY-Branchenkenner Zürcher wird es weiter Biotech-IPO in der Schweiz geben, aber Nasdaq gleichzeitig die unangefochtene Nummer Eins unter den Technologiebörsen sein.