Wie die EZB ihr Anleihen-Kaufprogramm nachbessern könnte

Die Europäische Zentralbank dürfte auf eine Verlängerung ihrer umstrittenen Anleihenkäufe zusteuern. Gleichzeitig müsste die EZB aber einige Scharniere des Programms nachjustieren.
19.11.2016 16:55
Schafft es EZB-Chef Mario Draghi bald ein weiteres Mal, die Märkte in die gewünschte Richtung zu lenken?
Schafft es EZB-Chef Mario Draghi bald ein weiteres Mal, die Märkte in die gewünschte Richtung zu lenken?
Bild: Bloomberg

EZB-Chef Mario Draghi hat ein abruptes Ende der Transaktionen im Volumen von aktuell rund 80 Milliarden Euro pro Monat als unwahrscheinlich bezeichnet. Das Programm soll nach bisherigen Planungen noch bis mindestens Ende März 2017 laufen. Die EZB prüft derzeit, wie eine reibungslose Umsetzung auch künftig gesichert werden kann. Bis zur Zinssitzung im Dezember sollen dazu Ergebnisse vorliegen. Dann wollen die Euro-Wächter in Frankfurt entscheiden, wie es mit den Käufen nach März weitergehen soll.

Geht die EZB mit ihrem bislang auf 1,74 Billionen Euro angelegten Programm in die Verlängerung, könnten Ökonomen zufolge irgendwann die passenden Anleihen ausgehen. Zwar sind die Renditen von deutschen Bundesanleihen und niederländischen Titeln zuletzt gestiegen - aber der Markt kann sich auch rasch wieder drehen. Daher gehen Experten davon aus, dass bei einer Verlängerung der Käufe auch einige Scharniere des Programms nachjustiert werden müssen. Konkret könnte die EZB folgendes unternehmen:

Kaufgrenzen anheben

Mehr Spielraum würden die Währungshüter gewinnen, wenn sie ihre selbst gesetzten Kaufobergrenzen erhöhen. Aktuell dürfen sie bis zu 33 Prozent einer einzelnen Staatsanleihe halten. Bei Titeln mit einer Umschuldungsklausel (CAC) liegt das Limit sogar nur bei 25 Prozent. Damit soll verhindert werden, dass die EZB in eine Sperrminoritäts-Position gerät und so Entscheidungen anderer Gläubiger blockieren kann.

Experten zufolge könnte die EZB die Obergrenze für Titel ohne CAC-Klausel in Richtung 50 Prozent anheben. Nach Einschätzung der französischen Grossbank BNP Paribas würde das der EZB Spielraum für mehrere Monate geben. Sollten die Euro-Wächter das Limit sogar für alle Staatsanleihen in Richtung 50 Prozent erhöhen, kämen noch weitere Monate hinzu.

Eine andere Stellschraube ist das Emittenten-Limit. Die Währungshüter dürfen nach eigenen Regeln nur bis zu 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes mit Laufzeiten zwischen zwei und 30 Jahren halten. Damit wollen sie verhindern, dass sie zu einem dominanten Gläubiger der Regierungen aufsteigen und die freie Preisbildung am Markt verzerrt wird. Geht die EZB hier in Richtung 40 oder 50 Prozent, könnten Kritiker allerdings einwenden, dass die Grenze zur verbotenen Staatsfinanzierung verschwimmt. Die Bundesbank sieht das Kaufprogramm aus diesem Grund schon seit langem kritisch.

Rendite-Untergrenze senken

Die Währungshüter haben zudem festgelegt, nur solche Anleihen zu kaufen, deren Rendite höher liegt als der sogenannte Einlagensatz. Dies ist der von der Notenbank festgelegte Zins für Gelder, die bei ihr über Nacht geparkt werden. Der Einlagensatz liegt aktuell bei minus 0,4 Prozent. Banken müssen also Strafgebühren zahlen, wenn sie überschüssiges Geld bei der EZB horten.

Experten zufolge könnte die Zentralbank diese Grenze ausser Kraft setzen - etwa zeitweise oder an bestimmte Bedingungen geknüpft. Der für Käufe in Frage kommende Anleihenbestand würde dann ebenfalls erweitert. Allerdings würde die Euro-Notenbank bei diesem Schritt zum Kaufzeitpunkt bewusst Verluste mit in Kauf nehmen. Neue Kritik wäre vorprogrammiert.

Kapitalschlüssel lockern

Die Euro-Wächter könnten auch das Grundgerüst der Käufe verändern, den sogenannten Kapitalschlüssel. Dieser sorgt dafür, dass mehr Titel von Staaten gekauft werden, die der Notenbank mehr Eigenkapital zur Verfügung stellen. Der Anteil der auf ein Land entfallenden Käufe ist dabei ein Spiegel der jeweiligen Wirtschaftskraft.

Auf deutsche Bundesanleihen entfallen deshalb besonders viele Transaktionen - etwa 16 bis 19 Milliarden Euro pro Monat nach Schätzungen der Schweizer Bank UBS. Mit einer Aufweichung dieser Regel könnten künftig zeitweise weniger Titel solcher Staaten gekauft werden, bei denen Knappheitsprobleme drohen. Anleihen anderer Länder könnten dann stärker zum Zuge kommen.

Die meisten Experten rechnen allerdings nur mit geringen Änderungen an diesem Grund-Design, das auch vielen Bedenken der deutschen Bundesbank Rechnung trägt. Würden Draghi und Co. den Schlüssel ganz ausser Kraft setzen und ihre Transaktionen etwa nach der Grösse des jeweiligen Anleihenmarktes ausrichten, könnten Kritiker dies als verbotene Staatsfinanzierung angreifen. Denn dann kämen gerade höher verschuldete Staaten - wie etwa Italien - besonders zum Zuge.

Zusätzliche Wertpapiere

Eine weitere Option bestünde darin, andere Schuldtitel in das Programm aufzunehmen. Bislang erwerben die Währungshüter Staatsanleihen mit Laufzeiten von 2 bis 30 Jahren. Die Laufzeitobergrenze könnte nach oben gesetzt werden. Allerdings haben Euro-Länder nur wenige 50-jährige Bonds ausgegeben, so dass die EZB ihren Spielraum dadurch nicht stark vergrössern würde.

Neben Staatsanleihen erwerben die Währungshüter bereits Pfandbriefe, Hypothekenpapiere, Regionalanleihen, Schuldtitel supranationaler Institutionen und seit Juni dieses Jahres auch Firmenanleihen. In der Vergangenheit wurde von Zinsstrategen auch der Erwerb von Bankanleihen ins Spiel gebracht. EZB-Direktor Benoit Coeure hat dies aber im September ausgeschlossen.

(Reuters)