«Wir werden beim SMI sicher höher gehen»

Viele Schweizer Firmen warten derzeit mit eher negativen Zahlen auf. Das ist nicht bloss ein Frankenproblem, meint Anlageexperte Thomas Della Casa im cash-Interview, in dem er auch den weiteren Börsenverlauf einschätzt.
27.10.2015 14:23
Von Pascal Züger
Thomas Della Casa ist Anlagechef bei der Neuen Helvetischen Bank.
Thomas Della Casa ist Anlagechef bei der Neuen Helvetischen Bank.
Bild: cash

Der Swiss Market Index dümpelt seit dem China-Crash Mitte August orientierungslos vor sich hin. Mal etwas hoch, mal etwas runter. Es ist keine klare Richtung ersichtlich. Durch die Drittquartalszahlen der Schweizer Firmen hätte man sich etwas Klarheit erhofft, unter Börsenprofis war gar von einer anstehenden Jahresendrallye die Rede.

Doch die positiven Signale bleiben bislang aus. Im Gegenteil. Es hagelt richtiggehend ernüchterne Unternehmenszahlen zum dritten Quartal. So enttäuschten in den letzten Tagen Novartis, Geberit, Bucher, Sulzer und ABB. Nestle, OC Oerlikon, AMS, Syngenta und Panalpina mussten gar ihr Jahresziele nach unten korrigieren.

Ist der starke Franken Schuld an der Misere und was bedeuten diese ernüchternden Zahlen für die Schweizer Börse und die Schweizer Wirtschaft im allgemeinen? cash hat dazu Thomas Della Casa, Anlagechef der Neuen Helvetischen Bank, befragt:

cash: Viele börsenkotierte Schweizer Firmen enttäuschen mit den Drittquartalszahlen, verschiedene Jahresprognosen werden gekappt. Ist der starke Franken der Hauptschuldige?

Thomas Della Casa: Nein, ich würde es nicht als Frankenproblem alleine anschauen. Wir haben schon im zweiten Quartal festgestellt, dass gewisse Revisionen stattfanden, vor allem bei den Schätzungen für den Gewinn je Aktie. Beispielsweise hat sich für 2015 im SMI der Gewinnkonsens in den letzten sechs Monaten um 0,7 Prozent reduziert, was sich nun auch im dritten Quartal weiter fortsetzte.

Was war denn der Hauptgrund für die eher ernüchternden Zahlen?

Das hat vor allem mit der schwächelnden globalen Konjunktur zu tun. 2015 wird wahrscheinlich ein schlechteres Wachstum als 2014 bringen. Vor allem unsere Grosskonzerne und mittelgrossen Unternehmen sind sehr stark von Asien und China abhängig, was sich nun auch in den Zahlen niedergeschlagen hat.

Kommt es zu Kurszielanpassungen bei den Aktien?

Nicht unbedingt. Es ist nämlich schon fast Tradition, dass Analysten Anfang Jahr zu gute Zahlen schätzen und diese gegen Jahresende nach unten korrigieren. Wenn wir die Bewertungen anschauen, sind wir in einem Bereich, wo nicht viel passieren wird. Der SMI hat zum Beispiel ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,8 für nächstes Jahr und eine Dividendenrendite von 3,6 Prozent. Ich glaube nicht, dass hier viel angepasst wird.

Wie werden sich die Drittquartalszahlen auf die gesamte Schweizer Börse auswirken? Kommt es zu keiner Jahresendrallye?

Ich denke, wir werden gegen Ende Jahr einen deutlich besseren Abschluss sehen, als man dies jetzt erwartet. Die Grossanlagekapitalien suchen nach wie vor ein Heim und werden dies teilweise bei Aktien finden. Wir werden sicher noch höher gehen. Ende Jahr wird der SMI bei über 9000 Punkten stehen.

Sie sind also weiterhin optimistisch?

Jein, die Prognose haben wir nicht angepasst, sie war über die letzten drei Quartale immer gleich. Die ersten viereinhalb Monate des Jahres erlebten wir ein Aufschiessen der Börse, in den Sommermonaten Juni und August kam es dann zu Korrekturen. Es war eine typische Bewegung zurück zum Mittelwert (Mean-Reversion-Bewegung), und jetzt wird es dann auch wieder aufwärts gehen.

Kommt es im Jahr 2016 zu einer leichten Dämpfung der Erwartungen wegen des anhaltend starken Frankens?

Die SMI-Firmen sind eher global orientiert. Wenige davon haben wirklich Probleme mit dem Schweizer Franken, es sind dies vor allem Industrieunternehmen, die in der Schweiz produzieren und exportieren. Generell glauben wir, dass 2016 kein schlechtes Börsenjahr wird, weil es doch Anzeichen gibt, dass sich die Wirtschaftsverfassung leicht verbessern wird. In Europa gibt es auch politische Fortschritte, zum Beispiel in Italien. Ausserdem haben wir nach wie vor extrem tiefe Zinsen, in der Schweiz bekanntlich sogar Negativzinsen. Der komparative Wert der Aktien ist nach wie vor sehr tief und müsste eigentlich höher sein. Die Aktienbörse müsste dies stärker reflektieren und zeigen, dass keine Ausweichmöglichkeit zu den Aktien existiert. Cash halten ist keine Alternative.

Werden nun mit diesen enttäuschenden Zahlen Kostensenkungen und Entlassungen noch mehr im Vordergrund stehen?

Bei KMU und kleineren börsenkotierten Unternehmen mit grossem Kostenblock in der Schweiz bleibt es schwierig. Wenn Kosten nicht reduziert werden können, wird es letzten Endes zu weiteren Reduktionen von Arbeitsplätzen kommen.

Welche Branchen sind besonders gefährdet für Entlassungen?

Am meisten Leiden wird sicherlich die verarbeitende Industrie. Anders ist die Situation im Bankensektor. Hier geht es nicht nur um die Kosten, zwar auch, weil die Margen seit 5 Jahren sinken, aber der Bankensektor sieht sich einem verändernden Umfeld gegenüber, durch das gewisse Positionen unter Druck geraten und es zu Verlagerungen ins Ausland kommt.