«Wir wollen das nächste Google finden»

Zukunftsforscherin Amanda Kayne blickt auf kommende Investment-Trends. Und sie erklärt, weshalb sich die Schweiz anstrengen muss.
04.02.2016 00:15
Von Ivo Ruch
Amanda Kayne, Zukunftsforscherin bei der Bank Julius Bär, beim Interview mit cash.
Amanda Kayne, Zukunftsforscherin bei der Bank Julius Bär, beim Interview mit cash.
Bild: Nik Hunger

cash: Amanda Kayne, worum geht es bei der Investment-Philosophie «Next Generation» von Julius Bär?

Amanda Kayne: Wir wollen durch unsere Research Anleger auf neue Investment-Ideen bringen. Oder einfacher ausgedrückt: Wir wollen das nächste Google finden, bevor es jemand anderes tut oder bevor die entsprechende Aktie zu teuer wird. Das ist nicht einfach. Die meisten dieser Firmen sind noch unbekannt oder noch nicht an einer Börse kotiert. Wir unterscheiden nicht nach Sektoren oder geografischen Regionen, da die meisten Unternehmen global operieren.

Bankerin und Zukunftsforscherin
Amanda Kayne spürt bei der Julius Bär im Rahmen des Projekts "Next Generation" zukünftige Investment-Trends auf. Die Britin stiess im Jahr 2011 zur Zürcher Privatbank. Zuvor war sie bei der Credit Suisse tätig und arbeitete als Journalistin für BBC, CNBC und "Russia Today".

Auf welche Themen fokussieren Sie sich dabei?

Sieben Themen stehen im Mittelpunkt: digitale Veränderungen, urbanes Wachstum, aufstrebendes Asien, neue Lebensstile, Schwellenländer-Kandidaten, Welternährung und Energiewende. Innerhalb dieser Trends verfolgen wir das Konsumentenverhalten und identifizieren neue Märkte. Dann untersuchen wir Unternehmen aus solchen Märkten und fragen uns, ob sie langfristig überleben werden, unabhängig von der wirtschaftlichen Grosswetterlage.

Können Sie näher auf solche Trends eingehen?

Drei Bereiche beobachten wir sehr genau: Erstens verändert sich die Ausbildungsdauer und auch die Art der Wissensvermittlung. Zweitens wird unsere Welt dank Internet laufend vernetzter, während das Bedürfnis nach Schutz vor Hackern zunimmt. Der dritte Aspekt betrifft den Transport: Mit zunehmender Automatisierung könnten Autobesitz und Verkehrsaufkommen der Vergangenheit angehören.

Was wird unseren Alltag im nächsten Jahrzehnt am meisten verändern?

Smartphones haben unser Leben schon stark beeinflusst. Smartwatchs und tragbare Computersysteme, die sogenannten Wearables, werden diesen Trend wohl noch verstärken. Da immer mehr Geldüberweisungen stattfinden, haben auch Bezahlsysteme eine grosse Zukunft vor sich. Bei der Wind- und Solarstromindustrie schliesslich ist das Timing nun besser. Viele Produkte  dieser Branche sind etabliert und die Preise sind gefallen.

Gibt es bestimmte Länder mit viel Zukunftspotenzial?

In grossen Teilen Chinas ist das beispielsweise der Fall. Die dortige Oberschicht soll bis 2022 um 40 Prozent wachsen. Auch wenn das nur zur Hälfte eintrifft, ist es eine grossartige Sache! Zudem beobachten wir mögliche Schwellenländer-Kandidaten. Zu nennen ist an erster Stelle Vietnam, aber auch einige afrikanische Länder gehören dazu. Der Iran könnte nach dem Atom-Deal faszinierend werden.

Und welche Sektoren haben Potenzial für die Zukunft?

Auch hier kommt Asien wieder ins Spiel. Das dortige Gesundheitswesen und der Tourismus sind bereits recht bekannte Themen. Obwohl das kommerzielle Gesundheitswesen vielversprechend ist, scheint es uns jedoch für ein Investment noch zu früh. Stattdessen bietet sich der asiatische Kosmetiksektor an. Die aufstrebende Mittelklasse kann sich immer mehr Schönheitsprodukte leisten, die rasch unverzichtbar werden. Internationale Marken, aber auch lokale Firmen, profitieren von diesem Trend.

Welche Industrien sind hingegen auf dem absteigenden Ast?

Viele traditionelle Industrien werden von Technologie- oder Software-Firmen überrollt. Das geschah mit der Musikindu­strie, und dasselbe Schicksal ereilt nun die Auto­industrie. Auch im Bankensektor beobachten wir ähnliche Trends. Fragen wie "Wird Google die nächste Bank?" sind dabei zentral.

Die Zukunft vorherzusagen ist risikoreich. Wann fällten Sie eine falsche Entscheidung?

Sämtliche Trends treten zu einem bestimmten Zeitpunkt auf. Entscheidend ist, dass man rechtzeitig dabei ist. Ein Negativbeispiel ist die Solarindustrie. Doch nur weil man sich einmal die Finger verbrannt hat, muss es nicht ein zweites Mal geschehen. Jetzt nicht auf die Energiewende zu setzen, wäre ein Fehler.

Sind Schweizer Unternehmen bereit für die Zukunft?

Ich bin überzeugt von der Schweiz und fühle mich sehr wohl hier. Auch Statistiken belegen die gute Lebensqualität des Landes. Aber aus ökonomischer Sicht ist die Schweiz an einem Punkt angelangt, an dem sie sich anstrengen muss, um den hohen Standard zu halten. Sie muss sich in gewissen Bereichen wohl auch neu erfinden. Dies gerade im Hinblick auf den starken Franken, der die Tourismus- und Exportbranche belastet. Die Schweiz sollte gleichzeitig offen bleiben für talentierte ausländische Arbeitskräfte und sich auf die qualitativ hochstehenden Produkte konzentrieren, für die sie berühmt ist. Meiner Meinung nach ist die Schweiz sehr gut positioniert, um aus den bevorstehenden technologischen Veränderungen Kapital zu schlagen. Dies vor allem dank ihrer führenden Positionen in den Bereichen Banking, finanzielle Dienstleistungen und Pharma.

Wie blicken Sie in die Zukunft: optimistisch oder pessimistisch?

Die Welt wird immer ethischer. Das erlebe ich auch in meiner Arbeit. Die Welt fühlt sich auch ehrlicher an, sei es aufgrund strengerer Regulierungen, grösserer Transparenz oder eines besseren Konsumentenbewusstseins. Vielleicht bin ich eine Optimistin. Denn bei einer Untersuchung stellte sich jüngst heraus, dass mehr Menschen die Zukunft negativ einschätzen als positiv. Nichtsdestotrotz ist meine Arbeit sehr aufregend. Es kommt selten vor, dass mir jemand etwas erzählt, von dem ich zuvor noch nichts gehört habe.

Firmen der Zukunft - eine Auswahl von cash

ZhongAn
Chinas erster Online-Versicherer profitiert vom zunehmenden Wohlstand und dem Bedürfnis nach wirtschaftlicher Absicherung in China. Ein Börsengang steht bevor.

 

Mobileye
Die amerikanische Tech-Firma entwickelt Software und Sensoren, die in fahrerlosen Autos zum Einsatz kommen. Die Aktie hat Potenzial, hob bisher aber noch nicht ab.

 

SMA Solar Technology
Die Deutschen produzieren Stromumwandler für Solaranlagen. Gute Perspektiven dank neuem Klimaabkommen; die Aktie hat ihren Wert 2015 verdreifacht.

 

Dieser Beitrag ist Teil des am 3. Februar 2016 publizierten cash-Anlegermagazins «VALUE». Dort erfahren Sie auch viel Wissenswertes über Aktien: lohnende Langfristanlagen, sechs Anlagestrategien, Tipps zu ETF.

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