Wird alles gut? Die Positivszenarien für die Wirtschaft

Den vielen negativen Signalen in der Wirtschaft zum Trotz: Nicht alles muss schlecht kommen. cash nennt Szenarien, die für die Konjunktur besser laufen können als viele denken.
09.08.2016 23:05
Von Marc Forster
Morgenröte oder Silberstreifen am Horizont: Manchmal muss man auch an das Gute glauben.
Morgenröte oder Silberstreifen am Horizont: Manchmal muss man auch an das Gute glauben.
Bild: Pixabay

Prognostiker neigen zum Pessimismus. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre mit der Finanz- und Schuldenkrise haben in der Tat oft wenig Anlass zu anderen Einschätzungen gegeben. Die Welt scheint instabiler zu werden, während Terroristen zuschlagen, rechte und linke Parteien das Establishment herausfordern und die westliche Welt mehr und mehr Angst vor der Zukunft hat.

Aber ist alles wirklich so schlecht? Ist Chinas Konjunkturkrise endgültig? Bleibt der Franken auf immer stark und die Eurozone auf immer ein Krisenfall? Haben die US-Bürger bei den nächsten Präsidentenwahlen wirklich nur die Wahl zwischen einem grossen und noch grösseren Übel? Ist der Brexit schlicht eine Katastrophe für die Finanzmärkte? Man kann diese Versionen und Voraussagen auch anzweifeln.

Warum die Weltwirtschaft und die Weltbevölkerung weiter eine Chance haben, und weswegen nicht alles schlecht kommen muss, in der folgenden Übersicht. Wir sagen aber auch, wie wahrscheinlich solche Positivszenarien sind.

Alles halb so schlimm in China

Woche für Woche treffen China-Daten ein, häufig sind sie schlecht. Der Aussenhandel lahmt, die Dienstleister sind in der Krise, und der Aktienmarkt hat sich vom Sturz im vergangenen Sommer nicht erholt. Auch der Schweizer Export spürt diese Krise. Andererseits steigt beispielsweise der Autoabsatz im "Reich der Mitte" wieder an. Chinas Situation lässt sich je nach dem mit dem halbvollen und dem halbleeren Glas versinnbildlichen. Was, wenn alles gar nicht so schlimm ist und das aktuelle Wachstum von 6,7 Prozent (erstes Quartal) keine Krise, sondern bloss eine Normalisierung darstellt?

Chance: Hoch. Die Stabilität Chinas hängt wesentlich vom wachsenden Wohlstand ab. Die Wirtschaft ist immer noch regimegelenkt, und die Machthaber in Peking werden alles tun, keine allzugrosse Unzufriedenheit in der Bevölkerung aufkommen zu lassen. China kauft zudem konsequent ausländische Firmen auf, um sein Know-How zu stärken und die Versorgungssicherheit des Landes zu verbessern. Das Potenzial des Landes ist, gemessen an gesättigten westlichen Volkswirtschaften, weiter enorm: Goldman Sachs zufolge gehören erst 19 Prozent der arbeitstätigen Chinesen der Mittelschicht an, die im Schnitt 11'700 Dollar im Jahr verdient. Trotz Konjunkturproblemen wird dieser Bevölkerungsanteil weiter steigen.

Der Franken wertet langsam ab

Über drei Jahre lang, von September 2011 bis Januar 2015, sollte die Kursuntergrenze der Schweizerischen Nationalbank von Krisen verschreckte Anleger weltweit davon abhalten, in den als sichere Währung betrachteten Franken zu fliehen. Mit Deviseninterventionen und - seit Anfang 2015 - mit Negativzinsen versuchen die Währungshüter um  Präsident Thomas Jordan nun, der Frankenaufwertung zu begegnen. Im Sinne einer geldpolitischen Stabilisierung wäre die Notenbank aber einiges glücklicher, der Franken würde allmählich schwächer. Das wäre gut für den Export und würde den leidgeprüften Schweizer Tourismus wieder wettbewerbsfähiger machen.

Chance: Eher gering. Der Franken bleibt attraktiv. Zuletzt intervenierte die SNB nach dem Brexit-Votum im Juni massiv, und der Euro-Franken-Kurs verharrte bei etwa 1,09. Solange die geldpolitischen Schleusen der Europäischen Zentralbank weit offenstehen, wird sich am Währungskurs wenig ändern. Auch ist die Euro-Schuldenkrise, deren Anfang 2010 den Euro-Franken-Kurs von 1,50 im Lauf der Jahre bis auf die (zeitweise) Parität drückte, noch nicht vorbei. Für Schweizer Sparer bedeutet dies auch, dass die Negativzinsen der SNB noch lange bestehen bleiben und im schlimmsten von von derzeit -0,75 Prozent noch ausgeweitet werden könnten.

Die Eurozone stabilisiert sich

Die Frage nach dem Erfolg der Einheitswährung ist auch eine Frage nach der Reformfähigkeit der EU. Das Brexit-Votum hat dieses Thema akzentuiert. Während die EU-Kommission auf "mehr Europa", also eine engere Integration will und schon vor einiger Zeit die Idee eine Euro-Wirtschafts- und Finanzministers ins Spiel gebracht hat, drängen die Nationalstaaten auf mehr Flexibilität. Beide Wege könnten, wenn sie konsequent gegangen würden, die Eurozone stabilisieren. Ein erster Schritt wäre allerdings, das Bankensystem endlich zu sanieren, was bisher versäumt wurde. Die Krise der italienischen Banken, die 360 Milliarden faule Kredite aufgetürmt haben, ist die aktuellste Herausforderung.

Chance: Niedrig bis mittel. Die institutionellen Probleme der EU sind beträchtlich, und die Flüchtlingskrise hat die Gegensätze zwischen der EU und einzelnen Nationalstaaten untereinander verschärft. In wirtschaftlicher Hinsicht wäre eine bessere Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Eurozone wichtig. Während die grösste EU-Volkswirtschaft Deutschland eher wirtschaftsliberal denkt, drängen Frankreich und die Südeuropäer eher auf Protektionismus und Staatsintervention. Pech für Deutschland: Das wirtschaftsliberale Grossbritannien will bekanntermassen aus der EU austreten.

Der Brexit wird ohne grössere Probleme vollzogen

Die offiziellen Gespräche der Briten mit der EU über das künftiges gegenseitige Verhältnis beginnen, wenn die Regierung in London den EU-Verfassungsartikel 50 anruft. Laut Premierministerin Theresa May soll dies gegen Ende dieses Jahres sein. Die Verhandlungen dürfen dann maximal zwei Jahre dauern. Die Verhandlungen dürften sehr hart sein: Die EU wird verlangen, dass Grossbritannien für den Zugang zum Binnenmarkt weiter die Personenfreizügigkeit akzeptiert. Viele Briten stimmten am 23. Juni dieses Jahres für den Brexit, weil sie die Einwanderung kontrollieren möchten.

Nun müssen Briten sowohl mit der EU-Kommission, als auch mit den 27 verbliebenden EU-Mitgliedsstaaten verhandeln, von denen beispielsweise Frankreich oder Belgien schon anti-britische Töne angeschlagen haben. Theresa May muss demnach viele Fäden in der Hand halten und dies über eine längere Zeit überschauen können.

Chance: Mittel bis hoch. Beide Seiten haben ein Interesse, dass die Trennung gelingt. Deutschland, die Niederlande und die Skandinavier wollen die engen Beziehungen zum Vereinigten Königreich erhalten. Grossbritannien braucht den europäischen Markt, während die EU-Länder den britischen Markt mit immerhin 64,5 Millionen Konsumenten auch nicht verlieren wollen. Ohne Kompromisse bei der Einwanderung wird Grossbritannien wohl nicht davonkommen. Wahrscheinlich ist auch, dass Grossbritannien auch als Nicht-EU-Mitglied weiterhin hohe Beträge ins EU-Budget einzahlen wird, um an Wirtschafts-, Förderungs- und Forschungsprogrammen teilnehmen zu können. 

Die US-Wirtschaft zieht an

Die grösste Volkswirtschaft der Welt ist ein Motor der Weltwirtschaft. Der Weltwährungsfonds bescheinigt der USA eine wirtschaftlich gute Verfassung. Die Zahlen sind vielversprechend: Mit 2,4 Millionen neuen Jobs im vergangenen Jahr Arbeitslosenquote 4,9 Prozent sprechen die Beschäftungszahlen dafür, dass ich das Land längst von der Finanzkrise erholt hat: Im Juli wurden 225'000 neue Stellen geschaffen, mehr als erwartet. Viel Grund also, an einen Wachstumskurs der US-Wirtschaft zu glauben.

Chancen: Hoch. Ein Vertrauensbeweis in die US-Wirtschaft war der Zinsschritt der Notenbank im vergangenen Dezember. Nachdem die Fed jahrelang gezögert hatte, hob sie den Leitzins an: In einem wirtschaftlich schwachen Umfeld hätte sie davon abgesehen. Zwar geben sich die US-Währungshüter immer noch sehr vorsichtig, was Zinsanhebungen betrifft, aber das gehört dort zum guten Ton. Auch das Brexit-Votum hat Fed-Chefin Yellen nicht dazu gebracht, den die Straffung der geldpolitischen Zügel zu unterbrechen. Die US-Fundamentaldaten sind intakt, daher werden auch weitere Zinsschritte folgen.

Im Weissen Haus wird erfolgreiche Politik gemacht

Hillary Clinton hat wohl die grösseren Chancen, am 8. November zur US-Präsidentin gewählt zu werden, als Donald Trump. Mit Reformen im Bildungs- und Gesundheitssystem und einer gerechteren Wirtschaftsordnung will sie die um sich greifende Hoffungs- und Perspektivlosigkeit begegnen, die Millionen von Amerikanern fühlen und damit den Weg, den Barack Obama angefangen hat, zum Erfolg führen. Es ist aber auch nicht undenkbar, dass Donald Trump US-Präsident wird. Die Nachricht seiner Wahl würde zwar weltweit sofort zur Katastrophe stilisiert, aber auch er wäre im Rahmen der US-Verfassung nicht allmächtig und könnte das Land nicht auf Knopfdruck verändern. Trump ist weder religiös motiviert, noch will er im Ausland Kriege führen, noch ist er extrem wirtschaftsliberal. Im besten Falle könnte er die umstrittenen rechten Positionen der Republikaner aufweichen und das Land voranbringen.

Chancen: Je nach dem: Hillary Clinton ist willensstark und ehrgeizig. Für ein umfassendes Reformprogramm muss aber der Kongress mitspielen, der sich gerne querstellt. Sie müsste auch das Big Business für sich gewinnen, doch das Lobbying der Grosskonzerne hat schon häufiger die Pläne von US-Präsidenten durchkreuzt. Sich Donald Trump als verantwortungsvollen und erfolgreichen Präsidenten vorzustellen, fällt angesichts seiner sprunghaften Art und seiner rauen Rhetorik eher schwer. Aber auch Trump - so er den selber glaubt, er könne Präsident werden - wird sich überlegen, was er im Fall der Fälle tun würde.