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Wird die Eurozone zu einem zweiten Italien?

In der Eurozone liegt laut Karsten Junius derzeit vieles im Argen. Der Chefökonom von J. Safra Sarasin zeichnet im cash-Börsen-Talk ein Szenario für die Zukunft und gibt Anlegern einen Tipp.
31.10.2014 01:05
Von Ivo Ruch
Karsten Junius ist seit April 2014 Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin.
Bild: cash

Die Eurozone kommt einfach nicht vom Fleck. Die gesamte Wirtschaftsleistung dürfte nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) im laufenden Jahr bloss um 0,8 und im kommenden Jahr um 1,3 Prozent wachsen. Zudem mehren sich die Stimmen, die ein deflationäres Szenario mit stark sinkenden Preisen befürchten.

"Die tiefen Inflationsraten haben mich in den letzten Monaten besonders beschäftigt", sagt Karsten Junius im cash-Börsen-Talk. Zudem werde er immer wieder enttäuscht von den Wachstumszahlen in der Eurozone, so der Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin.

Quelle: statista.com, Stand 30.10.14

Auch für die Zukunft der Eurozone ist Junius nicht gerade optimistisch. Vielmehr rechnet er mit einem Szenario, das der Situation im Sorgenland Italien gleicht: "Niedriges Wachstum, niedrige Inflationsraten, hohe Verschuldung und hohe Arbeitslosigkeit. Zudem einen Norden und einen Süden, die nicht ganz zusammen passen, aber auch nicht ganz voneinander loslassen können."

EZB-QE im nächsten Jahr?

Ganz anders präsentiert sich die Wirtschaft in den USA und Grossbritannien, wo das Wachstum nach der Finanz- und Schuldenkrise viel schneller wieder Fahrt aufgenommen hat. Mitverantwortlich dafür war unter anderem die expansive Geldpolitik der beiden Notenbanken. Etwas, das in Europa bisher ausgeblieben ist.

Bleiben Inflationsrate und Wirtschaftswachstum im europäischen Währungsraum so niedrig wie im Moment, rechnet Junius mit einem QE-Programm der EZB im ersten Quartal 2015 – auch wenn er ein solches nicht begrüssen würde. "Ich hätte mir gewünscht, dass wir von anderen Bereichen Impulse bekommen würden, die den gleichen Effekt hätten", sagt der Sarasin-Chefökonom. Dazu zählt er Strukturreformen und eine grosszügigere Ausgabenpolitik in Ländern, die es sich erlauben können.

"Anleger müssen kurzfristiger agieren"

Hinzu kämen weitere Hürden: Solche regulatorischer Natur, die es in vielen Ländern immer noch schwierig mache, ein Geschäft zu eröffnen. Oder ein Bankensystem, das die Kreditvergabe nicht in Schwung bringe. "Es sind viele kleine Dinge, die uns das Vertrauen nehmen, dass wir eine nachhaltige Wirtschaftspolitik haben und nachhaltig stärker wachsen können", so Junius.

Welches Anlegerverhalten empfiehlt Junius in diesem weltwirtschaftlich ungewissen Umfeld? "Anleger müssen viel kurzfristiger agieren und viel mehr Risiken im Auge behalten. Denn es ist nicht klar, ob es an den Finanzmärkten immer weiter zu steigenden Kursen kommt."

Im cash-Börsen-Talk schätzt Karsten Junius ausserdem die Wahrscheinlichkeit von Negativzinsen bei der SNB ein. Und er sagt, was die Schweiz so erfolgreich macht.