Wo Contrarians Recht bekamen

Sich gegen den Markt stellen braucht Mut, ist aber bei Anlegern beliebt. Wir nennen Aktien, mit denen Contrarians innerhalb eines Jahres gewonnen haben und zeigen, ob sie damit auf der Glücksstrasse bleiben werden.
27.07.2016 23:05
Von Pascal Züger und Marc Forster
Contrarians bewegen sich in die gegenteilige Richtung des Marktes.
Contrarians bewegen sich in die gegenteilige Richtung des Marktes.
Bild: Pixabay

Contrarians schlagen die Empfehlungen von Analysten, Anlageberatern und Finanzdatenlieferanten in den Wind. Die gewieften Taktiker kaufen gerne Aktien, von denen "man" lieber die Hände lässt.

Ein Beispiel dafür ist ABB. Der weitverzweigte Elektrotechnik- und Automatisierungskonzern ist kein Anlegerliebling unter den SMI-Titeln, obwohl er zu den führenden Industriekonzernen der Welt zählt. Das Geschäft ist von den Schwankungen der Weltmärkte abhängig, Stromprojekte gelten als risikobehaftet und auch der Ölpreis setzt ABB zu.

Lange hiess es, dass die ABB nie über 20 Franken steigen würde. Wer beispielsweise vor einem Jahr trotzdem kaufte, wird derzeit belohnt. Ein bisschen Nerven brauchten die Contrarians zwar, weil auch ABB wegen Chinas Konjunkturproblemen, der Börsenabkühlung im Januar und den Brexit-Unsicherheiten im Frühsommer immer wieder gefallen ist. Aktuell steht die Aktie aber bei gut 20 Franken und gehört zu den erfolgreicheren Aktien im SMI - die fünftbeste Performance innerhalb von 12 Monaten, gar die zweitbeste seit Anfang Jahr.

Im Überblick nun weitere Titel, wo die Anleger zu Unrecht gewarnt wurden:

Lonza

Die Aktie des Lifescience-Konzerns mit Hauptsitz in Basel und einem Werk in Visp hat in den letzten 12 Monaten ganze 32 Prozent zulegen können. Zwar begann der Kursanstieg bereits zwei Jahre früher, doch haben wohl nur die kühnsten Optimisten damit gerechnet, dass Lonza noch so viel Potential hätte. Der Konzern hat rigorose Sparmassnahmen und Standortschliessungen hinter sich. Im Mai 2012 war die Aktie auf dem Tiefststand von 33 Franken angelangt  - ein Wert, der sich inzwischen wieder mehr als verfünffacht hat.

Die Wende zum Guten kam mit dem neuen Management um CEO Richard Ridinger, welches die richtigen Weichen stellte. Ausserdem profitiert Lonza von der positiven Entwicklung im Pharma-Bereich generell. Ein Einbruch der Lonza-Aktie ist nicht zu erwarten. Nur ist die Aktie mittlerweile mit einem KGV von über 23 teuer bewertet - und wegen ihrer Beliebtheit längt keine Contrarian-Investition mehr.

Valora

Die Aktie des Handelskonzerns ist heute 46 Prozent mehr wert als vor einem Jahr. Das bisher schwierige Jahr 2016 quittierte die Valora-Aktie mit einem Plus von 34 Prozent. Dieses Level hatte die Aktie zuletzt vor fünf Jahren. Der Konzern, dessen Gesicht im Schweizer Alltag Kioske und die "Brezelkönig"-Stände sind, hat im März den Abschluss eines mehrjährigen Restrukturierungsprozesses verkündet. Ausserdem zahlt Valora eine gute Dividende (Rendite: 4,5 Prozent).

Das Zutrauen in die Aktie ist damit gestiegen, und das Unternehmen verliert langsam sein Image des Sanierungsfalls. Valora strebt nun ein Wachstum des Bruttogewinns um durchschnittlich ein bis drei Prozent im Jahr an. Das ist ehrgeizig, gilt aber mittlerweile als realistisch. Kehrseite des Erfolgs ist eine mittlerweile nicht mehr billige Aktie, deren Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 24,2 steht. Das Contrarian-Flair geht bei Valora scheinbar etwas verloren.  

Rieter

Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen spöttische Geister das Aktienkürzel RIEN mit dem französischen "rien" gleichsetzten und damit sagen wollten, dass beim Winterthurer Textilmaschinenbauer nichts zu verdienen sei. Besonders begeistert waren Analysten von dem Papier indessen selten. Dennoch: In den vergangenen 52 Wochen stieg der Wert des über 200 Jahre alten, hoch renommierten Qualitäts-Herstellers um 43 Prozent.

Die Vorsicht bei Rieter hat allerdings seinen Grund: Das Geschäft ist zyklisch, von der Textilproduktion in den Schwellenländern, staatlichen Fördermassnahmen und unter anderem auch vom Baumwollpreis abhängig. Rieter ist auch auf das stabilere Geschäft mit Komponenten angewiesen. Diese Faktoren entwickelten sich zuletzt gut, sind aber kein Garant für eine weiterhin positive Entwicklung. Rieter als Aktie braucht etwas Mut: Insofern ein fast typischer Contrarian-Kauf!

Peach Property

Immobilienfirmen profitieren vom Tiefzinsumfeld, da dadurch mehr gebaut wird. Doch schien Peach Property nicht so recht auf dieser Erfolgswelle mitsurfen zu können. Immer wieder gab es Negativnachrichten, wie etwa die Insolvenz von Geschäftspartnern. In den letzten 12 Monaten hat der Kurs nun aber 34 Prozent zugelegt, allein in diesem Jahr sind es 24 Prozent.

Ein Mix aus erfolgreichen Immobilienprojekten, positiven Unternehmenszahlen und gelungenen Kapitaltransaktionen hat zum Anstieg verholfen. Künftig will man mehr in Deutschland als in der Schweiz wachsen. Die Aktie hat noch weiteres Potential, sollten die Negativnews eine Zeit lang ausbleiben. Und vielleicht zahlt die Firma auch bald wieder eine Dividende - seit 2013 bleibt diese aus.

Emmi

Noch vor einem Jahr galt Emmi als eher biedere Firma, welche unter dem starken Franken leidet und in einem gesättigten Markt tätig ist. Für Anleger war der Schweizer Milchverarbeiter daher langweilig und unattraktiv. Es folgte aber ein schon fast unglaublicher Kursanstieg von beinahe 100 Prozent. War eine Aktie vor einem Jahr 317 Franken wert, so sind es heute 631 Franken.

Emmi hat kluge Akquisitionen getätigt und substanzielle Fortschritte bei den Margen erzielt. Wachsen will man nun vor allem im Ausland, wichtige Auslandmärkte sind die USA, Spanien und Tunesien. Unter dem Kursanstieg hat die Dividendenrendite gelitten, welche inzwischen auf unter 1 Prozent gefallen ist. Wie Lonza ist auch Emmi längst kein Geheimtipp mehr.

Umgekehrt gibt es Anleger, die von hochgelobten Aktien die Finger lassen. Sie trauen vollmundigen Versprechungen nicht.

Bei Roche oder Novartis beispiesweise hiess und heisst es immer noch, dass diese defensiven Titel eine gute Investition seien: Mit steigendem Bedarf an Gesundheitsversorgung in der Welt entwickelten sich die Aktien positiv.

Innert Jahresfrist ist der Roche-Bon aber um 10 Prozent und die Novartis-Aktie um 18 Prozent gesunken. Ablaufende Patente, Konkurrenz von Generika und Rückschläge in den Schwellenländern haben die Aussichten für die Pharmariesen getrübt. Auch die UBS galt vor einem Jahr noch als empfehlenswerteste Schweizer Bank-Aktie, einige Analysten priesen sie an, weil sich sie vorteilhaft gegenüber der kriselnden Credit Suisse abhebe: Der UBS-Kurs ist aber seit vergangenem Sommer um 38 Prozent gefallen.

Weitere Beispiele, wo sich positive Prognosen als trügerisch erweisen:

Swiss Re

Swiss Re ist gewissermassen ein Monument der Sicherheit. Das Geschäft des zweitgrössten Rückversicherers der Welt besteht darin, Risiken zu managen und so klein wie möglich zu machen. Bilanz und Kapitalbasis sind sehr stark. Versicherungsschutz ist durch alle Zeiten gefragt und mehr und mehr auch in Schwellenländern. Es gibt immer Anleger und Analysten, die Swiss Re Potenzial zutrauen. Bei angelsächsischen Analysten und traditionellen Schweizer Anlegern steht die alte "Rück" in gutem Ansehen.

Vorsichtiger bewerten generell Schweizer Banken die Aktie. Investoren wurden mit der Aktie insofern nicht glücklich, weil sie heute 4 Prozent weniger wert ist als vor einem Jahr. Das stark volatile Papier - Anfang Jahr stand sie noch bei einem Mehrjahreshoch - kostet langfristig orientierte Anleger Nerven. Das Problem ist, dass Swiss Re operativ in vielen Bereichen überzeugt, aber keine wirklichen Überraschungen bereithält. Anleger können sich immerhin darüber freuen, dass der Konzern Geld an die Aktionäre zurückzugeben gewillt ist. Eine Dividendenrendite von 5,4 Prozent für 2015 tröstet über Kursschwankungen hinweg.

Meyer Burger

Die Aktien des Solarzulieferunternehmens haben seit einem Jahr fast die Hälfte ihres Wertes verloren. Mit einem Preis von 4,20 Franken pro Aktie ist man gar meilenweit von Kursen um 25 Franken - wie dies im August 2011 der Fall war - entfernt. Die vor einem Jahr erhoffte Wende zum Guten blieb aus. Das im März präsentierte Jahresergebnis war schwach, zusätzlich halbierte ein langjähriger Grossaktionär seine Beteiligung am Unternehmen.

Immerhin fiel nun aber das erste Halbjahr 2016 erfreulicher aus: Man konnte verheissungsvolle Aufträge dazugewinnen und kehrt zu positiven Gewinn-Zahlen zurück. Das hob den Aktienkurs in den letzten vier Wochen um ganze 18 Prozent nach an. Legt Meyer Burger nun mit weiteren Grossaufträgen nach, könnte ein positives Momentum einsetzen. Ausserdem kursieren Gerüchte im Markt, dass der russische Milliardär Viktor Vekselberg als Grossaktionär einsteigen möchte.

Leonteq

Zwischen dem Börsengang Mitte 2012 und dem Sommer 2015 hatte die Aktie ihren Wert verachtfacht. Der Derivatespezialist war zumindest aus Börsensicht ein gelungenes Start-Up. Der Übergang zu einem etablierten Unternehmen gestaltet sich aber als schwierig, und Leonteq ist von einer relativ kleinen Zahl Kunden abhängig. Ab August 2015 begann der Kurs zu sinken, und einen empfindlichen Treffer bekam Leonteq ab, als im vergangenen Februar die Singapur-Grossbank DBS eine Partnerschaft aufkündigte.

Innert eines Jahres ist der Kurs um 71 Prozent eingebrochen. Leonteq-CEO Jan Schoch deutete kürzlich gegenüber cash an, man sei bescheidener und realistischer geworden. Die aktuell recht attraktiv bewertete Aktie (KGV 14,9) ist kürzlich von der Zürcher Kantonalbank von Unter- auf Marktgewichten heraufgestuft worden. Sollte sich das Leonteq-Geschäftsmodell stabilisieren, ist die Aktie durchaus ein Kauf.