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«Zinsschritt im September wäre unglücklich»

Laut Guy Miller, Chief Market Strategist bei der Zurich, sollte die US-Notenbank mit dem Zinsschritt noch zuwarten. Im cash-Börsen-Talk sagt er auch, warum kein Währungskrieg droht und was Europa anders machen sollte.
21.08.2015 01:05
Von Marc Forster
Guy Miller, Chief Market Strategist Zurich Insurance.
Bild: cash

Über die Zinserhöhung der Federal Reserve, der amerikanischen Notenbank, spricht derzeit die ganze Welt. Die jüngsten Aufzeichnungen aus den Sitzungen ergeben nach wie vor wenig Aufschluss über das Datum einer Zinserhöhung, aber ein grosser Teil der Finanzgemeinde hat sich dabei auf den kommenden Monat eingeschossen. Seit 2008 sind die Fed-Zinsen rekordtief bei null bis 0,25 Prozent. Würde die Notenbank die Zinsen anheben, wäre dies die erste Erhöhung der Zinsen in den USA seit nahezu zehn Jahren.

Guy Miller mahnt schon fast zur Zurückhaltung: "Unglücklicherweise wird der Schritt immer wahrscheinlicher – die Fed hat deutlich gemacht, dass sie die Zinsen von ihrem sehr tiefen Niveau aus noch dieses Jahr heraufsetzen will." Er sei aber etwas besorgt, sagt der Chief Market Strategist des globalen Versicherungskonzerns Zurich im cash-Börsen-Talk. Denn er denkt, die Notenbank könnte Pulver zu früh verschiessen: "Die Fed hat genug Zeit und sie könnte es sich erlauben, noch länger zu warten."

Die Gründe, weswegen er dies bevorzugen würde, zählt Miller wie folgt auf: "Die Inflation ist tief und ist gar noch gefallen, das Lohnwachstum, ein entscheidendes Kriterium, ist mit zwei Prozent immer noch sehr schwach."

«Märkte sind vorbereitet»

Miller denkt aber auch, dass aus heutiger Sicht die Fed im September, allenfalls im Oktober einen ersten Schritt hin zu höheren Zinsen macht. Die Finanzmärkte seien auf den Schritt im übrigen vorbereitet, schätzt Miller. "Bis zur Zinserhöhung zeigen sich die Finanzmärkte aber auch volatil, wir sehen das derzeit auch. Besonders, wenn das weltweite Wachstum wie jetzt von den USA abhängt, und wenn der Markt so stark auf Liquidität angewiesen ist."

Abgesehen davon geht Miller aber davon aus, dass sich Risiko-Kategorien bei den Anlagen, also auch Aktien, in den nächsten Monaten gut entwickeln würden (Nehmen Sie zu diesem Thema auch an der aktuellen cash-Umfrage teil).

Die Rolle der Währungshüter ist laut Miller aber auch eines eines der grossen Risiken der Weltwirtschaft. "Die Welt kämpft derzeit mit einem Mangel an Nachfrage, sehr tiefer Inflation, und, seien wir ehrlich, eine zu grosse Abhängigkeit von Zentralbanken", sagt er. Regierungen zeigten keinen Neigung, angesichts hoher Schulden die Wirtschaft anzukurbeln. "Policy error", also falsche Entscheidungen in der Organisation und Lenkung von Staaten und Wirtschaftssystemen, seien das grosse Problem.

Europa: Aufschwung dank EZB

Was beispielsweise Europa vor grösseren Problemen bewahre, sei der deutliche Aufschwung, der derzeit stattfinde. Die Lockerungspolitik der Europäischen Zentralbank EZB habe entscheidendes erreicht. Als Schritt hin zu einer Lösung der strukturellen Probleme der Eurozone fordert Miller eine Fiskalunion der Euro- oder EU-Länder, ein Schritt, der in diesen Ländern sehr umstritten ist.

Auch die Vergemeinschaftung von Schulden, also die Ausgabe von Eurobonds, wäre aus einer Sicht sinnvoll. Bei Griechenland wiederum, das soeben grünes Licht für ein drittes, diesmal mit bis zu 86 Milliarden Euro ausgestattetes Hilfspaket bekommen hat, kämen die Geldgeber letztlich nicht um einen Schuldenerlass herum. Insgesamt ist Miller für die Eurozone aber eher vorsichtig: "Eine zyklische Erholung ist auf dem Weg, aber lesen wir da nicht mehr hinein", sagt er.

Währungskrieg oder nur Schlagzeilen-Drescherei?

Zuletzt hat auch China mit einer Währungsabwertung die Märkte verunsichert. Überbewerten will Stratege Miller auch die jüngste Abwertung der chinesischen Währung nicht: "Vergessen wir nicht, wir sprechen hier über eine Bewegung von drei Prozent." Dies sei wenig, gleichsam habe China sowieso das Ziel, den Yuan eines Tages zur frei konvertierbaren Devise zu machen.

"Die guten Nachrichten für China sind, dass die Entscheidungsträger mit einem wiedergefundenen Sinn für Dringlichkeit handeln." Hauptinteresse Chinas sei die Stabilität, deswegen erwartet der Zurich-Marktstratege eine Stabilisierung der Lage in China, auch in Sachen Wachstumsraten.

Mit dem Schockbegriff "Währungskrieg" könne man zwar grosse Schlagzeilen dreschen, aber eine Schwächung der eigenen Währung sei nun einmal im Interesse der meisten Länder. "Worauf wir uns aber wirklich konzentrieren sollten, ist nicht, auf diese Weise Wachstum bei unseren Nachbarn 'abzuzapfen', sondern auf Strukturreformen, die Wachstum insgesamt stabiler zulassen", lautet die Schlussfolgerung des Wirtschaftsexperten.

 

Guy Miller ist seit Ende 2011 Chief Market Strategist und Chef der Makroökonomieabteilung des Versicherungskonzerns Zurich. Diese Position wurde damals geschaffen. Miller, der in Schottland aufgewachsen ist und dort studiert hat, ist in dieser Position mitverantwortlich für die Anlageentscheidungen sowie das Bilanzstrukturmanagement der Gruppe und nimmt mit seinem Team auch wirtschaftliche Analysen vor. Miller arbeitet seit 2003 für Zurich. Davor war er als Portfoliomanager tätig.

Im cash-Börsen-Talk analysiert Guy Miller auch die Situation Spaniens vor den nächsten Parlamentswahlen und äussert sich zum Obligationenmarkt, für den Versicherer Zurich eine wichtige Anlagekategorie.