Zukunft der Mobilität - Österreich, der heimliche Star des autonomen Fahrens

Wenn man an die europäische Automobilindustrie denkt, kommen einem sofort Länder wie Deutschland, Frankreich oder Schweden in den Sinn. Aber Österreich? Eher nicht.
13.04.2019 14:14
Die Flagge von Österreich weht im Wind.
Die Flagge von Österreich weht im Wind.
Bild: pixabay.com

Dabei ist das Land der Berge führend an der Forschungsspitze, wenn es um die Zukunft der Mobilität, insbesondere die Technologie des fahrerlosen Autos, geht. Im Zentrum steht dabei Österreichs wichtigster Industriestandort Linz, wo Strassennamen wie Teerstrasse, Benzolstrasse und Stahlstrasse nicht auffallen. Genau hier haben sich Forscher von Alphabet bis OpenAI, der von Elon Musk gegründeten Gruppe für künstliche Intelligenz, von Sepp Hochreiter, dem Leiter des Instituts für Machine Learning der Johannes Kepler Universität, beraten lassen.

Hochreiters akademische Besessenheit seit seiner Universitätszeit vor drei Jahrzehnten ist: Künstliche Intelligenz, insbesondere die Entwicklung von Long Short Term Memory (LSTM), einer einst obskuren Form von Machine-Learning-Software, die sequentielle Aufgaben bearbeiten kann. LSTM ist eine Art künstliche Intelligenz, die an die Funktionsweise von Teilen des menschlichen Gehirn anlehnt und Innovationen für den Konsumenten wie Alexa von Amazon und andere Sprachassistenten ermöglicht hat. Seine Forschungen machten Hochreiter zu einem Star in Tech-Kreisen, obwohl er höflich den Lockrufen aus dem Silicon Valley widerstand, die ihn der Aussicht auf viel Geld lockten und sich stattdessen für seine Liebe zu den Bergen und Gletscherseen in Österreich entschied.

Die Mischung aus Brillanz und Bescheidenheit, die der 52-jährige bei seinem langsamen, aber stetigen Aufstieg an die Spitze der KI-Welt an den Tag legte, könnte Europas beste Chance sein, gegenüber dem Silicon Valley aufzuholen. Europas angeschlagene Autohersteller und Technologieunternehmen sind von dem lockeren Optimismus, den Hochreiter ausstrahlt, verzaubert.

"Teslas Daten sind viel wert, und das Unternehmen ist sehr gut aufgestellt", sagte Hochreiter, der Sohn eines bayerischen Landwirts, in einem Interview. "Es gibt jedoch andere Ansätze als das, was Elon Musk und Tesla machen. Was wir machen, ist besser."

Nachdem mehr als 90 Prozent aller maschinenlesbaren Informationen der Erde in den letzten Jahren generiert wurden, bezeichnet Hochreiter Daten als "das neue Öl", das die Technologie hinter autonomen Fahrzeugen antreibt. Das Unternehmen von Musk ist in diesem Feld führend mit einem Vorsprung, der - wie der forsche US-CEO im Februar sagte - "sehr schwer wettzumachen ist." 

Zwang zu Datenaustausch?

Neben Tesla kommt Waymo, die selbstfahrende Autosparte von Alphabet, seit ihrer Gründung als Googles selbstfahrendes Fahrzeugprojekt im Jahr 2009 eine Spitzenposition in der Initiative zu. Heute gilt Waymo als führend bei autonomen Fahrzeugen.

Um die Einführung zu beschleunigen, könnten Regierungen Unternehmen zwingen, Daten auszutauschen, sagt Robert Siegel. Der Partner von X Seed Capital Management lehrt an der Stanford University und berät europäische Technologieunternehmen.

Zwar hat Österreich keine eigene Automarke. Jedoch sind etwa 370.000 Arbeitsplätze oder jeder neunte Arbeitnehmer von Autoherstellern und Zulieferern wie Magna International, AVL List GmbH und Polytec Holding AG abhängig.

Die Prahlereien von Musk schrecken die europäischen Herausforderer jedoch nicht ab. Der Schlüssel bei der Aufholjagd könnte darin bestehen, die umschlossenen Gärten der privaten Kontrolle zu entreissen und in offene Räume zu verwandeln, die von den Automobilherstellern gemeinsam genutzt werden, sagen Manager, die für Tesla ackern.

"Dies ist ein Marathon und kein Sprint", sagte Georg Kopetz, 44, Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender der TTTech Automotive GmbH, einem Unternehmen mit Sitz in Wien, das die Gehirne in autonomen Systemen programmiert, die von BMW, Volkswagen und Chinas SAIC Motor installiert werden. "Das eigentliche Rennen besteht darin, bei den grossen OEMs mitzumachen und Millionen von Autos zu betreiben."

Musk nicht unverwundbar

TTTech ist einzigartig, weil es ein "neutrales" Betriebssystem ist, sagte Kopetz, dessen Unternehmen einen Börsengang erwägt, nachdem es von Audi, Samsung Electronics und GE Ventures Investitionen erhalten hatte. Seine Software ist so konzipiert, dass sie ein Sammelsurium von Strassen-, Wetter- und Verkehrssensoren bearbeiten kann, die von den Originalherstellern entwickelt wurden. Zudem standardisiert die Gesellschaft die Datenflüsse, die fahrerlose Autos anweisen, zu beschleunigen, zu bremsen, anzuhalten oder zu wenden - Aufträge, die innerhalb von Millisekunden auf Mikroprozessoren kombiniert und priorisiert werden müssen, um Unfälle zu vermeiden.

"Die Daten sollten von denjenigen genutzt werden, die das System weiterentwickelt haben", sagte Kopetz, dessen Unternehmen in der Luft- und Raumfahrt gegründet wurde und den 787 Dreamliner von Boeing immer noch mit Technologie versorgt. "Aus Sicherheitsgründen müssen Unternehmen für einen Informationsaustausch offen sein."

Der Vorsprung von Tesla mache Musk jedoch nicht unverwundbar, sagt Sanjay Sood, Leiter des hochautomatisierten Fahrens bei HERE Global BV. Das in Amsterdam ansässige Unternehmen, bei dem er arbeitet, wurde 2015 von BMW, Daimler und Volkswagen für 2,5 Milliarden Euro erworben und will ein "offenes Ökosystem" schaffen, in dem Unternehmen Daten teilen.

"Tesla hat grossartige Autos, aber sie haben nicht genug Dichte auf der ganzen Welt", so der Informatiker. "Heute gibt es kein Unternehmen, das in jedem Land und auf allen Kontinenten eine ausreichende Abdeckung bietet."

(Bloomberg)

Alphabet-A

Investment-Ideen von Julius Bär