Zur Rose und Landis+Gyr - Es gibt sie, die Schweizer «IPO-Sorgenkinder»

Zur Rose und Landis+Gyr gingen im Juli an die Schweizer Börse. Beide haben bislang enttäuscht. Sind dies nun günstige Einstiegschancen? Oder fehlt den Titeln die nötige Wachstumsstory?
16.11.2017 22:55
Von Pascal Züger
Börsenneuling Landis+Gyr kann auf 120-jährige Geschichte zurückblicken.
Börsenneuling Landis+Gyr kann auf 120-jährige Geschichte zurückblicken.
Bild: Keystone

Mit dem Gebäudetechniker Poenina ging am Donnerstag bereits die sechste Firma in diesem Jahr an die Schweizer Börse SIX. Zwar wird dieses IPO ("Initial Public Offering") erst einmal als "geglückt" bezeichnet, da die Aktien am oberen Ende der Preisspanne ausgegeben wurden und der Kurs zog nach Handelsstart anzog. 

Ob das IPO auch ein Erfolg wird, zeigen die nächsten Wochen. Geglückt und ein Erfolg waren die diesjährigen SIX-Börsengänge des Pharmaunternehmens Idorsia (plus 35 Prozent seit dem IPO) und des Gesundheitsdienstleister Galenica (plus 9 Prozent).

Enttäuschend sind dagegen der Messtechniker Landis+Gyr (minus 5 Prozent seit Anfang Juli) und die Online-Apotheke Zur Rose (minus 4 Prozent seit Ende Juli). Der Swiss Performance Index hat seit Anfang Juli 3 Prozent zugelegt. Was steckt hinter dieser Unterperformance der beiden Aktien?

Zur Rose – Wachstum über alles

Im August sagte Zur-Rose-CEO Walter Oberhänsli im Interview mit cash, dass seine Firma den gleichen Weg wie Amazon, Nespresso und Zalando gehen möchte. Er sprach damit die Omni-Channel-Strategie an, wo neben dem Online-Versand auch auf klassische Verkaufsläden gesetzt wird. Wer vor solchen Vergleichen mit klingenden Namen nicht zurückschreckt, hat grosse Pläne. Und in der Tat will Oberhänsli mit dem Online-Versand von Medikamenten die Apothekenbranche auf den Kopf stellen.

Bereits jetzt ist Zur Rose die grösste Versandapotheke in Europa, obwohl die Firma nur in der Schweiz und in Deutschland aktiv ist. Die Gewinnzahlen sind aber tiefrot. Im ersten Halbjahr betrug der Verlust 18,1 Millionen Franken.  Das ist zurückzuführen auf hohe Kosten für die eingeschlagene aggressive Wachstumsstrategie, die sich früher oder später in Form von viel höherem Wachstum auszahlen soll.

Im Gesamtjahr 2017 will Zur Rose den Umsatz um 10 Prozent steigern. Wachstumsstark ist vor allem Deutschland, während in der Schweiz nur ein einstelliges Wachstum erreicht werden dürfte. Dividenden dürfen bis auf weiteres keine erwartet werden. Wer auf Zur Rose setzt, glaubt an die ambitionierte Wachstumsstory der Firma. Dem Erfolg könnten zwei grosse Gefahren im Wege stehen: Eine stärkere Regulierung des Onlineversandes von Medikamenten oder ein Markteintritt von Online-Riesen wie Amazon in den Gesundheitsmarkt.

Ein Grund für die aktuelle Stagnation der Zur-Rose-Aktie liegt wohl auch darin, dass die Aktie in eineinhalb Jahren vor der SIX-Kotierung am ausserbörslichen Aktienhandel bereits um 560 Prozent zugelegt hatte. Vor allem der Einstieg der saudi-arabischen Investorengruppe Al Faisaliah brachte im Dezember 2016 erheblichen Schwung in den Kurs.

Die Analysten sind derzeit - nicht zuletzt wegen der hohen Bewertung - eher skeptisch: "Die Markterwartungen bezüglich des künftigen Umsatzwachstums sind hoch, und Zur Rose würde bei Nichterfüllung abgestraft", ist etwa in einem Analysten-Bericht der Zürcher Kantonalbank (ZKB) zu entnehmen. Auffallend optimistisch ist hingegen die beim Börsengang beteiligte Bank Berenberg, die mit einem Kursziel von 173 Franken zum jetzigen Stand bei 145 Franken ein Aufstiegspotenzial von 20 Prozent sieht.

Fazit: Abwarten

Landis+Gyr – die alte Stromzählerin wird modern

Landis+Gyr wurde bereits vor 120 Jahren gegründet und war zuletzt Tochtergesellschaft des kriselnden japanischen Technologiekonzerns Toshiba. Heute stellt sie - nach jahrelangen Modernisierungen, Verschlankungen und Besitzerwechseln - nicht mehr nur traditionelle Stromzähler her, sondern auch Sensoren und Automatisierungstechnik für das Verteilnetz. Damit kann die Nutzung von Energie "intelligent" überwacht werden.

Landis+Gyr weist eine solide Bilanz auf und ist im zukunftsträchtigen Bereich "Internet of Things" vertreten. Vielversprechend sind die jüngsten Zahlen: Im letzten Halbjahr - von April bis September 2017 - schrieb die Zuger Firma nach einem Verlust im Vorjahr wieder schwarze Zahlen und der Bestellungseingang wuchs um satte 28 Prozent an. Ausserdem ist die steuerfreie Dividende von 3,3 Prozent ein gutes Lockmittel für Anleger. Mit dem Medtech-Pionier Rudolf Maag hat sich übrigens Ende Juli ein berühmter Investor 10 Prozent an der Firma gesichert.

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Doch gibt es auch Fragezeichen: "Trotz bereits starkem Wachstum in Europa in den letzten beiden Geschäftsjahren konnte die operative Marge in dieser Zeit nicht verbessert werden", steht in einem Kommentar der Neuen Helvetischen Bank. Das werfe Fragezeichen bezüglich des operativen Hebels in dem Geschäft auf.  Und im aus Ertragssicht bedeutendsten Markt Nordamerika könnten die Margen bald unter Druck kommen. Denn die Konkurrenz ist gross, jüngst ist Itron aus den USA durch einen Zukauf in den Bereich "Internet of Things" vorgestossen.

Alles in Allem ist die weitere Entwicklung mit vielen Unsicherheiten behaftet, weshalb die Neue Helvetische Bank – wie auch Morgan Stanley und JP Morgan - die Aktie auf "Neutral" einstuft. Eine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 86 Franken (aktueller Kurs: 73,50 Franken) gibt es derzeit nur von der UBS, die beim Börsengang federführend war.

Fazit: Abwarten

Vergleich der beiden Firmen

  Landis+Gyr Zur Rose
IPO-Datum 06.07.2017 21.07.2017
Aktienkurs seit IPO -5,0% -4,2%
Marktkapitalisierung, in CHF 2,1 Mrd. 0,9 Mrd.
KGV 2017 22 -
Dividendenrendite 3,3% -
Ankerinvestoren Rudolf Maag (10%), Norges Bank (5%) Familie Frey (15%), Wellington Management (5%)
Kursziele der Analysten (Aktueller Kurs) 75,50-90 CHF (73,50 CHF) 145-173 CHF (145 CHF)

Quellen: cash.ch, ZKB, Bloomberg