Zurich-CFO beklagte «aggressive Gesprächskultur»

Nach dem Selbstmord des Finanzchefs der Zurich-Versicherung kommen immer mehr Details ans Licht. CEO Martin Senn sagt, der Ruf des Konzerns sei beeinträchtigt. Viele Fragen bleiben nach wie vor offen.
02.09.2013 02:59
Schatten auf der Zurich nach dem Selbstmord des Finanzchefs.
Schatten auf der Zurich nach dem Selbstmord des Finanzchefs.
Bild: cash

Der verstorbene Finanzchef von Zurich Insuranace Group, Pierre Wauthier, hat zwei Abschiedsbriefe hinterlassen, wie das deutsche "Handelsblatt" berichtete. Einer war an die Familie gerichtet, ein zweiter an den Arbeitgeber Zurich. Im Brief an den Konzern sei Ackermann als einziger Manager namentlich genannt. Das "Handelsblatt" beruft sich dabei auf mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen.

Wauthier beklagt im Schreiben die Gesprächskultur bei Zurich. Er habe die Situation insgesamt als "furchtbar" empfunden, sagen Personen, die Kenntnis vom Inhalt des Schreibens haben, gegenüber dem "Handelsblatt"-

"Rein emotionale Gründe"

In dem Schreiben bezieht sich Wauthier auf zwei Aufeinandertreffen mit Ackermann. Um den Vorwurf geschönter Zahlen sei es nicht gegangen. Vielmehr habe Wauthier bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen im Verwaltungsrat die Einschätzung geäussert, dass die Anleger die Zahlen recht gut aufnehmen würden. Dem habe Ackermann widersprochen, was eine Diskussion zur Folge hatte, berichten hochrangige Zurich-Kreise. Der Aktienkurs der Zurich fiel nach der Bekanntgabe der Halbjahresergebnisse am 15. August dann deutlich.

Laut der "Süddeutschen Zeitung" habe Wauthier "rein emotionale" Gründe für seine Tat genannt. Er habe sich von Ackermann "schlecht behandelt gefühlt und dass seine Arbeit nicht gewürdigt würde", hieß laut der Zeitung aus der Konzern-Spitze. Ackermann würde die Firma schlecht führen und habe "eine aggressive Gesprächskultur" eingeführt.

Der 53-jährige Wauthier müsse die Unterredung mit Ackermann als besonders verletzend empfunden haben, berichtete derweil das deutsche Magazin "Focus" unter Berufung auf Eingeweihte. Der Brief sei emotional gehalten und beinhalte verschiedene Schuldzuweisungen.

Witwe Wauthiers spricht

Gegenüber der Zeitung «Schweiz am Sonntag» äusserte sich dagegen erstmals auch die Wittwe Wauthiers: "Ich habe den ganzen Zirkus nicht an die Öffentlichkeit gebracht", sagt sie. Wer behaupte, die Familie sei der Auslöser für den Wirbel, der lüge. Ackermann trat drei Tage nach dem Ableben Wauthiers zurück. Ackermann habe an der entscheidenden Zurich-Verwaltungsratssitzung gesagt: "Gegen einen Toten kann man nur verlieren", wie ein Teilnehmer der "SonntagsZeitung" sagte.

Zurich-Chef Martin Senn lobt derweil die Arbeit des verstorbenen Finanzchefs Pierre Wauthier als hervorragend und zeigt sich über die Gründe für dessen Selbstmord ratlos. Der Tod und der damit verbundene Rücktritt von VR-Präsident Josef Ackermann belasteten das Unternehmen. Der sehr gute Ruf der Zurich sei beeinträchtigt, "das ist gar keine Frage", sagte Senn in einem Interview mit der "NZZ am Sonntag". "Ich arbeite jetzt daran, dass wir diesen Reputationsverlust, diese Wolke, die sich über das Unternehmen gelegt hat, wieder wegblasen können."

Er sei überzeugt, dass Zurich aus dieser Situation herauskommen werde, sagte Senn. "Ein Lichtblick ist, dass wir aus der ganzen Welt Sympathiebekundungen für Pierre Wauthier, für unser Unternehmen und unsere Mitarbeiter erhalten haben", erklärte der CEO.

"Grosser Verlust"

Der Tod von Wauthier sei ein grosser Verlust. "Weniger als eine Woche vor seinem Ableben war ich mit Pierre Wauthier zwei Tage lang in London unterwegs, um Präsentationen vor Investoren abzuhalten. Einmal mehr leistete er dabei hervorragende Arbeit, ich habe ihn dafür gelobt. Pierre wirkte topfit." Senn sagte, er habe nichts festgestellt, was auf irgendwelche Probleme hätte hindeuten können.

Nun diskutieren aber viele Beobachter in Zürich, was genau hinter Ackermanns Abschied steckt. "Die Leute fragen sich, ob der Selbstmord von Wauthier Grund genug für ein Rücktritt ist oder ob es noch andere Erklärungen geben könnte", sagte eine Person, die mit hohen Zurich-Managern gesprochen hat und namentlich nicht genannt werden will. "Wenn ein Unternehmen in der Krise steckt, braucht es Stabilität und keinen, der abhaut."

Personen aus dem direkten Umfeld von Ackermann beharren darauf, dass der Rücktritt ausschließlich mit dem Selbstmord und den Vorwürfen gegen ihn zu tun habe. "Er war sicher nicht zufrieden mit Zurich, deswegen hat er ja gerade mehr Druck gemacht, um das zu ändern. Als sich angeblich deswegen der Finanzchef das Leben nahm, war ihm klar, dass er diesen Druck nicht aufrecht erhalten kann." Dadurch seien seine Erfolgsaussichten massiv infrage gestellt worden - und deswegen sei Ackermann zurückgetreten.

(cash)