Über 200 Poststellen in 15 Kantonen droht Schliessung

In den letzten Monaten hat die Post schrittweise bekanntgegeben, wie viele Poststellen in einzelnen Kantonen gefährdet sind. Eine erste Auswertung zeigt nun, dass schon über 200 Poststellen in der Schweiz das Aus droht. Kantone und Gemeinden kritisieren das Vorgehen.
31.05.2017 10:47

Die Post hatte im vergangenen Herbst angekündigt, das Schweizer Poststellennetz zu überprüfen. Von den heute 1400 Poststellen sollen bis in vier Jahren nur noch 800 bis 900 übrigbleiben. Inzwischen hat die Post in mehr als der Hälfte der Kantone ihre Pläne bekanntgegeben.

Eine Auswertung der Nachrichtenagentur sda von 15 Kantonen zeigt nun, dass schweizweit bislang 202 Poststellen auf der Kippe stehen. Betroffen sind mehrere hundert Arbeitsplätze. Für 356 Poststellen garantiert die Post den Weiterbetrieb bis ins Jahr 2020. Gleichzeitig hat sie angekündigt, bis zu 220 neue Zugangsstellen zu schaffen.

Am härtesten trifft es Bern. Die Post will in dem Kanton fast die Hälfte oder 76 ihrer Poststellen in eine Agentur umwandeln oder schliessen. Auch in Graubünden, Schwyz und Solothurn steht fast jede zweite Poststelle auf der Kippe. In Zürich sind es 26 von 130 Poststellen, in Neuenburg jede dritte.

Anders als ursprünglich erwartet, trifft es dabei nicht nur ländliche Gebiete wie Graubünden, Obwalden, Nidwalden und Glarus, sondern auch Städte und Agglomerationen. In Basel-Stadt etwa konnte der Kanton die drohende Schliessung der Hauptpost nur nach einer Intervention vorerst abwenden.

Gewerkschaften wie syndicom kritisieren die Pläne der Post als "Kahlschlag". Die Post verfolge eine "Salamitaktik", über Filialschliessungen häppchenweise Kanton um Kanton zu informieren. Zudem spreche sie trotz der Abbaupläne von einer "sorgfältigen Einzelfallüberprüfung" nicht garantierter Poststellen.

Er kenne keinen einzigen Fall, in dem eine zu überprüfende Poststelle nicht geschlossen worden wäre, sagte syndicom-Zentralsekretär Roland Lamprecht auf Anfrage. Diese Überprüfung nehme die Post aufgrund gesetzlicher Vorgaben vor, nachdem der Entscheid intern schon gefallen sei.

Das Vorgehen der Post stösst auch bei Regierungen der betroffenen Kantonen und Städte auf Kritik. Wenn die Post von einer Überprüfung in jedem Einzelfall spreche, müsse es auch tatsächlich eine solche geben, forderte der Bündner Volkswirtschaftsdirektor Jon Domenic Parolini Mitte Mai, als die Post über seinen Kanton informierte.

Hintergrund ist, dass sie auch in Graubünden von einer Überprüfung von 23 der 55 Poststellen sprach. Thomas Baur, Leiter Poststellen und Verkauf, räumte damals aber auf Nachfrage der sda ein, dass wohl nur "ein kleiner Teil" nicht geschlossen werde.

Die Stadt Bern hat bereits früher negative Erfahrungen gemacht. In der Vergangenheit habe die Überprüfung des Poststellennetzes meist die Schliessung von Poststellen bedeutet, schrieb die Berner Stadtregierung als Reaktion auf die Pläne für den Kanton Bern.

Wie die Post mit den Gemeinden über die Schliessungsverfahren diskutiert, weiss auch Madeleine Deckert aus eigener Erfahrung. Aus Sicht der Gemeindepräsidentin der Berner Gemeinde Leubringen/Magglingen läuft dabei "leider einiges falsch".

In der Zeitschrift des Schweizerischen Gemeindeverbandes schrieb sie jüngst: "Glaubten wir anfangs noch, wir hätten Einfluss auf den Erhalt der Poststelle, standen wir aber schliesslich vor dem Fait accompli 'Postagentur oder Zustelldienst'." Die Stimmung sei umso schlechter gewesen, als sich die Gemeinderäte zur Geheimhaltung der Gespräche verpflichtet hatten. Im Nachhinein fühle man sich so instrumentalisiert und als Teil des Abbaus.

Aus den Ereignissen hat auch die Post ihre Lehren gezogen. Sie wolle ihre Prozesse verbessern, schreibt Thomas Baur in einer Replik in der Zeitschrift. Die Post verzichte zudem auf die Geheimhaltungsvereinbarung bei Gesprächen über geplante Postschliessungen.

Im Nationalrat regt sich ebenfalls Unmut über den Abbau des Poststellennetzes. Die grosse Kammer hat am Dienstag fünf Motionen zur Post angenommen. Eine davon verlangt, dass die Kriterien für die Erreichbarkeit künftig auf regionaler Ebene festgelegt werden.

Heute müssen im landesweiten Durchschnitt 90 Prozent der Bevölkerung Post-Dienstleistungen innerhalb von 20 Minuten zu Fuss oder mit dem öffentlichen Verkehr erreichen können. Der Nationalrat verlangt auch, dass Dienstleistungen des Zahlungsverkehrs ebenso gut erreichbar sein müssen wie Postdienstleistungen.

(SDA)