Unispital Bern alarmiert über Strangulationen bei häuslicher Gewalt

Erstmalig in der Schweiz hat das Unispital Bern den Tathergang und die Verletzungen von häuslicher Gewalt untersucht: Die meisten Opfer wurden geschlagen oder getreten, fast immer vom Partner. Alarmiert zeigten sich die Autoren über die hohe Zahl von Strangulationen.
07.10.2018 14:08

Untersucht wurden 337 Fälle von häuslicher Gewalt in den Jahren von 2006 bis 2016, wie der Studie zu entnehmen ist. Sie wurde von der "Sonntagszeitung" veröffentlicht und liegt der Nachrichtenagentur Keystone-SDA vor. Demnach waren 94 Prozent der Opfer Frauen, davon rund die Hälfte Schweizerinnen. In 50 Prozent der Fälle lebten Kinder in der Familie, in der Gewalt ausgeübt wurde.

In 87 Prozent der Fälle wurden die Partner oder Ex-Partner als Täter identifiziert; die Eltern und andere Familienangehörige in drei Prozent und die Kinder in vier Prozent der Fälle. 57 Prozent der Befragten waren in der aktuellen Beziehung bereits einmal geschlagen worden.

Als häufigste Gewalt gaben die Opfer Schläge an, meistens mit der offenen Hand oder mit der Faust an den Kopf. Die Opfer erlitten dabei Prellungen und Hämatome, Platzwunden und Blutungen. Auch Verletzungen an den Armen wurden oft festgestellt. Diese seien durch Festhalten oder die Verteidigung der Opfer erklärbar.

Als "beängstigend hoch" bezeichnen die Autorinnen die Zahl der Strangulationen. Diese Art der Gewalt wurde bei 16 Prozent der Opfer festgestellt. Studien hätten gezeigt, dass sogenanntes nicht-tödliches Würgen das Risiko für spätere Tötungsdelikte erhöhe.

Zudem sei bekannt, dass Gefässverletzungen oft nicht erkannt würden und erst nach Tagen oder Wochen zu schwerwiegenden Konsequenzen führen könnten: Von Gedächtnisstörungen bis zu Schlaganfällen oder sogar zu tödlichen Verläufen.

Deshalb sei die Aufklärung der Opfer über die Spätfolgen nach einem Würgetrauma durch die Ärzte sehr wichtig. Träten entsprechende Symptome auf, müssten sie umgehend untersucht werden.

Die Studie bestätigt weiter die Risikofaktoren für häusliche Gewalt: Am häufigsten seien hier Alkohol und Drogenkonsum - auch einmalig - sowie psychische Erkrankungen der Täter genannt worden. Auch Trennungssituationen erhöhten die Gefahr.

Die meisten Opfer (205) konnten ambulant versorgt werden, 37 mussten im Spital bleiben, 16 wurden in die Psychiatrie eingeliefert. In neun Fällen mussten sie operiert werden. In Lebensgefahr habe sich keines der Opfer befunden. 50 Prozent der Patienten meldete sich selber beim Notfall, 24 Prozent wurde von der Polizei gebracht.

Häusliche Gewalt gehört weltweit zu den grössten Gesundheitsrisiken. In einer Umfrage der Europäischen Union gaben 25,4 Prozent der Frauen in Europa an, körperliche und/oder sexuelle Gewalt in der Partnerschaft erlebt zu haben. Eine Vergleichsstudie der Uno kam im Jahr 2003 für die Schweiz auf einen Anteil von 10,5 Prozent.

In der vorliegenden Studie sei die Prävalenz mit 0,09 Prozent für den untersuchten Zeitraum "sehr niedrig". Doch die Autorinnen vermuten eine hohe Dunkelziffer. Denn oft wagten es die Opfer nicht, sich ärztlich versorgen lassen.

Deshalb müsse das medizinische Personal geschult werden, damit es die "diffusen Zeichen" häuslicher Gewalt richtig erkenne. Nötig seien ausserdem weitere Studien und eine Zusammenarbeit mit der Frauenklinik, dem Kinderspital und Opferhilfestellen.

(SDA)