Vor 25 Jahren wurde Rostock-Lichtenhagen Symbol für Ausländerhass

Die Bilder aus Rostock-Lichtenhagen gingen vor 25 Jahren um die Welt: Im August 1992 versuchte ein Mob von Randalierern und Rechtsextremen vier Nächte lang, die Aufnahmestelle für Asylbewerber und eine Unterkunft für vietnamesische Arbeiter zu stürmen.
22.08.2017 08:00

Das Pogrom in dem Plattenbauviertel begann am Abend des 22. Augusts. Unter "Deutschland den Deutschen"-Rufen und dem Applaus von Schaulustigen attackierten die Angreifer den elfgeschossigen langgezogenen Plattenbau mit Steinen und Brandsätzen. Die Erstaufnahme war damals völlig überfüllt, zahlreiche Asylbewerber mussten sogar vor dem Haus campieren.

Als in der dritten Nacht mehrere Wohnungen in Flammen standen, retteten sich mehr als hundert Bewohner in Todesangst über das Dach des Plattenbaus, weil die Feuerwehr auch wegen der Randalierer nicht ans Gebäude heranfuhr. In der vierten Nacht lieferten sich die Krawallmacher mit den schlecht ausgerüsteten und schlecht geführten Polizisten ein brutales Katz-und-Maus-Spiel durch die Strassen und Hinterhöfe des Viertels.

Rostock-Lichtenhagen wurde zum Synonym für die wachsende Ausländerfeindlichkeit im wiedervereinigten Deutschland - und reiht sich ein in eine Serie weiterer rechtsextremer Übergriffe etwa in Hoyerswerda oder Mölln. "Die Vorfälle von damals lasten bis heute auf der gesamten Stadt", sagt der Präsident der Rostocker Bürgerschaft, Wolfgang Nitzsche.

Rund 40 Angreifer wurden 1992 und 1993 zu Haftstrafen von bis zu dreieinhalb Jahren verurteilt. Zehn Jahre nach den Ausschreitungen erhielten drei ehemalige Skinheads Bewährungsstrafen - erstmals wegen versuchten Mordes. Damit war zumindest juristisch ein Schlussstrich gezogen.

Die Aufarbeitung des Pogroms und das damalige Versagen von Politik, Polizei und Stadtgesellschaft sind in Rostock indes bis heute nicht abgeschlossen. Vor zwei Jahren erst beschloss die Bürgerschaft auf Initiative der "Arbeitsgruppe Gedenken" die Schaffung einer Projektstelle zur Aufarbeitung der rassistischen Ausschreitungen. Ein neues Archiv mit Dokumenten, Zeitzeugenberichten und Presseartikeln soll zugleich Grundlage für die Bildungsarbeit etwa in Schulen sein.

An den 25. Jahrestag der Ausschreitungen erinnert die Hansestadt nun mit einer Gedenkwoche. In den kommenden Tagen werden mehrere Kunstobjekte eingeweiht, unter anderem vor einer Polizeiinspektion und am "Sonnenblumenhaus". Es geht Nitzsche zufolge darum, ein kollektives Gedächtnis zu schaffen.

Dabei sollen auch jene Menschen zu Wort kommen, die damals Opfer waren - etwa Vietnamesen und Sinti und Roma, sagt der Linkspolitiker, der auch Vorsitzender der "Arbeitsgruppe Gedenken" ist. Bei einer Veranstaltung in der Rostocker Marienkirche wird daher am Dienstag auch Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma, sprechen.

Das damalige Versagen des Rechtsstaats und die Kapitulation vor dem rechtsextremen Mob auf der Strasse habe die Nazis gestärkt, sagt Rose. Inzwischen sei in Rostock ein Prozess in Gang gekommen, um die Ursachen und Auswirkungen der rassistischen Ausschreitungen aufzuarbeiten. "Das verdient Respekt und Anerkennung", fügt der Zentralsratsvorsitzende hinzu.

Matthias Siems vom Rostocker Verein "Bunt statt braun" ist überzeugt, "dass es solche Vorfälle wie 1992 nie wieder geben wird". Die Zivilgesellschaft sei heute stärker und wachsam. Auch Nitzsche betont: "Das Klima in der Stadt hat sich wirklich verändert." Alle Institutionen, auch Polizei und Stadtverwaltung, hätten daraus gelernt.

Was die Menschen in Lichtenhagen betrifft, räumen sowohl Nitzsche als auch Siems ein, dass viele sich durch die Gedenkveranstaltungen erneut stigmatisiert fühlten. Deshalb sei ein dezentrales Gedenken mit Musik, Kunst und Diskussionen organisiert worden statt einer grossen politischen Veranstaltung wie vor fünf Jahren, als sogar der damalige Bundespräsident Joachim Gauck kam. "Wir wollen eine offene Stadtgesellschaft zeigen und alle mitnehmen", sagt Siems.

(SDA)