Wie der Wohnort zum Übergewicht beiträgt

Wer bestimmte Genvarianten trägt, neigt zum dick werden: Ganz besonders bei niedrigem Lebensstandard. Deshalb sei wichtig, beim Kampf gegen Übergewicht auch die Städteplanung zu berücksichtigen, berichten Forschende der ETH und des Unispitals Lausanne (CHUV).
25.01.2017 14:35

Unterschiede beim Einkommen, bei Bildung, Alter, Herkunft - all diese Faktoren können nicht vollständig erklären, warum Übergewicht in Städten wie Genf und Lausanne ungleichmässig verteilt ist. Das hatten Studien aus den Jahren 2014 und 2016 gezeigt. Nun liefert das internationale Forscherteam um Stéphane Joost von der ETH Lausanne (EPFL) das fehlende Element: Die genetische Prädisposition.

Dieses genetisch bedingte Risiko für Übergewicht errechneten die Wissenschaftler anhand von 69 Genvarianten. Die Wahrscheinlichkeit, auch tatsächlich übergewichtig zu werden, ist dann besonders gross, wenn zu den Genen noch widrige soziale Umstände hinzukommen, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt "International Journal of Epidemiology".

Auf die Spur dieses Zusammenhangs kamen die Lausanner Forschenden in Zusammenarbeit mit Kollegen der University of Exeter, die Daten von 120'000 Briten aus der britischen Biobank untersuchten. Den Befund daraus bestätigten sie anschliessend anhand der "CoLaus"-Kohortenstudie mit 6000 Einwohnern der Stadt Lausanne, wie EPFL und CHUV am Mittwoch mitteilten.

Die Wissenschaftler nutzten den sogenannten "Townsend Deprivation Index", der aus dem Jahr 1987 stammt. Damit lässt sich ein Stadtplan der sozialen Umstände zeichnen, aufbauend auf vier Faktoren: dem Anteil Arbeitsloser, wie viele Personen pro Zimmer in einer Wohnung zusammenleben, sowie dem Anteil Auto- und Hausbesitzer.

Auch wenn viele heute freiwillig auf ein Auto verzichten und dies nicht zwingend den sozialen Status wiedergibt, zeigt der Index für Lausanne einen klaren Trend: Einen sozial schwächeren Westen und "reicheren" Osten. Anschliessend untersuchten die Forscher, wo in der Stadt sich die genetische Prädisposition besonders in einem Body-Mass-Index niederschlug. Auch hier: Im Westen Lausannes mehr als im Osten.

Wie stark das Umfeld den Effekt der Gene verstärkt, sei wegen der relativ kleinen Teilnehmerzahl schwer zu bestimmen, schrieben EPFL und CHUV. In der britischen Studie der University of Exeter mit 120'000 Personen, liess sich der Unterschied eher beziffern: Ein niedriger Lebensstandard bedeutete dort fast ein zusätzliches Kilogramm Körpergewicht für eine durchschnittlich grosse Person.

Die Studie zeige, dass es nicht reiche, Gesundheitskampagnen gegen gezuckerte Getränke und frittiertes Essen durchzuführen, sagte Joost gemäss der Mitteilung. Man müsse auch fragen, in welchem Mass die Städteplanung beitragen könne, gegen das Problem zunehmenden Übergewichts vorzugehen. Dieser Frage wollen sich die Forschenden nun annehmen.

(SDA)