Schlittern Automessen in die Krise?

V W-Konzernchef Matthias Müller folgt mit der Absage eines Auftritts bei der Automesse in Detroit in Zeiten des Dieselskandals einem Trend in der Branche: Automessen haben an Anziehungskraft eingebüsst.
07.01.2017 20:57
Tesla «Model 3». Die Marke zeigt ihre Neuheiten auf eigenen Veranstaltungen, die im Internet übertragen werden.
Tesla «Model 3». Die Marke zeigt ihre Neuheiten auf eigenen Veranstaltungen, die im Internet übertragen werden.
Bild: iNg

Viele Hersteller zeigen Neuheiten lieber auf eigenen Veranstaltungen, wo sie sich der vollen Aufmerksamkeit des Publikums sicher sein können, oder im Internet. Doch dies gilt nicht für alle Branchen. Fachmessen wie die IFA in Berlin locken Scharen von Besuchern an. Die Hannover Messe ist weiterhin die Leistungsschau der Maschinenbauer. Und der rasante Aufstieg der Computer- und Elektronikbranche spiegelt sich in einer Vielzahl von Branchentreffen rund um den Globus wider. Spezialisierung und Expansion ins Ausland sind die Trends im Messegeschäft.

Die am Sonntag beginnende Automesse in Detroit galt lange neben dem Genfer Autosalon, dem Autosalon in Paris und der IAA in Frankfurt als wichtigste Messe für die Autohersteller. In den vergangenen Jahren rückte aber die Technologieschau CES in Las Vegas immer stärker ins Rampenlicht, auf der die Autobauer mit selbstfahrenden Autos den Weg ins digitale Zeitalter zeigen. Auch der italienisch-amerikanische Autobauer Fiat/Chrysler, immerhin Nummer vier in den USA, zeigt seinen Elektro-Van lieber in Las Vegas als in Detroit.

Immer mehr Hersteller nutzen die direkte Ansprache übers Internet. Die meisten Messeneuheiten sind ohnehin Wochen vorher schon auf Video bei Youtube zu bestaunen. Daimler-Chef Dieter Zetsche tritt bei Messepräsentationen seit einiger Zeit nur noch in Jeans und Freizeitjacket auf. Krawatten sind bei immer mehr Unternehmen out. Die Botschaft an die jüngere Kundschaft soll lauten: Seht her, wir sind auch hip. Vorbild sind heute IT-Konzerne aus dem Silicon Valley wie Apple, die ihre Neuheiten auf eigenen Veranstaltungen zeigen, die im Internet übertragen werden. Ähnlich macht es Tesla.

"Messen spielen eine grosse Rolle"

Der Verband der Messebranche in Deutschland Auma sieht hingegen ein ungebrochenes Interesse an Ausstellungen. Rund 10,5 Millionen Besucher hätten die Messen hierzulande 2016 angelockt. Der Umsatz der Veranstalter habe bei 3,7 Milliarden Euro gelegen - über eine Milliarde Euro mehr als noch vor zehn Jahren. Dies liege vor allem am Ausbau des Auslandsgeschäfts. Hatten die Veranstalter 2006 noch 198 Messen jenseits der Grenzen organisiert, waren es zuletzt 307. Einer Umfrage zufolge wollten die deutschen ausstellenden Unternehmen 2017/18 im Schnitt je rund 285.000 Euro für Beteiligungen an Messen ausgeben - 1,5 Prozent mehr als 2015 und 2016. "Face-to-Face-Kommunikation hat offensichtlich unverändert Konjunktur", sagt Auma-Chef Walter Mennekes. Produkte und Leistungen würden gemeinsam bewertet. "Das wissen viele Firmen sehr zu schätzen, gerade angesichts vieler einseitiger Bewertungen, die online im Umlauf sind."

Auch die Maschinenbauer setzen weiter auf die Veranstaltungen. "Messen spielen eine große Rolle", sagt der Experte des Branchenverbandes VDMA, Alexander Koldau. Etwa 40 Prozent ihres Marketingetats verwendeten die Firmen dafür. "Wenn jemand nicht da ist, kommt schnell die Frage auf, ob es den noch gibt." Im Mittelpunkt stehe vor allem die Pflege von Kontakten. Die Ausstellungen seien eine gute Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Dies gelte etwa für die Hannover Messe, die vor allem für Zulieferer wichtig sei. Durch die Messe finde die Branche auch Gehör bei Politik und in den Medien. 2016 hatten US-Präsident Barack Obama als Vertreter des Partnerlandes und Bundeskanzlerin Angela Merkel für Schlagzeilen gesorgt.

Die IFA in Berlin findet wegen großen Erfolges und wegen der Fülle neuer Angebote seit 2006 jedes Jahr statt und platzt aus allen Nähten. Seit zu Funk- und Fernsehtechnik 2008 die Elektro-Hausgeräte dazugekommen sind, rühmt sie sich als weltgrößte und bedeutendste Messe ihrer Art zu sein. Auch bei der Messe München steigen die Zahlen seit Jahren kontinuierlich an. Vor allem aus dem Ausland kommen inzwischen deutlich mehr Aussteller und Besucher. Ein Grund dafür ist einem Sprecher zufolge, dass viele Veranstaltungen inzwischen auch im Ausland stattfinden. Beispiel: Die Bauma, die Weltleitmesse für Bau-, Baustoff- und Bergbaumaschinen und für Baufahrzeuge und -geräte, hat Ableger in China oder Indien. Das zieht neue Gäste an, wenn die Messe alle drei Jahre in München stattfindet.

Die Computer- und Elektronikbranche ist auf einer Vielzahl von Messen vertreten. Auf der CES in Las Vegas werden gerade die neuesten Riesenfernseher und Virtual-Reality-Brillen enthüllt, und das Who-is-Who der Telekom-Welt trifft sich Ende Februar in Barcelona auf dem Mobile World Congress. Daneben gibt es noch zahlreiche Spezialmessen wie die Kölner Gamescom für Videospiele-Freaks und die Cyber-Sicherheitsmesse ITSA in Nürnberg. Vor zwei Jahrzehnten war das Bild noch anders: Da passte die gesamte IT-Welt in die Messehallen von Hannover. Die Cebit war die Branchenschau. Auf dem Höhepunkt des Internet-Hypes 2001 drängelten sich gut 800.000 Menschen auf dem Gelände. Danach folgte ein langer Abstieg, zuletzt lockte die Cebit noch 200.000 Besucher. 

(Reuters)