Die wichtigsten Zinsen der Finanzmärkte

Leitzins, Negativzins, Hypothekarzins: Bezüge und Abgaben auf Guthaben oder Schulden regeln unsere Wirtschaft. Ein Überblick.
07.02.2016 22:00
Von Marc Forster
Wohin die Zinsreise geht, ist offener denn je.
Wohin die Zinsreise geht, ist offener denn je.
Bild: Keystone

Das Wort Zinsen kommt vom lateinischen "Census", was eigentlich "Schätzung" heisst. Gemeint ist heute aber eine Gebühr, die für geliehenes Geld bezahlt wird. Zinsen betreffen alle: Der Sparer bekommt von seiner Bank einen Zins, weil er dem Institut sein Geld zur Verfügung stellt.  Umgekehrt muss man als Kreditnehmer einer Bank Zinsen zahlen. Die wichtigsten Zinsen werden an den Finanzmärkten  festgelegt und bezahlt. Hier die Zinsen und ihre Folgeerscheinungen, die für den Wirtschaftskreislauf von grosser Bedeutung sind.

Leitzinsen

Jede Zentralbank legt einen Leitzins fest. Dieser definiert, wie teuer es für kommerzielle Banken ist, Geld bei der Zentralbank aufzunehmen oder einzulagern. Diese sogenannten Refinanzierungsgeschäfte der Banken wiederum haben einen  Einfluss darauf, wie teuer Kredite für die gesamte Wirtschaft sind. Typischerweise hebt eine Zentralbank im Rahmen ihrer Geldpolitik die Zinsen an, wenn die Wirtschaft wächst. Umgekehrt senkt sie die Zinsen in einer Rezession, um die Kreditvergabe anzukurbeln und so den Abschwung abzubremsen.

Staatsanleihen

Regierungen nehmen über Anleihen (oder Obligationen) Geld an den Kapitalmärkten auf. Generell gelten Regierungen als sehr vertrauenswürdige Schuldner. Dafür zahlen sie den Anleihenkäufern einen fix definierten Zins. Allerdings werden Staaten auch punkto Inflation, volkswirtschaftlicher und politischer Risiken bewertet. Anleihen werden nach dem System von Angebot und Nachfrage gehandelt. Aus all diesen Faktoren errechnet sich die Rendite einer Anleihe. Eine Schweizer Anleihe mit einer Laufzeit von zehn Jahren und einem Zins von 1,5 Prozent kann über die Jahre durchaus eine negative Rendite aufweisen. Je tiefer die Rendite, desto billiger wird es für Staaten, neues Geld am Markt aufzunehmen.

Zinsen und Bonität

Volkswirtschaftlich starke, demokratische Länder verfügen häufig über ein AAA-Kreditrating: Diese Note erhalten etwa die Schweiz oder Deutschland von Ratingagenturen. Je nach Staatshaushalt und politischen Risiken liegt das Rating (oder die Bonität) tiefer.

Staaten mit Ratings innerhalb der feinen Abstufungen von AAA bis BBB- (wie etwa bei der Agentur Standard & Poor’s) sind investitionswürd ("Investment Grade"). Je tiefer das Rating und oft auch je höher die Rendite einer Staatsanleihe, desto spekulativer und risikoreicher sind die Anleihen. Umgangssprachlich redet man dann von "Ramsch". Ein Rating "D" heisst wiederum, der Anleihenschuldner ist bankrott. Griechenland beispielsweise befände sich auf dem Niveau D, wenn das internationale Rettungsprogramm die Anleihen nicht grundsätzlich handelbar machen würde.

Zinsen von Corporate Bonds

Unternehmen kennen zur Finanzierung Eigen- und Fremdkapitalinstrumente. Eigenkapitalinstrumente sind Aktien: Aktionäre besitzen einen Teil des Unternehmens. Fremdkapitalinstrumente sind Anleihen. Sie funktionieren wie Staatsanleihen. Das Unternehmen macht wie ein Staat Schulden. Diese werden am Markt gehandelt und verfügen über einen Zins. Die Anleihe einer Firma hängt auch von der Vertrauenswürdigkeit des Unternehmens ab. Der Kurs einer Unternehmensobligation (auf Englisch: Corporate Bond) ist nicht identisch mit dem Aktienkurs. Unter Umständen kann der Kurs einer Unternehmensobligation mehr über den finanziellen und geschäftlichen Zustand eines Unternehmens aussagen als der Aktienkurs.

Carry Trades

Unterschiedliche Zinsniveaus in verschiedenen Ländern und Währungsräumen machen Anleger erfinderisch. Ein Investor nimmt einen Kredit in einer Währung eines Landes mit niedrigen Zinsen auf und kauft dann Zinspapiere in einem  Land, das einen höheren Zinssatz kennt. Bei der Rückzahlung des Kredits heimst der Investor einen Gewinn ein, falls die Zinsdifferenz noch besteht. Solche sogenannten Carry Trades sind spekulativ, denn für den Erfolg eines solchen Geschäfts müssen verschiedene Faktoren stimmen, die zum Teil schwanken können. Entscheidend ist, dass sich der Wechselkurs der beiden Währungen, in denen der Investor - oder eben Spekulant - seine Geschäfte abgeschlossen hat, günstig entwickelt.

Null- und Negativzinsen

Die Finanzkrise nach 2007 führte zu einer Absenkung der Leitzinsen gegen null. Inzwischen sind einige Zentralbanken gar zu Negativzinsen übergegangen, so die Schweizerische Nationalbank (SNB). Sie griff zu diesem Mittel, um die Wechselkurse zu beeinflussen. Mit einem negativen Einlagenzins müssen Banken und Anleger, die bei der SNB ausländische Devisen gegen Franken tauschen, einen Strafzins von 0,75 Prozent bezahlen. Dieser soll ausländische Investoren davon abhalten, in den Franken zu flüchten.

Der Negativzins wurde ein zentrales Element der SNB-Geldpolitik, nachdem die Notenbank am 15. Januar 2015 aufgehört hatte, den Mindestkurs von 1.20 Franken für einen Euro zu verteidigen. Inwieweit der Negativzins eine Aufwertung des Frankens heute verhindert, ist Gegenstand von Spekulationen. Das Problem landet letztlich bei den Sparern.

Für Banken, Lebensversicherer und Pensionskassen sind die Tief- und Negativzinsen ebenfalls unerfreulich. Die Banken haben die Zinsen zum Teil auf null gesenkt, um ihre Margen zu schützen. Die Vorsorgeeinrichtungen sind in einer verzwickteren Lage, denn sie haben ihren Kunden Renditen versprochen, die derzeit höher sind als die Zinsen. Es kostet sie einige Anstrengungen, die Lücke zu füllen, denn zu den Zahlungen sind sie verpflichtet, Minuszinsen hin oder her.

Hypothekarzinsen

Hausbauer und Wohnungskäufer entscheiden sich je nach Wirtschaftslage für feste oder variable Hypotheken. Weil der Hypothekarzins stark vom Leitzins abhängt, entscheiden sich derzeit viele Schweizer Hypothekarkunden für eine Festhypothek, denn die Zinsen sind tief. Wer sich derzeit mit einer Festhypothek verschuldet, kann von einer stabilen Zinszahlung ausgehen. Diese Kunden sind zumindest bis zur Ablösung der Hypothek geschützt vor bösen Überraschungen, falls die Leitzinsen  der Zentralbank steigen sollten.

Anders präsentiert sich die Lage für Kunden,  die eine variable Hypothek haben: Ihr Zinssatz richtet sich nach einem Richtwert wie dem Libor. Das ist ein täglich in London definierter Satz, zu dem sich Banken gegenseitig Geld ausleihen und der etwas günstiger ist als eine Festhypothek. Der aktuell tiefe Libor kann schneller als die Leitzinsen steigen.

In der Schweiz sind die Hypothekenbestände der Banken in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Dies birgt Risiken: In einer Krise oder bei stark steigenden Zinsen könnten Hypothekarkunden ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen und so die Bilanzen der kreditgebenden Banken in den Abgrund reissen. Dies kann zu einer Immobilienkrise führen, einer der hartnäckigsten Formen einer Wirtschaftskrise.

Dieser Beitrag ist Teil des am 3. Februar 2016 publizierten cash-Anlegermagazins «VALUE». Dort erfahren Sie auch viel Wissenswertes über Aktien: lohnende Langfristanlagen, sechs Anlagestrategien, Tipps zu ETF.

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