So lesen Anleger die Unternehmenszahlen

In den Geschäftsberichten wimmelt es von unterschiedlichen Kennzahlen - doch nicht alle sind für jede Branche gleich relevant. Ein Crash-Kurs für Anleger.
27.01.2015 11:33
Von Frédéric Papp
Was sagen diese Zahlen? Eine Orientierungshilfe kann nicht schaden.
Was sagen diese Zahlen? Eine Orientierungshilfe kann nicht schaden.
Bild: ©Sergey Yarochkin/Fotolia.com

Die Zahlensaison für 2014 am Swiss Market Index (SMI) nimmt so richtig Fahrt auf. Den Anfang machte der Genfer Warenprüfkonzern SGS am 21. Januar. Am Dienstag und am Mittwoch folgen die beiden Pharmariesen Novartis und Roche, die übrigen börsenkotierten Gesellschaften folgen in den kommenden Wochen und Monaten.

Alle Unternehmen präsentieren ihre Abschlüsse in einem Geschäftsbericht, der an die Aktionäre abgegeben wird. Dieser ist bei allen an der SIX kotierten Unternehmen ähnlich aufgebaut und umfasst je nach Detaillierungsgrad zwischen mehreren Dutzend und gegen 1500 Seiten.

Rück- und Ausblick

Zu Beginn des Berichts berichtet der Verwaltungsratspräsident über das abgelaufene Jahr. In der Regel werden bereits wichtige Kennzahlen wie zum Beispiel der Reingewinn oder Umsatz hervorgehoben. Im Anschluss folgt ein kurzer Ausblick auf das bevorstehende Jahr mit den wichtigsten Finanzzielen.

Anschliessend folgt der Finanzbericht, der die genauen Resultate der einzelnen Geschäftseinheiten wiedergibt. Diese werden im Anschluss übersichtlich in einer Tabelle dargestellt. Zudem wird Rechenschaft über die Vergütung der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats abgelegt. Abgeschlossen wird der Geschäftsbericht mit allfälligen Erläuterungen zur Jahresrechnung, Anträgen des Verwaltungsrats sowie dem Bericht der Revisionsstelle. 

Wenig geübte Anlegern wird es bei dieser Flut von Informationen erschwert, die wesentlichen Punkte des Geschäftsberichts in nützlicher Frist zu erfassen. Zu allem Übel variieren die wichtigsten Kennzahlen von Branche zu Branche deutlich. Die folgende Auflistung von cash soll deshalb dem Anleger als Leitfaden dienen, um die für seine Aktien relevanten Kennzahlen in den Geschäftsberichten aufzufinden. 

Allgemein

Bei praktisch allen Branchen gibt es zwei Indikatoren, die zuoberst auf der Check-Liste stehen: Gewinn und Umsatz. Dennoch gibt es bei ausgewählten Branche Kennzahlen, die für eine Bewertung des Unternehmens besondere Bedeutung haben.

Banken

Bei den Grossbanken UBS und Credit Suisse stehen die Kernkapitalquoten und die Verschuldungsquote – das sogenannte Leverage Ratio – im Vordergrund. Letztere sorgte wiederholt für Marktturbulenzen. Bei den diversen Gewinnzahlen muss sich der Anleger auf eine Zahl konzentrieren: Auf den den Aktionären zurechenbaren Gewinn. Dieser schliesst sämtliche Sonderfaktoren aus, die den Gewinn beschönigen könnten. 

Bei Privatbanken hingegen ist eine andere Kennzahl entscheidend:Der Netto-Neugeldzufluss. Denn dies ist die Basis für künftige Erträge. Ebenfalls ein Augenmerk sollten Anleger auf die Cost-Income-Ratio legen. Einfach ausgedrückt heisst dies: Wie viele Rappen sind notwendig, um einen Franken Gewinn zu generieren. Je tiefer diese Kennzahl ist, desto effizienter arbeitet die Bank. Bei klassischen Retailbanken wie Kantonal- oder Regionalbanken ist die Cost-Income-Ratio in der Regel tiefer als bei Privat- oder Grossbanken.

Versicherungen

Drei Zahlen sind hier ausschlaggebend: Der Solvabilitätswert, die Nettoprämien sowie die Schaden-Kosten-Quote. Der Solvabilitätswert gibt Auskunft über Fähigkeit von Versicherern, ihre Existenz und die dauernde Erfüllbarkeit der eingegangenen Verpflichtungen jederzeit durch ausreichende Solvabilitätsmittel sicherzustellen. Der gesetzlich vorgeschriebene Minimalwert beträgt 100 Prozent. Die Entwicklung der Nettoprämieneinnahmen sind gerade bei Lebens- und Sachversicherern entscheidend.

Insbesondere Rück- und Sachversicherern wie Swiss Re oder Zurich IG spielt zudem die so genannte Schadenkostenquote (combined Ratio) eine wichtige Rolle. Sie bezeichnet in der Versicherungsbranche das Verhältnis zwischen Aufwendungen für Schäden, Verwaltung und Abschlusskosten einerseits und den Prämieneinnahmen auf der anderen Seite. Rentabel sind Werte unter 100 Prozent.

Pharma

Der Pharma-Sektor ist einem verstärkten Kostendruck ausgesetzt. Deshalb ist die operative Marge, auch Ebit-Marge genannt, wichtig. Sie zeigt an, wie rentabel das Unternehmen vor Zinsen und Steuern wirtschaftet. Diese Kennzahl erhöht sich, wenn die Umsätze basierend auf höheren Preisen oder Absatzzahlen steigen oder die operativen Aufwendungen für Material oder Personalkosten sinken.

In diesem Zusammenhang steht auch die Qualität der Produktepipeline. Ist sie mit potenziellen Blockbustern gefüllt – also mit Medikamenten, die über eine Milliarde Umsatz generieren, dann steigt üblicherweise auch die Ebit-Marge.

Konsumgüter

Hersteller von Basiskonsumgütern wie Nestlé definieren sich stark über das operative Wachstum. Entsprechend wichtig ist auch ein Blick in das Marken-Portfolio der Nahrungsmittelhersteller. Denn starke Brands bedeuten Preissetzungsmacht - auch in Regionen mit wirtschaftlichen Problemen.

Die Geschäftsentwicklung bei den Produzenten zyklischer Güter wie Luxusgüter oder Elektronikartikel sind verstärkt vom makroökonomischen Umfeld abhängig. Folglich ist die Umsatzentwicklung der spezifischen Exportmärkte ausschlaggebend. Über die künftige Entwicklung der Exportmärkte gibt das Management im Ausblick Auskunft. Fällt dieser vom Management eher verhalten aus, ist dies in der Regel kein gutes Zeichen.

Industrie

Die branchenspezifischen Kennzahlen für Industrieunternehmen sind der Auftragseingang und das Book-to-bill-Ratio. Der Auftragseingang bezeichnet die Summe der Kundenaufträge, die erst in Zukunft bearbeitet werden. Das Book-to-bill-Ratio gibt das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz - also erhaltene Aufträge zu bereits verrechneten Arbeiten - an. Dies ist ein wichtiger Indikator bezüglich des Zustands der Firma. Eine Book-to-bill-Ratio über 1 zeigt einen wachsenden Markt. Liegt diese unter 1, ist die Nachfrage schwach.

Biotech

Die meisten Schweizer Biotech-Firmen haben etwas gemeinsam: Es sind Unternehmen, die meist nur ein einziges Produkt entwickeln und zur Marktreife bringen wollen. Wichtig sind deshalb die Angaben zum Umsatz, zur Entwicklung des Verlusts sowie die so genannte Cash-Burn-Rate. Dieser entnimmt der Anleger, wie viel Geld das Unternehmen pro Monat "verbrennt".

Immobilien

Immobilienunternehmen verdienen dann mehr Geld, wenn die Mieten steigen und die Liegenschaften möglichst vermietet sind. Wichtige Kennziffern sind deshalb die Leerstandsquote und die Mietzinsentwicklung. Abseits des Jahresberichts sollten Anleger aber auch die Zins- und Hauspreisentwicklung im Auge behalten. Denn diese Parameter beeinflussen den zukünftigen Gewinn.