Eigenheim-Kredite - Die Liborhypothek geht - doch Kunden sollen auf günstigen Angeboten bestehen

Wohnfinanzierer zögern vermehrt mit der Vergabe von Liborhypotheken: Klar, der Libor wird in wenigen Jahren verschwinden. Allerdings droht mit der Umstellung auf neue Systeme auch ein Stück Transparenz verloren zu gehen.
10.02.2019 22:40
Von Marc Forster
Bürotürme in der Londoner City: Noch bis Ende 2021 wird der Libor offiziell berechnet.
Bürotürme in der Londoner City: Noch bis Ende 2021 wird der Libor offiziell berechnet.
Bild: Pixabay

Wer dieser Tage eine Liborhypothek abschliessen oder erneuern will, kann bei Banken und anderen Hypothekenfinanzierern auf verschlossene Türen stossen. Zwar publizieren nach wie vor alle wichtigen Anbieter auf ihren Webseiten Hypothekenangebote, die auf dem Londoner Referenzzinssatz basieren. Aber mehr und mehr interessierte Kundinnen und Kunden berichten, dass ihnen das bewährte Angebot bei direkter Anfrage nicht mehr unterbreitet wird.

Eine Vorsichtsmassnahme, sagen Marktbeobachter. Der Grund leuchtet zunächst ein: Den Libor, zu dem Banken kurzfristige Ausleihgeschäfte tätigen, wird es noch bis Ende 2021 geben. Danach soll der in London täglich erstellte Referenzzinssatz von der britischen Finanzaufsicht nicht mehr ermittelt werden und dürfte aller Voraussicht nach so seine Bedeutung verlieren.

Dies, nachdem es in den vergangenen Jahren Manipulationsskandale um den Libor gab. Und aus der Sicht von Finanzmarktteilnehmern wies er sowieso eine Reihe von Schwächen auf. 

Geldmarkthypothek statt Liborhypothek

Schweizer Hypothekarkunden berichten nun aber folgendes: Anbieter würden Ihnen mitteilen, die Liborhypothek werde "abgeschafft". Ganz korrekt ist dies aber nicht. Lediglich wird ab 2022 der Londoner Zinssatz nicht mehr als Basis für Hypothekarzinsen verwendet werden können.

Zum einen ist es möglich, bestehende Liborhypotheken für eine Übergangsfrist weiterlaufen zu lassen. Zum andern dürfte ein neuer, im besten Falle mit dem Libor eng vergleichbarer Geldmarktsatz als Grundlage für Hauskredite angewendet werden. Möglicherweise wird dies der Saron der SIX Group sein (siehe Box). Künftig muss aber natürlich allgemeiner von einer Geldmarkthypothek gesprochen werden, nicht mehr von der Liborhypothek. Vom Prinzip her handelt es sich um das gleiche.

Geldmarkthypotheken sind so genannte Roll-Over-Kredite, deren zugrundeliegender Referenzzins sich laufend ändert. Schweizer Liborhypotheken werden dem Referenzzinssatz monatlich, alle drei Monate, halbjährlich oder jährlich angepasst und laufen zwischen zwei und sechs Jahren. Kunden müssen anders als bei Festhypotheken das Risiko steigender Zinsen während der Laufzeit einkalkulieren.

Seit die Zinsen so tief sind, sind Liborhypotheken für Kunden eine finanziell sehr lohnende Form des Wohnkredits. Will man beispielsweise eine 500'000-Franken-Hypothek für eine Eigentumswohnung in Winterthur erneuern, kostet laut dem Vergleichsportal Comparis eine Liborhypothek zwischen 0,59 und 0,78 Prozent Zins. Bei der beliebtesten Festhypothek, jener mit zehn Jahren Laufzeit, fällt die Verzinsung auf 0,98 bis 1,16 Prozent. 

Banken können Marge leichter erhöhen

Die Tiefzinsen haben Liborhypotheken allerdings nicht nur historisch billig gemacht. Kunden profitieren auch von einer höheren Transparenz. "Mit einem Libor unter Null kann man sagen: Alles über Null ist die Marge der Bank oder des Hypothekenfinanzierers", sagt Adrian Wenger vom Beratungsunternehmen Hypothekenzentrum.

Früher was dies anders. "Als der Liborzinssatz noch über Null war, gab es Diskrepanzen bei den Angeboten: Banken verwendeten entweder den Libor oder einen internen Refinanzierungssatz als Basis", fährt Wenger fort. Die Kunden konnten von Quartal zu Quartal die Zinsveränderung dadurch nicht nachvollziehen.

Eine solche Situation droht nun zurückzukehren. Wenn zum einen der Libor als Grundlage für Geldmarkthypotheken wegfällt und zum andern mit der Zeit auch die Negativzinsen verschwinden, werden die Margen der Banken für den Kunden erneut weniger nachvollziehbar. "Damit können die Hypothekenfinanzierer mit der Umstellung auf einen neuen Referenzzinssatz die Marge leichter erhöhen", sagt Experte Wenger.

Wettbewerb hilft Kunden

Die Frage, ob Banken an Libor- oder Festhypotheken mehr verdienen, ist nicht ganz einfach zu beantworten – somit auch nicht die Frage, ob sie Kunden bewusst zu den Festhypotheken drängen. Jedenfalls hört man vom Markt unterschiedliche Ansichten. Die Festhypothek ist für die Anbieter grundsätzlich ein lukratives Geschäft, auch wegen der Planbarkeit aufgrund langer Laufzeiten. Im Gegenzug müssen sich Anbieter bei längeren Laufzeiten auch selber absichern, was ihnen Kosten verursacht.

Tatsache ist aber: Libor- bzw. Geldmarkthypotheken weisen nach wie vor nur einen Marktanteil zwischen 10 und 15 Prozent auf. Das mag damit zusammenhängen, dass Kunden einem variablen Zins grundsätzlich eher misstrauen, aber auch damit, dass Banken eher Festhypotheken in den Vordergrund stellen. Wer nichtsdestotrotz an einer Libor- beziehungsweise Geldmarkthypothek interessiert ist, sollte auf dem Angebot bestehen. Und sollten Hypothekenfinanzierer versuchen, die Marge zu erhöhen, bleibt den Kunden immer noch die Möglichkeit, zu vergleichen. 

Ihnen kommt dabei das grosse Angebot zugute: "Der Wettbewerb um die kurzlaufende Hypothek wird bleiben", sagt Giampiero Brundia, Geschäftsführer der Hypothekenbörse Uster. Er geht damit nicht davon aus, dass die künftige Geldmarkthypothek generell teurer wird.

Dass die Finanzbranche generell auf Geldmarkthypotheken verzichten wird, hält er ebenfalls für unwahrscheinlich: "Ich glaube nicht, dass es keine kurzlaufenden Hypotheken geben wird, wie aktuell die Liborhypothek eine solche darstellt", sagt Brundia. Würden die Banken nur noch Hypotheken ab zwei Jahren Laufzeit anbieten, hätte dies wohl Folgen. Brundias Einschätzung nach würde sich dann ein Sekundärmarkt bilden, der kreativer sein dürfte als die etablierten Anbieter.

Wird der vielzitierte Saron der neue Libor?

Noch ist nicht entschieden, dass der Schweizer Einlagensatz Saron (Swiss Average Rate Overnight) der SIX Group den Libor am 1. Januar 2022 als Basis für Schweizer Hypothekarzinsen ersetzen wird. Aber es spricht einiges dafür.

Wie vom Libor muss sich auch vom Saron eine Referenzgrösse für Hypothekargeschäfte ableiten lassen. Grundlage dafür bieten Termingeschäfte. Seit vergangenem Jahr können an der Terminbörse Eurex Termingeschäfte, so genannte Futures, auf den Saron gehandelt werden. Diese könnten später eine Basis bilden, mit denen künftig Saron-Referenzsätze auch für Schweizer Hypotheken erstellt werden. Allerdings braucht es ein gewisses Handelsvolumen.

Wie auch immer: Die Umstellung Libor auf Saron ist schon verglichen worden mit einem Haus, dessen Fundamente austauscht werden, während die Stockwerke darüber weiter normal bewohnt und genutzt werden. Banken und Finanzdienstleister müssen Prozesse anpassen. Vor allem die Informatik wird davon betroffen sein. Für diese kostenträchtigen Umstellungen bleiben noch knapp drei Jahre Zeit.