Aktien, Obligationen - oder gibts Alternativen?

cash wollte wissen, wie man in den nächsten zehn Jahren sein Geld anlegen soll. Die Meinung von sechs Experten, von der Alternativen Bank bis zur UBS.
09.09.2015 01:05
Aufgezeichnet von Marc Forster
Ein Passant studiert die Aktienkurse im Schaufenster der UBS am Paradeplatz in Zürich. Obs wohl noch Alternativen zu Aktienanlagen gibt?
Ein Passant studiert die Aktienkurse im Schaufenster der UBS am Paradeplatz in Zürich. Obs wohl noch Alternativen zu Aktienanlagen gibt?
Bild: Bloomberg

Christian Gattiker, Chefstratege Bank Julius Bär:
"Warum denn in die Ferne schweifen? Wer Geld langfristig anlegen möchte, muss sich zunächst überlegen, wie viel netto überhaupt zur Verfügung steht. Zuerst sollte man den Notgroschen vom Vermögen abziehen und in bar auf dem Konto halten. Idealerweise eine Summe, die einen während mindestens sechs Monaten über Wasser hält. Dann stellt sich die Frage nach dem Zinseinkommen. Falls man nicht über ein regel­mässiges Einkommen verfügt, sollte man hier den nötigen Betrag identifizieren und in Unternehmensanleihen guter Bonität investieren. Wer über die nächsten fünf Jahre nicht auf das Ersparte zurückgreifen muss, kann sich den Aktien zuwenden. Die Vergangenheit zeigt, dass Schweizer Anleger mit Schweizer Ak­tien am besten ge­fahren sind, wenn man Währungseffekte be­rücksichtigt. Ein ausgewogenes ­Portfolio von Quali­tätsaktien hat die höchste Chance zur Wertsteigerung."

 

Florian Schubiger, geschäftsführender Partner Vermögens­partner:
"Wer einen Anlagehorizont von mehr als zehn Jahren hat, kommt an Aktien auch künftig nicht vorbei. Langfristig betrachtet haben die Beteiligungspapiere mit Sachwertcharakter vor allem zwei Vorteile: Die Renditechancen sind hoch und es besteht indirekt ein kosteneffizienter, krisenresistenter Inflationsschutz. Wir empfehlen ein weltweit diversifiziertes Portfolio. Für Frankenanleger ist ein Übergewicht der Schweiz im Vergleich zum Weltaktienmarkt sinnvoll. Die Umsetzung erfolgt am besten mit ETF (Exchange Traded Funds). So sind Risiken breit gestreut und die Kosten tief. Wer nicht risikofreudig ist, kann sein Geld aktuell auf einem möglichst gut verzinsten Konto belassen. Der Zins ist nach Abzug aller Gebühren höher als bei vielen Obligationen. Und steigen die Zinsen, profitiert man mit dem Konto relativ rasch davon. Nach ­einem allgemeinen Zinsanstieg ist ein Wechsel in Obligationen möglich."

 

Thomas Stucki, Anlagechef St. Galler Kantonalbank:
"Die Balance ist entscheidend - die Zinsen liegen bei oder gar unter null Prozent. Dennoch ist auf der Suche nach ‹Zusatzrendite› vorsichtig vorzugehen. Der Teil des Vermögens, der unbedingt gehalten werden muss, sollte auf dem Konto bei der Bank oder in normalen Franken-Anleihen guter Schuldner angelegt sein, auch wenn damit über die nächsten fünf Jahre nichts verdient wird. Dies gibt den nötigen Spielraum, um den anderen Teil des Vermögens in riskantere Anlagen zu investieren und damit eine Mehrrendite zu erzielen. Dabei bevorzuge ich Aktien. Die drei Argumente, die für gute Aktienmärkte sprechen, sind nach wie vor intakt: Die Weltwirtschaft, angeführt von den USA, wächst solide. Die Zentralbanken werden trotz Zinserhöhungen in den USA die Geldmenge im System weiter hoch halten, und die attraktiven Alternativen zu den Aktien und ihren Dividenden werden immer weniger."

 

Samy Ibrahim, Leiter Asset Management Alternative Bank Schweiz:
"Für Anlegerinnen und Anleger, die mit ihrem Geld etwas Sinnvolles bewirken wollen, bietet sich im Moment eine interessante Ausgangslage: Einerseits verunsichert die politische Entwicklung in Europa die Finanzmärkte. Niemand weiss, ob und wie sich die Schuldenkrisen auf die Aktienmärkte durchschlagen. Andererseits dämpft das anhaltend tiefe bis negati­ve Zinsniveau die Renditeerwartungen. In diesem Umfeld sind Anlagen vielversprechend, deren Entwicklung nicht von den Finanzmärkten abhängt. Dazu zählen Titel, die einen hohen positiven Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft haben. Zu nennen sind etwa Engagements im Bereich Mikrofinanz oder Windenergie. Aber auch Investitionen in Banken und weitere Unternehmen mit einem ausschliesslich sozial und ökologisch orientierten Geschäftsmodell können attraktiv sein. Fazit: Die Zeiten waren noch nie so gut, um verantwortungsbewusst zu investieren."

 

Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz UBS:
"Was macht einen Anleger erfolgreich? Das Wichtigste ist ein systematisches Vorgehen. Am Anfang wird immer die Fähigkeit des Anlegers, Wertschwankungen zu tragen, definiert. Dann wird ein passendes, breit diversifiziertes Portfolio aufgebaut, mit Fokus auf Aktien, Unternehmensanleihen und auch alternativen Anlagen wie Hedge Fonds. Staatsanleihen sollten je nach Risikoprofil nur in geringem Ausmass beigemischt werden, denn bei steigenden Zinsen werden diese leiden. Von Rohstoffanlagen wie Gold oder Öl raten wir seit zwei Jahren ab; Immobilienfonds weisen zwar attraktive Ausschüttungsrenditen aus, sind aber derzeit recht teuer. Wir empfehlen keine zu hohe Bargeldquote. Die einmal definierte Anlageverteilung muss konsequent durchgezogen und die strategische Ausrichtung alle ein bis zwei Jahre überprüft und wenn nötig angepasst werden."

 

Thomas Steinemann, Anlagechef Bank Bellerive:
"Seit der globalen Rezession 2009/2010 hat sich die Weltkonjunktur nicht zuletzt wegen beherzter geld- und fiskalpolitischer Massnahmen erholt. Die USA sind einmal mehr die Wachstumslokomotive und werden daher als Erste eine geldpolitische Normalität herstellen und vermutlich noch 2015 die Leitzinsen anheben. Das ist ein gutes Zeichen! Bis Europa, Japan, China und die Schweiz folgen, wird es noch einiges länger dauern - früher oder später wird es aber auch da passieren. Obligationen-Renditen werden zwangsläufig steigen. Dies bedeutet langfristig Verluste bei Obligationen, und wir empfehlen daher, keine zu halten. Für einen Zeitrahmen bis zu zehn Jahren sollte der grösste Teil des Depots mit Aktien bestückt sein. Wir empfehlen Blue Chips 40 Prozent Schweiz, 30 Prozent Europa, 20 Prozent USA und 10 Prozent Schwellenländer, wobei die Fremdwährungen weitestgehend abgesichert sein sollten."
 

Dieser Beitrag ist Teil des am 8. September 2015 publizierten cash-Anlegermagazins «VALUE». Dort erfahren Sie unter anderem, wie Sie an der Börse richtig investieren, was eine Analystin den lieben langen Tag macht oder was Sie über die Vorsorge unbedingt wissen sollten.

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