Börse - Was Anleger zum «Angst-Thema» Stagflation wissen müssen – und wie man sich dagegen schützt

Die Stagflations-Angst geht um. Wie realistisch eine steigende Inflation bei gleichzeitigem Konjunkturabschwung ist – und wie sich Anleger positionieren sollten.
18.10.2021 06:00
Von Henning Hölder
Eine Händlerin an der New York Stock Exchange (NYSE).
Eine Händlerin an der New York Stock Exchange (NYSE).
Bild: Bloomberg Finance LP

Seit einigen Wochen geistert das Wort in Analystenkommentaren und in den Wirtschafts- und Finanzmedien herum. Stagflation: ein Begriff, der sowohl Politiker und Notenbankerinnen als auch Börsianer zusammenzucken lässt, wenn er aufs Tapet gebracht wird. Er beschreibt das unheilvolle Zusammentreffen einer hohen Inflation und einer anhaltenden Stagnation der wirtschaftlichen Aktivität. Populär wurde der Begriff Anfang der 1970er-Jahre nach dem ersten Ölpreisschock von 1973. 

Damals erreichte die Inflation ihren Höhepunkt bei 12,3 Prozent. Ausgelöst wurde die Teuerung vor allem durch einen negativen Angebotsschock bei Energierohstoffen, insbesondere bei Öl. Gleichzeitig – und das war das Verheerende – geriet damals am Ende des Nachkriegsbooms die Nachfrage in den Industrieländern arg ins Stocken. Doch ist die Situation mit heute überhaupt vergleichbar? Schliesslich sind wir noch weit weg von ähnlich hohen Inflationszahlen. 

Stagflation «eher unwahrscheinlich», aber nicht ausgeschlossen

Tatsächlich scheinen die Überschriften der letzten Wochen einen leicht verzerrten Eindruck der gegenwärtigen Diskussion zu geben. Auch wenn Stagflation laut Vermögensverwaltern derzeit zu den wichtigsten Gesprächsthemen bei den Kunden zählt, halten die meisten Experten solch ein Szenario derzeit noch für eher weniger wahrscheinlich. Grund: Zwar hält sich die Inflation tatsächlich länger und stärker als von vielen Experten vorausgesagt, doch das Gros der Ökonomen hält dagegen, dass das wirtschaftliche Wachstum weiter intakt sei. Letzteres spricht gegen eine Stagflation. 

Der Tenor: Anders als in den 1970er-Jahren liege die Unterauslastung vieler Branchen nicht in der mangelnden Nachfrage oder einer fehlenden konjunkturellen Dynamik begründet. Vielmehr führe eine Störung der globalen Lieferketten dazu, dass die Wirtschaft nicht ganz so aus allen Rohren feuere, wie sie eigentlich in der Lage wäre. Ausserdem – und das ist ein Knackpunkt in der Diskussion – gehen noch immer die meisten Ökonomen davon aus, dass die Inflation vorübergehend sei. Dafür spricht, dass im kommenden Jahr einige Effekte wie der "Basiseffekt", ausgelöst durch stark gefallen Energiepreise im vergangenen Jahr, wegfallen. 

Lieferengpässe als springender Punkt

Allerdings: Weit weniger einig ist man sich bei der Frage der Dauer der Lieferengpässe, die ja unmittelbar die Inflation tangiert. Hier scheint die Situation äusserst undurchsichtig; kaum einer kann und noch weniger wollen eine konkrete Prognose dazu abgeben. Doch genau hier liegt der Hund begraben: Sollten die Lieferketten-Probleme noch länger anhalten, als ohnehin schon befürchtet, bekäme die Konjunktur ernsthafte Probleme. Eines davon wäre Inflation, ein anderes eine abgewürgte Wirtschaftsentwicklung: beste Zutaten für eine Stagflation also. 

Vor diesem Hintergrund steht auch immer wieder das Gespenst einer sogenannten Lohn-Preis-Spirale im Raum. Damit ist die unheilvolle Wechselwirkung zwischen Preis- und Lohnanstiegen gemeint. Das Prinzip: Wenn die Preise steigen, gehen die Löhne hoch, was wiederum die Preise weiter hochtreibt usw… Das Tückische: Solch eine Spirale wieder einzufangen, gehört zu den schwierigsten Unterfangen für Regierungen und Notenbanken. 

Defensive Aktien bieten Schutz gegen Inflation und Stagnation

Wir halten fest: Eine Stagflation ist nicht das wahrscheinliche Szenario, dennoch sollte man diese Gefahr im Blick haben – insbesondere als Anleger. Würden sich die Stagflation-Tendenzen verschärfen, hätte das massive Auswirkungen auf sämtliche Anlageklassen. Die schlechteste Wahl wären dann eindeutig Anleihen. Während Inflation die Zinsen steigen lässt und damit die Kurse von Anleihen ohnehin belastet, vermindert sich dadurch auch der reale Rückzahlungswert. 

Immobilien bieten sich als Sachanlage zwar durchaus als Schutz gegen eine Stagflation an. Allerdings sind insbesondere in Top-Lagen die Häuserpreise in der Vergangenheit derart angezogen, dass der Markt einigermassen heiss gelaufen ist. Gold ist seit jeher ein Sicherheitsanker und eignet sich in Stagflationsphasen als gute Absicherung. Während der Teuerungsschübe der 1970er-Jahre erlebte auch das Edelmetall eine Rally. 

Vorsicht bei Zyklikern 

Doch am Ende des Tages gilt mal wieder das Tina-Prinzip (There is no Alternative). Auch bei einer Stagflation gibt keine wirkliche Alternative zu dem Sachwert schlechthin: die Aktie. Allerdings sollten Anlegerinnen darauf achten als Stagflations-Schutz vor allem auf Aktien von Unternehmen zu setzen, die eine starke Preismacht besitzen. Diese können höhere Preise an die Kundschaft weitergeben und sich somit den neuen Gegebenheiten anpassen. Zu nennen wäre hier vor allem global Konsumgüterkonzerne wie Nestlé, Procter & Gamble, Unilever, Johnson & Johnson oder 3M

Vorsicht ist naturgemäss bei zyklischen Aktien geboten. Bei einer Stagflation überlegen sich Konsumenten zweimal, ob sie ein Produkt kaufen sollen, dass nicht zwingend zur Befriedigung der Grundbedürfnisse nötig ist. Am Schluss heisst es mal wieder: Qualität ist alles. 

 
Aktuell+/-%
Gold 1 Uz1'782.85-0.03%
Unilever Rg38.79+0.18%
3M Rg172.59+1.37%
Nestle N118.82+0.87%
Procter&Gamble Rg149.88+1.78%
Johnson&Johnson Rg159.38+1.46%

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