Noch vor einem Jahr bewegte sich der Euro zum Franken in der Spanne zwischen 1,06 bis 1,08. Der Franken war damals gemäss Rhetorik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) "deutlich überbewertet", was vor allem der Schweizer Exportwirtschaft und dem Tourismus stark zusetzte.

Hätte man damals einen beliebigen Tourismusdirektor oder Exporteur eine erwünschte Kursentwicklung des Währungspaares für die folgenden zwölf Monate skizzieren lassen, die Grafik hätte wohl ziemlich genau so ausgesehen:

Kursentwicklung Euro-Franken seit einem Jahr (Quelle: cash.ch)

Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine fiktive Darstellung, sondern um die effektive Kursentwicklung des Euros zum Franken in den letzten zwölf Monaten. Der Franken hat sich in diesem Zeitraum zum Euro um ganze 10 Prozent abgeschwächt. Aktuell notiert der Euro bei knapp 1,18 Franken - nie seit der Mindestkursauflösung Mitte Januar 2015 war der Franken so schwach wie heute.

Als eigentlicher Auslöser für diesen erstaunlichen Lauf des Euro sieht die Commerzbank die Wahl Emmanuel Macrons im Frühling 2017 zum Präsidenten Frankreichs. Dadurch sei ein Zusammenrücken der Euro-Länder wahrscheinlicher geworden, was die systemischen Euro-Risiken verringerte, heisst es in einer aktuellen Studie.

Die Eurozone mit erstaunlichem Schwung

Und weshalb der Franken zum Euro noch immer schwächer wird, begründet David Marmet, Chefökonom Schweiz der Zürcher Kantonalbank (ZKB), folgendermassen: "Der wichtigste Treiber der gegenwärtigen Euro-Stärke ist die sehr gute Konjunktur innerhalb der Eurozone." Trotz bereits guten Zahlen überrasche das Wachstum weiterhin positiv, was dem Euro helfe.

Die Überlegung dahinter: Durch die starke Konjunktur in der Eurozone - die wirtschaftliche Verfassung ist so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr - werden die Hoffnungen der Marktteilnehmer auf einen baldigen Ausstieg der Europäischen Zentralbank (EZB) aus der ultralockeren Geldpolitik genährt. Gleichzeitig wird dadurch der Franken weniger häufig als sicherer Hafen angesteuert. Beides stärkt den Euro - und schwächt den Franken.

Die EZB hat in diesem Jahr ihr Anleihenkaufprogramm von bisher 60 auf neu 30 Milliarden Euro pro Monat zurückgefahren. Das Programm läuft frühestens Ende September ganz aus, kann jedoch von EZB-Präsident Mario Draghi nach Bedarf – also wenn die Wirtschaft noch nicht robust genug ist – weiter verlängert werden. Eine allfällige Verlängerung des Programms dürfte auf den Euro drücken.

Euro: hoch oder runter?

Grosse Uneinigkeit herrscht bei den Devisenexperten nun aber bei der Frage, wie die Währungsentwicklung in diesem Jahr weitergehen wird. So sieht etwa die Commerzbank den Euro Ende 2018 bei 1,14 Franken. Das andere Extrem stellt Morgan Stanley dar, die bis Jahresmitte einen Kurs von 1,28 erwartet.

Die Commerzbank rechnet damit, dass die EZB ihr Anleihenkaufprogramm noch einmal verlängern muss und sich eine erste Zinserhöhung weiter in die Zukunft verschiebt. Entsprechend bestehe die Gefahr, dass der Kurs zwischenzeitlich noch einmal nach unten tendiere. Erst wenn sich eine Zinswende der EZB im Jahr 2019 abzeichne, sollte der Kurs wieder deutlich an Boden gewinnen.

Komplett anders die Einschätzung der Währungsstrategen von Morgan Stanley: Bis Mitte 2018 könne der Euro auf 1,28 Franken klettern, da die Bedeutung des Schweizer Frankens als sicherer Hafen weiter nachliesse und Anleger vermehrt in Euro-Anlagen investierten. Dieses Szenario bedingt eine Fortsetzung der positiven Wachstumsentwicklung in der Eurozone.

Die restlichen Devisenexperten rechnen mit einem Wechselkurs bis Ende Jahr irgendwo zwischen den beiden Extremen. Die ZKB sieht das Währungspaar bei 1,16, Raiffeisen bei 1,20 und die UBS bei 1,22. Welche dieser (teils sehr) unterschiedlichen Prognosen eintreffen wird, hängt schlussendlich stark mit der folgenden Frage zusammen: Hält die überraschend positive Konjunktur in der Eurozone 2018 an? Tut sie das nicht, wird es zu einer Euro-Abschwächung kommen.