Die hohen Energiepreise lassen die Teuerung hochgehen. Immer mehr Notenbanken schrauben im Kampf gegen die Inflation die Zinsen hoch. Eigentlich sind das Gründe, die für sinkende Aktienkurse sprechen. Doch die Schweizer Börse legt in dieser Woche ein kleines Kursfeuerwerk hin.
Mit dem Swiss Market Index (SMI) legte der bedeutendste Schweizer Aktienindex seit Montag um fast 4,4 Prozent zu. Damit entfällt die Hälfte des Jahresplus auf eine einzige Woche. Was auffällt: Der Anstieg ist nicht etwa auf den Höhenflug einzelner Firmen zurückzuführen, sondern breit abgestützt. So notiert auch der SPI, der neben den Grosskonzernen viele kleine und mittelgrosse Firmen abbildet, in dieser Woche mit 3,2 Prozent im Plus. Was steckt hinter diesem Höhenflug?
«Der Haupttreiber war eine ausgeprägte Sektorrotation», sagt Raiffeisen-Anlagechef Matthias Geissbühler (51). Sprich: Anleger ziehen ihr Geld von Tech- und KI-nahen Aktien ab – und investieren in andere Titel. So büsste der US-Halbleiterindex SOX zeitweise mehr als 6 Prozent ein, während der technologielastige südkoreanische KOSPI um über 12 Prozent nachgab. «In diesem Umfeld suchten Anleger verstärkt Zuflucht in defensiven Branchen wie Gesundheit und Basiskonsumgütern. Davon profitierte der defensiv ausgerichtete Schweizer Aktienmarkt besonders», so Geissbühler.
Ein weiterer Kurstreiber sind die starken Unternehmenszahlen, die dem Schweizer Aktienmarkt zusätzlichen Rückenwind verliehen haben. Ein Beispiel ist Givaudan: Der weltweit grösste Hersteller von Aromen und Duftstoffen mit Sitz in Vernier GE übertraf die Erwartungen der Analysten mit erfreulichen Umsatzzahlen. Der Aktienkurs kletterte seit Montag um 14 Prozent in die Höhe.
Geholfen hat auch die positive Entwicklung einiger Börsenschwergewichte: «Die Aktien der Sektoren Gesundheit und nicht-zyklischer Konsum haben aufgrund ihrer starken Kurszuwächse und ihres Indexgewichts den Gesamtmarkt kräftig nach oben gezogen», sagt Jörn Spillmann (56), Aktienstratege bei der Zürcher Kantonalbank. So haben etwa Sandoz, Lonza, Roche und Nestlé zugelegt. Medikamente und Lebensmittel sind auch in etwas turbulenteren Zeiten gefragt.
Weiterhin positive Vorzeichen für den Schweizer Aktienmarkt
Anders sieht das Bild in den USA aus: Dort schwächelt der technologielastige Nasdaq-100-Index spürbar. Die hohen Energiepreise heizen die globale Teuerung an. In den USA stieg die Inflationsrate im September auf 3,7, in der EU auf 3,8 Prozent. Die Notenbanken haben zuletzt mit Zinserhöhungen reagiert und dürften bald weiter an der Zinsschraube drehen. Die höhere Inflation drückt bei den Haushalten aufs Portemonnaie und trifft vor allem zyklische Konsumgüter, deren Kauf man aufschieben kann – als solche gelten Kleider, Elektronik oder Autos.
Die steigenden Zinsen treffen wiederum Wachstumstitel aus dem Tech-Sektor. Denn die hohen Gewinnerwartungen in der Zukunft verlieren bei hohen Zinsen an Wert. Zudem verteuert sich das kreditfinanzierte Wachstum.
Auch die künstliche Intelligenz ist diese Woche in den Fokus geraten. «Das hat vor allem Unternehmen dieses Bereichs gebeutelt», so Spillmann. Dabei schwingt die Sorge mit, ob die Unternehmen ihre gigantischen Investitionen in KI-Infrastruktur jemals in entsprechende hohe Gewinne ummünzen können.
«Der Schweizer Markt beinhaltet zwar IT-Unternehmen, diese spielen allerdings bei KI eine untergeordnete Rolle. Sie blieben deshalb von der Korrektur verschont, beziehungsweise der Sektor beendete die Woche gegen den globalen Trend sogar deutlich im Plus», so Spillmann.
Die beiden Experten sehen für den Schweizer Aktienmarkt auch weiterhin positive Vorzeichen, auch wenn zwischenzeitliche Kurskorrekturen möglich sind. «So belasten ein steigender Ölpreis, eine steigende Inflation und der gegenwärtige Zinstrend den Schweizer Aktienmarkt deutlich weniger als etwa die Eurozone», sagt Spillmann. Die Schweizer Wirtschaft trotzt dem turbulenteren Umfeld bisher erfolgreich und entwickelt sich positiv. Spillmann: «Der wichtigste Treiber für die Aktienmärkte ist die Gewinnentwicklung.»
Geissbühler geht davon aus, dass die Sektorrotation global anhält und «der Schweizer Aktienmarkt aufgrund seines hohen Anteils an defensiven Qualitätsunternehmen davon grundsätzlich profitieren kann».
Dieser Artikel erschien zuerst bei blick.ch
