Autor: Dr. Daniel Zimmerer, Lead-Portfoliomanager für Themeninvestments bei der Zürcher Kantonalban
Selbst wenn die Strasse von Hormus noch dieser Tage wieder für den Schiffsverkehr geöffnet würde – der Schaden ist angerichtet. So hat die Blockade der Meeresstrasse bei den Produzenten in Nahost zu einem Rückstau von mehr als 1 Mrd. Fass Erdöl geführt, wie die Internationale Energieagentur IEA unlängst warnte. Beobachter wie Ember sprechen bereits vom grössten Öl-Versorgungsschock aller Zeiten.
Mehr noch: laut dem in der Energieszene viel beachteten Thinktank erleben wir bereits das Zweite solche Grossereignis innert vier Jahren. 2022 überfiel Russland, der grösste Exporteur von fossiler Energie, die Ukraine. Der Angriffskrieg führte dazu, dass Europa sich von seinem bislang wichtigsten Energie-Lieferanten abnabeln musste. Mit dem Iran-Konflikt sieht sich der Alte Kontinent nun auch von dem als Ersatz aus Nahost importierten Flüssiggas abgeschnitten.
Die Ember-Analysten sprechen daher von einem «Twin Shock», einem Doppelschock also. Der Handel mit Öl und Gas, folgern sie, sei so riskant wie nie zuvor.
Investitionen verlagern sich mit hohem Tempo hin zu erneuerbaren Energien und Elektrifizierung
Die aktuellen Entwicklungen unterstreichen aus unserer Sicht die Relevanz des Investment-Themas Energiewende. Und der Schluss liegt nahe: Wo die Versorgung mit fossilen Brennstoffen angesichts einer instabilen Weltlage immer unsicherer zu werden droht, ist die Suche nach Alternativen umso dringender. Eine dieser Alternativen bietet unserer Meinung nach bemerkenswertes Potenzial, sowohl für die Versorgungssicherheit wie auch als nachhaltiges Investmentthema: die Umstellung von Systemen und Prozessen auf die Nutzung elektrischer anstelle von fossiler Energie (die Elektrifizierung), sowie der damit einhergehende Ausbau der Stromnetze und der erneuerbaren Stromerzeugungs-Kapazitäten.
Wie wir bereits analysierten, bedingen sich Energiewende und Elektrifizierung gegenseitig. Die Investitionen verlagern sich seit Jahren in hohem Tempo weg von fossilen und hin zu erneuerbaren Energiequellen. Gleichzeitig dürfte gerade wegen der Elektrifizierung die Stromnachfrage rasant wachsen; laut Schätzungen der IEA könnte sie sich bis 2050 verdoppeln oder verdreifachen. Und je mehr die Elektrifizierung an Boden gewinnt, umso schneller wird sich die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringern.
Stromkonsum wächst mit der Elektrifizierung dreimal schneller als Verbrauch fossiler Brennstoffe
Interessanterweise ist diese Ablösung schon seit der letzten grossen Ölkrise, jener der 1970er-Jahre, in Gange. Zu jener Zeiterwies sich die effizientere Nutzung von Energie als wirksamstes Instrument, um höhere Ölpreise abzufedern. Zwischen 1960 und 1985 verdreifachte sich die Energieproduktivität weltweit und verzehnfachte sich in Industrieländern. Interessanterweise ging dieser Produktivitätsgewinn seither vorab zulasten von Öl und Gas. Der Konsum von Strom hingegen hat seit den 1970er-Jahren mit dem globalen BIP-Wachstum Schritt gehalten und entwickelte sich dreimal schneller als der Verbrauch fossiler Brennstoffe.
Das rasante Wachstum des Stromkonsums und der Elektrifizierung ging dabei Hand in Hand mit Fortschritten in der Elektrotechnik. Sinnigerweise zeichnet sich in diesem Bereich nun ebenfalls ein Wendepunkt ab, folgt man Marktbeobachtern: Die Elektrotechnik stehe heute bereit, um den weltweiten Umgang mit Energie zu revolutionieren, prognostizierte abermals Ember in einer Studie vom September 2025.
Seit den 1970er-Jahren bewegt sich die Elektrifizierung im Gleichschritt mit dem BIP (Nachfragewachstum nach Energie und BIP, indexiert, Index = 1973)

Quelle: Ember, The Twin Fossil Shock, April 2026
Mit welchen Vorteilen Elektrotechnik als Instrument der Elektrifizierung auftrumpfen kann
Und dies über das gesamte Spektrum der Anwendungen hinweg, angefangen bei der Energiegewinnung, wo erneuerbare Energien bereits das gesamte Nachfragewachstum beim Strom abfedern können. Weiter bei Transport und Speicherung von Energie auf Basis von neuen Netzwerk- und Batterie-Technologien. Und schliesslich beim Energieverbrauch, wo Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen einen rasanten Aufschwung erleben.
In all diesen Bereichen könnte Elektrotechnik dank folgenden Vorteilen überzeugen:
- Physikalische Vorteile: Bei Systemen, die auf Basis von fossilen Brennstoffen funktionieren, gehen im Schnitt etwa zwei Drittel der Primärenergie als Wärme verloren. Dies ist mit ein Grund, warum sich Elektrotechnik als etwa dreimal so effizient in der Energienutzung erweist.
- Wirtschaftliche Vorteile: Elektrotechnik ist zumeist modular aufgebaut. Das unterstützt technologische Lernkurven, wobei die Kosten bei jeder Verdopplung des Einsatzumfangs um etwa 20% sinken können, rechnet die Ember-Studie vor. So wird darauf verwiesen, dass sich die Preise für Solarmodule seit 2022 halbiert haben, während die Zahl der jährlich neu installierten Panels fast verdreifachte. Das Argument der besseren Wirtschaftlichkeit von erneuerbaren Energien und Elektrotechnik wäre noch schlagender, würde sich künftig die staatliche Förderung vermindern, die fossile Energien in vielen Teilen der Welt geniessen: Laut Erhebungen der OECD leisteten Regierungen im Jahr 2024 mehr als USD 900 Mrd. an Direkt-Subventionen für fossile Brennstoffe.
- Resilienz gegenüber der Geopolitik: Laut Berechnungen von Ember leben heute 80% der Weltbevölkerung in Staaten, die fossile Brennstoffe importieren müssen. Das führt zu Abhängigkeiten, die sich in Krisenzeiten schmerzlich bemerkbar machen und besonders ärmere Länder treffen. Diese Nationen können bei einem rasanten Anstieg der Energiepreise nicht mithalten und fallen im globalen Versorgungswettlauf aus dem Rennen. Die Folgen dieser Verdrängung sind beispielsweise Versorgungsengpässe oder Black-outs im Stromnetz.
Genau deswegen erwarten Beobachter, dass asiatische Schwellenländer wegen des Iran-Krise aktuell ihren eigenen «Ukraine-Moment» erleben: Angesichts der hohen Öl- und Gaspreise dürften sie versucht sein, im grossen Stil auf Elektrotechnik und erneuerbare Energien umzusteigen. Laut Ember ist eine solche Verlagerung nur folgerichtig. Weltweit würden mehr als 90% der Länder über ein Potenzial an erneuerbaren Energien verfügen, das mehr als das Zehnfache ihres derzeitigen Bedarfs beträgt, so der Thinktank.
Elektrifizierung und Elektrotechnik: Wo sich qualitatives Wachstum bietet
Die oben genannten Vorteile sprechen unserer Meinung nach auch dafür, dass der zunehmende Einsatz von Elektrotechnik die Energie-Versorgungssicherheit massgeblich verbessern könnte. Das deutet auf ein Milliardenpotenzial hin, das auch für Anlegerinnen und Anleger von Interesse sein kann. Aus einer Anlageperspektive, die neben nachhaltigem Wachstum auch auf Qualität und insbesondere solide Kapitalrenditen abzielt, beschränken wir uns jedoch auf einzelne Segmente der Elektrotechnik sowie der erneuerbaren Energien.
Zum Beispiel fokussieren wir uns auf die Ausrüster von Netzwerken zur Stromübertragung, die unter anderem aufgrund der grossen Nachfrage über hohe Preissetzungs-Macht verfügen. Auch spezialisierte Bau- und Planungsunternehmen für Strominfrastruktur erfahren derzeit eine hohe Nachfrage nach ihren Dienstleistungen. Ebenfalls interessieren uns Anwendungen im Energieverbrauch: Zu denken ist hier etwa an Unternehmen in den Bereichen Elektrofahrzeuge, stationäre Energiespeicher oder Wärmepumpen sowie von Lösungen, die den Stromverbrauch solcher Anwendungen intelligent regeln können.
Einmal etabliert, dürfte sich die Elektrifizierung und die dazugehörige Elektrotechnik als im besten Sinne des Wortes nachhaltig für die Versorgungssicherheit erweisen.
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