Chinesische Technologiewerte - Outsiders hoch im Kurs

Hoch bewertete Technologiewerte dominieren laut Vera German von Schroders die Schwellenländer, aber der jüngste politische Druck könnte dazu führen, dass Anleger ungeliebte Teile des Marktes wieder entdecken.
15.04.2021 22:33

China strebt die Führungsrolle in der digitalen Welt an. (Bild: Shutterstock.com/Romsvetnik)

China strebt die Führungsrolle in der digitalen Welt an. (Bild: Shutterstock.com/Romsvetnik)

Der Börsengang der Ant Group hätte im Dezember letzten Jahres gemäss Vera German, Fund Manager Equity Value von Schroders, ein Meilenstein werden sollen. "Er hätte wohl 37 Mrd USD eingebracht, womit die Ant Group mit über 313 Mrd. USD bewertet worden wäre. Es wäre der grösste Börsengang aller Zeiten gewesen", sagt sie.

Die Ant Group sollte in Hongkong und Shanghai gelistet werden und nicht in den USA in Form eines American Depositary Receipt (ADR), wie dies normalerweise bei anderen chinesischen Unternehmen der Fall war. ADRs ermöglichen den Handel mit Aktien eines ausländischen Unternehmens auf den US-Märkten.

Börsengang wäre ein starkes Statement geworden

"Der Börsengang wäre ein starkes Statement über Chinas Führungsrolle in der digitalen Welt und seine Fähigkeit gewesen, grosse Technologieunternehmen aufzubauen und zu finanzieren. Dies ist jedoch nicht geschehen, da der Börsengang nur vier Tage vor dem geplanten Termin abgesagt wurde. "Wir werden möglicherweise nie genau wissen, warum der Börsengang nicht erlaubt wurde. Es gibt jedoch einige Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen können, was dies für Anleger in China und anderen Schwellenländern bedeuten könnte", sagt German.

Die Ant Group ist das Finanz- und Zahlungsunternehmen des Börsengiganten Alibaba, ein E-Commerce-Konzern, der für China das ist, was Amazon für die Industrieländer ist. Solche Aktien haben sich in den letzten Jahren neben anderen chinesischen Marktführern der digitalen Wirtschaft wie dem Technologiekonzern Tencent und der Einkaufsplattform Meituan sehr stark entwickelt. Der Anstieg dieser Papiere schien nach der Einschätzung der Fondsmanagerin unaufhaltsam. Der Ausbruch des Coronavirus habe die Nachfrage nach ihren Produkten und Dienstleistungen nur verstärkt. Dadurch seien ihre Bewertungen auf ein extrem hohes Niveau geklettert.

Alibaba- und Tencent-Bewertungen

Substanzanleger suchen nach Aktien, die mit einem erheblichen Abschlag zu ihrem inneren Wert gehandelt werden. Damit seien insbesondere Unternehmen attraktiv, die günstig bewertet sind, langfristig gesehen jedoch gute Zahlen aufweisen. Deshalb sei bei Bewertungen auf so hohem Niveau Vorsicht geboten. "Es ist richtig, dass hoch bewertete Aktien lange in diesen Sphären bleiben können. Aber wenn in eine Aktie bereits hohe Erwartungen eingepreist sind, dann braucht es nicht viel, um den Kurs zum Rutschen zu bringen", so die Fondsmanagerin.

Chinas E-Commerce- und andere Technologieunternehmen seien sehr schnell sehr gross geworden. Bisher gebe es wenig behördliche Kontrolle, die sie zurückhielten. Im Jahr 2015 leiteten die chinesischen Behörden eine Untersuchung der Beziehung von Alibaba zu Drittanbietern ein, die teilweise mit dem Verkauf gefälschter Markenwaren zusammenhing. Die aktuelle Untersuchung und der kurzfristige Stopp des Börsengangs der Ant Group deuten jedoch möglicherweise auf ein höheres Mass an Kontrolle in der Zukunft hin.

Was bedeutet das für Substanzanleger? "Nun, es gibt keine Gewissheiten bei Aktieninvestitionen, aber es könnte bedeuten, dass niedrig bewertete Teile der chinesischen Aktienmärkte, die im Schatten der Technologiegiganten standen, jetzt ein grösseres Interesse bei den Anlegern wecken könnten. Wir denken, dass Einkaufszentren und Banken zwei solcher Bereiche sein können", sagt die Schroders-Expertin.

Grosses Potential für den Immobilien- und Banksektor

Der Aufstieg Chinas als Konsumgesellschaft ging laut German Hand in Hand mit dem Aufstieg des Internets. Infolgedessen sei die verfügbare Einzelhandelsfläche in China weitaus geringer als in einigen anderen Regionen. Eine Analyse aus dem Jahr 2019 ergab, dass in den USA ca. zwei Quadratmeter Einzelhandelsfläche pro Person zur Verfügung stünde, während es in China nur ca. 0,2 Quadratmeter seien.

Die Beliebtheit des Online-Shoppings werde in absehbarer Zeit nicht nachlassen. Immobilienfirmen in China haben nach Aussage der Expertin jedoch die Möglichkeit, moderne Einkaufszentren zu entwickeln, die nicht nur als Einzelhandelsflächen, sondern auch als Unterhaltungsstätten mit Restaurants, Kinos und anderen Freizeitmöglichkeiten dienen. Wie in anderen Regionen auch, fordern chinesische Verbraucher zunehmend Erlebnisse, nicht nur Waren.

Der Bankensektor ist ihrer Einschätzung nach ein weiterer Bereich, dass Anleger – bedingt durch die behördliche Kontrolle der Ant Group – die Vorzüge von niedriger bewerteten Unternehmen überdenken könnten. Die Ant Group verfügt über zwei grosse Segmente: den Zahlungsservice Alipay und ein Konsumfinanzierungsgeschäft. Letzteres sei als eine Art "Schattenbank” erheblich gewachsen und profitiere von einer geringeren Regulierung im Vergleich zu normalen Banken, von denen viele zu Teilen in Staatsbesitz sind. "Die Ant Group versteht sich als Plattform, die Kreditgeber mit Kreditnehmern verbindet, und musste daher nicht wie gewöhnliche Banken Kapital gegen Vermögenswerte halten, was die Banken dazu veranlasste, sich über unlauteren Wettbewerb zu beschweren", so die Schroders-Expertin.

Jüngste Presseberichte deuten darauf hin, dass das Finanzgeschäft wahrscheinlich einer stärkeren Regulierung ausgesetzt sein wird, was möglicherweise zu einer verringerten Rentabilität und geringeren Kredithöhen führen werde. Staatliche Banken können dann gemäss German aufgefordert werden, die Kreditlücke zu schliessen.

Bewertungen sind in Schwellenländern ausschlaggebend

In Schwellenländern stehe häufig ein hohes Wachstum im Mittelpunkt, aber Daten deuteten darauf hin, dass der wertorientierte Stil in der Region immer noch gut abschneide. Die folgende Grafik zeigt die zehnjährige Jahresanlagerendite für verschiedene Anfangsbewertungen.

"Wir können sehen, dass die kostengünstigsten Aktien – diejenigen mit einem anfänglichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 0 bis 10 – in den folgenden zehn Jahren in der Regel die besten Renditen erzielten. Die teuersten – diejenigen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 50 – haben am schlechtesten abgeschnitten", erklärt die Fondsmanagerin.

Natürlich sei die Wertentwicklung in der Vergangenheit keine Garantie für zukünftige Renditen. Aufgrund der jüngsten Schwierigkeiten eines der bekanntesten Wachstumswerte Chinas könnten Anleger jedoch ihrer Meinung nach die Vorzüge einiger dieser kostengünstigeren Aktien neu bewerten.

Dieser Artikel wurde cash von Investrends.ch zur Verfügung gestellt.
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