Wenn die Chips knapp werden

Die globale Halbleiter-Knappheit ist in den Augen vieler Beobachter temporär. Weltweit sind Investitionen in Milliardenhöhe geplant. Yan Taw Boon, Chefanalyst Asien von Neuberger Berman, sieht jedoch im Mangel an Chips ein Indiz für eine generelle Neuausrichtung der Halbleiter-Industrie. Chip-Aktien bekämen ein defensives Gesicht, meint er.
18.06.2021 23:33

Weil sich die Chipnachfrage nicht mehr nur auf Computer und Autos beschränkt, nimmt die Konjunktursensitivität ab. (Bild: Shutterstock.com/Macro Photo)

Weil sich die Chipnachfrage nicht mehr nur auf Computer und Autos beschränkt, nimmt die Konjunktursensitivität ab. (Bild: Shutterstock.com/Macro Photo)

Für viele ist die Halbleiter-Knappheit eine vorübergehende Phase. Es bestehe eine hohe Nachfrage nach Computern durch die zahlreichen Mitarbeiter im Home-Office, und die Automobilindustrie bereite sich auf den Neustart der Wirtschaft vor. Gleichzeitig sei das Angebot knapp, weil die Branche noch immer unter Pandemiebedingungen arbeitete, oder – etwa in Asien – neue Einschränkungen greifen würden.

All das ist nicht falsch, aber vermutlich nur die halbe Wahrheit. Tatsache ist nämlich auch, dass sich die Branche grundlegend ändert. Nicht mehr nur ausgewählte Sektoren brauchen Halbleiter, sondern fast alle Branchen. Und statt der Konjunktur treiben zunehmend strukturelle Veränderungen die Nachfrage. Die Preismacht der Anbieter ist grösser denn je, und entlang der gesamten Wertschöpfungskette für Chips ist der Kapitalbedarf enorm, betont Yan Taw, Director Research Asia des US-Asset Managers Neuberger Berman.

Ein Problem der Vernetzung

Am lautesten klagte die Automobilindustrie, da die Halbleiterknappheit für Produktionsstopps sorgt. So brauchen Autohersteller eher klassische Chips statt der Hochleistungshalbleiter, die in Mobiltelefonen und Smart Devices verbaut werden. Jedoch haben sich Entwicklung und Investitionen in den letzten Jahren auf Hochleistungschips konzentriert, sodass die Produktionskapazitäten für Automobil-Chips weitestgehend veralten und abnehmen.

Mit anderen Worten: Das eigentliche Problem ist nicht, dass Automobilhersteller keine Chips bekommen. Weitaus schwerwiegender ist, dass die Chiphersteller den Bedarf an Hochleistungstechnologie nicht decken können, obwohl sie auf diesen Bereich einen klaren finanziellen und strategischen Schwerpunkt setzen, meint Yan Taw Boon. So werde deutlich, wie schnell der Bedarf an Halbleitern in unseren Geräten wächst. Smart Devices werden noch smarter – und selbst Geräte wie der Fernseher oder der Kühlschrank gehört immer öfter zu dieser Kategorie.

Mit jeder neuen Generation oder jedem neuen technologischen Meilenstein wächst die Zahl der Transistoren pro Gerät und damit die Rechenkraft der Chips. Jeder Fortschritt erfordert mehr Forschung und Entwicklung, Kapital, Rohstoffe, Ingenieurskunst und letztlich Zeit – im Schnitt zwischen zwölf und 18 Monate. "Deshalb können Halbleiterhersteller nicht einfach einen Hebel umlegen, um die Nachfrage der Hersteller nach modernster Technologie zu befriedigen", gibt der Experte von Neuberger Berman zu bedenken.

In einer zunehmend digitalen und vernetzten Welt führt dies zu sich gegenseitig verstärkenden Rückkopplungen: Jede neue Technologie ermöglicht Innovationen und neue Anwendungen. Das lässt wiederum die Nachfrage nach Chips steigen und bringt die Entwicklung neuer Technologien weiter voran.

"Da überrascht es nicht, dass die Kapitalaufwendungen des weltgrössten Chipherstellers TSMC aus Taiwan dieses Jahr wohl um über 50% steigen werden. Über den Verlauf der kommenden drei Jahre kann mit Investitionen von rund 100 Mrd. US-Dollar gerechnet werden", fügt er an.

Aspekt der nationalen Sicherheit

Während in immer mehr Geräten immer höher entwickelte Halbleiter verbaut werden, machen sich viele Regierungen mehr und mehr Sorgen um ihre Halbleiter-Lieferketten. Wenn die Produktivität der Industrie nur mit der neuesten Technik in Büros, Fabriken und Lagern gesteigert werden kann, ist ein ausreichender Zugang zu Halbleitern für die wirtschaftliche Sicherheit eines Landes wichtig. Wenn dann noch fast jedes Gerät zu einem Kommunikationsinstrument wird, handelt es sich potenziell um ein Thema nationaler Sicherheit.

Das Ergebnis sind Verbote des Handels mit Chips zwischen einigen Ländern und Unternehmen. Andere Länder wiederum investieren gezielt in inländische Produktion, die mit den führenden asiatischen Produktionsländern – vor allem Taiwan – mithalten soll.

So will US-Präsident Joe Biden im Rahmen seines Infrastrukturprogramms 50 Mrd. US-Dollar dafür bereitstellen. Der Halbleiterhersteller Intel will 20 Mrd. US-Dollar in neue Fabriken in Arizona investieren. TSMC und Samsung planen, für mehrere Milliarden US-Dollar ihre Produktionskapazitäten in Arizona und Texas auszubauen.

Auch die EU will mit ihren Pandemiehilfen eine Verdopplung der Halbleiterherstellung bis zum Jahr 2030 erreichen. Südkorea hat gerade 450 Mrd. US-Dollar für die Herstellung modernster Chips eingeplant, und Indien bietet Unternehmen mehr als 1 Mrd. US-Dollar, wenn sie vor Ort Halbleiterfabriken bauen. Auch in China ist die Halbleiterherstellung ein wichtiger Teil des neuen Fünfjahresplans.

Halbleiteraktien verändern ihre Eigenschaft

All das verändert die Halbleiterbranche massiv. Erstmals seit vielen Jahren haben die Hersteller echte Preismacht. "Die wichtigste Veränderung ist aber, dass der Markt immer unabhängiger von der Konjunktur wird. Strukturelle Entwicklungen werden immer wichtiger. Halbleiteraktien werden defensiv", sagt Boon.

Weil sich die Chipnachfrage nicht mehr nur auf Computer und Autos beschränkt, nimmt die Konjunktursensitivität ab. Hinzu kommt das veränderte Verbraucherverhalten: Früher war Apple das einzige Unternehmen, das mehrjährige Lieferverträge für Chips abschloss. Heute wird dies angesichts der höheren Nachfrage zur Regel.

Man sollte sich vor Augen halten, dass diese Veränderungen nicht nur die Halbleiterbranche und ihre Kunden betreffen. Sie werden Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette für die Chips haben.

Gesamte Wertschöpfungskette braucht viel Kapital

Um Halbleiter herzustellen, werden Spezialgeräte benötigt, wie etwa die Lithografie-Technik von ASML und die Technologie von Lam Research für das Ätzen, Abscheiden und Reinigen von Halbleiter-Wafern. Für die Chip-Produktion ist ausserdem spezielle Software nötig. Softwarehäuser wie Cadence Design Systems, Synopsys und Siemens Mentor Graphics konzentrieren sich daher auf die Electronic Design Automation (EDA) für diese immer komplexer werdende Arbeit mit den Halbleitern. Boon geht davon aus, dass ein Grossteil der erwähnten Investitionen solchen Firmen zugutekommt.

Weil nichts auf ewig die Schlagzeilen beherrscht, wird auch die Halbleiter-Knappheit irgendwann in den Hintergrund rücken. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass es sich bei diesem Thema um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Die Halbleiter-Knappheit resultiert nicht aus einer kurzfristigen Angebotsknappheit, sondern ist die Folge einer schnellen Digitalisierung und der Weltpolitik. Der wachsende Kapitalbedarf entlang der gesamten Wertschöpfungskette darf als eines der interessantesten Investmentthemen von heute gesehen werden.

Dieser Artikel wurde cash von Investrends.ch zur Verfügung gestellt.
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