Die weitreichenden Folgen der industriellen Revolution 4.0

Die „vierte industrielle Revolution“ könnte ähnlich weitreichende makroökonomische, geopolitische und politische Konsequenzen haben wie die vorangehenden industriellen Revolutionen, wie eine Invesco-Studie aufzeigt.
13.11.2018 22:34

Die "vierte industrielle Revolution“ – kurz "IR 4.0“ – ist bereits voll im Gange. Die stärkere Nutzung von Kapital anstelle von Arbeitskraft im Zuge der Digitalisierung, Automatisierung und künstlichen Intelligenz stellt die Volkswirtschaften vor ganz neue Herausforderungen. Die Studie von Invesco mit dem Titel "Industrial revolution 4.0: ghosts of disruption past, present and future" untersucht die Makro- und Mikro-Auswirkungen dieses Transformationsprozesses, identifiziert die wahrscheinlichen Gewinner und Verlierer und skizziert allgemeine Auswirkungen für Anleger.

Wie Arnab Das, Global Market Strategist und Mitglied des Global Investors’ Forum sowie des Global Thought Leadership Teams von Invesco, in einem neuen Invesco-Whitepaper schreibt, gehört zu den von Invesco identifizierten Auswirkungen der IR 4.0 ein anhaltend geringer oder moderater Inflationsdruck. Dadurch dürften laut Das die nominalen Anleiherenditen bei zyklischen Verschiebungen von Höhe und Struktur der Zinskurven in den wichtigsten Staatsanleihe-Märkten niedrig bleiben. "Aus der Top-down-Perspektive betrachtet sollten die Verwerfungen in anderen Segmenten der Zinsmärkte wie kreditbezogenen Schuldtiteln dank der im historischen Vergleich niedrigen nominalen Anleiherenditen begrenzt bleiben", nimmt der Marktstratege an. Durch disruptive Entwicklungen auf Ebene ganzer Branchen oder einzelner Unternehmen sei aber mit teilweise erheblichen Veränderungen auf Einzeltitelebene zu rechnen.

Unterschiede zwischen den Ländern werden grösser
Unterdessen könne der Wettbewerbsdruck zwischen Ländern und Unternehmen im Hinblick auf einen anhaltenden oder sogar beschleunigten technologischen Fortschritt die Kapitalrenditen stärken und das Potenzial für eine nachhaltige, bedeutende und rasche Steigerung der Arbeitsproduktivität hemmen. Arnab Das und sein Team rechnen mit bedeutend grösseren Unterschieden zwischen den Ländern, die sich in den Anteilen an der Wirtschaftsleistung, der Aktienmarktkapitalisierung und den Ertragsströmen widerspiegeln werden. "Diese Effekte sind bereits voll im Gange und dürften künftig noch deutlicher werden, da viele Unternehmen und Länder den Technologiewandel forcieren und sich weiterhin schneller anpassen als andere, die weniger bereit oder fähig sind, die dafür nötige Flexibilität zu zeigen", so der Global Market Strategist von Invesco.

Ersetzung von Arbeitskräften durch Kapital 
Tatsächlich seien die Auswirkungen der vierten industriellen Revolution selbst in dieser frühen Phase bereits deutlich tiefgreifender als allgemein angenommen. Zusammen mit der Globalisierung, der Deregulierung der Arbeitsmärkte, der Migration und der Inflationssteuerung wirke sich die IR 4.0 auf Wachstum und Inflation, Investitionen, Löhne, Produktivität und Beschäftigung aus, wobei die Ersetzung von Arbeitskräften durch Kapital die Politik vor grosse Herausforderungen stelle, reflektiert Das und fährt fort: "Dazu gehören Sorgen über Massenarbeitslosigkeit, eine grössere Einkommensungleichheit und die Bedrohung des historischen Aufholmodells der Schwellenländer – der Entwicklung von landwirtschaftlich basierten zu fertigungsintensiven Volkswirtschaften zur Förderung der Produktivität und der realen Einkommen.

Wie aber sind diese Herausforderungen zu bewältigen? Wiegen die positiven Auswirkungen radikaler Innovationen letztlich schwerer als die disruptive Wirkung dieser Innovationen in Form von Zerstörung und Ungleichverteilung? Ob Länder, Branchen und Unternehmen zu den Gewinnern oder Verlierern dieser Entwicklung gehören, werde dabei massgeblich von der nationalen Politik und Geopolitik abhängen, schreiben Das und sein Team.

USA und Japan behalten Spitzenpositionen 
Demnach dürften die USA und Japan ihre Spitzenposition unter den Industrieländern auch künftig beibehalten. Dabei werde Japan vor allem in der Robotik weiter ganz vorne mitspielen, während die USA wie gehabt bei transformativen Technologien die Nase vorn haben dürften. Dadurch werde der US-Aktienmarkt auch weiterhin der wichtigste Markt für neue transformative Technologien, disruptive Unternehmen und neue Aktienmarkt-Giganten bleiben.

In Europa hingegen sehen die Invesco-Experten bedeutendes Potenzial für fortschrittliche Innovationen in weniger skalenträchtigen Sektoren wie Fintech sowie in der Herstellung hochwertiger und grosstechnischer Automatisierungstechnologien und ihrer Anwendung auf bestehende Technologien. Arnab Das zufolge dürfte es Europa und Japan aber schwerfallen, ähnlich wie die USA völlig neue transformative Technologien aus der Wiege zu heben. Grund seien die grössere Schwierigkeit, in diesen Märkten umfangreiche Risikokapitalfinanzierungen auf die Beine zu stellen, sowie die geringere Flexibilität der Produkt-, Dienstleistungs- und Arbeitsmärkte.

Grössere disruptive Veränderungen bei Branchenstrukturen
Die Thought-Leadership-Experten von Invesco gehen davon aus, dass sich in den Schwellenmärkten die grossen asiatischen Länder, vor allem China und Korea, an die Spitze setzen werden. Indien dürfte führend in Hightech-Software- und Beratungssegmenten bleiben. Im Hardware-Bereich dagegen werde das Land wahrscheinlich weiter hinterherhinken und außerdem eine weiterhin sehr stark landwirtschaftlich geprägte Wirtschaft mit traditionellen "Old Economy"-Produktionssektoren haben. In der Folge könnte das Wirtschaftswachstum nicht ausreichen, um das traditionell hohe Bewertungsniveau indischer Aktien auf breiter Basis zu stützen. Dadurch könnte es zu einer grösseren Differenzierung auf Branchenebene kommen, wenn "Old Economy“-Sektoren weltweit unter Druck geraten.

Mit Blick in die Zukunft rechnen Arnab Das und sein Team mit deutlich grösseren disruptiven Veränderungen der Struktur und relativen Marktkapitalisierung von Branchen und nationalen Indizes. "Noch ist es zu früh für klare Prognosen, aber wir rechnen mit einem ‚Amazon-Effekt‘, der sich durch preisliche Transparenz, Wettbewerb und Margendruck nicht nur auf die Inflationserwartungen auswirkt, sondern auch zu weiteren Veränderungen der Cashflows und der darauf angewandten Abschläge führen dürfte“, erwartet Das und ergänzt: "Branchen und Unternehmen, in denen es durch neue Technologien bzw. neue Marktteilnehmer, die neue Technologien auf neuartige Weise einsetzen, zu disruptiven Veränderungen kommt, müssen mit Marktanteilsverlusten, sinkender Profitabilität und steigenden Kreditrisiken und -spreads sowie höheren Aktienrisikoprämien rechnen, wenn ihre Überlebensfähigkeit in Frage gestellt wird."

Der Wandel ist ein Beschleuniger
Wie sich diese technologischen Veränderungen auf die Produktion, die Beschäftigung und die Unternehmensgewinne in den verschiedenen Sektoren und Ländern – sowie auf Unternehmensebene – auswirken werden, lässt sich laut den Experten unmöglich voraussagen. Die entscheidenden Marktauswirkungen, die sich bereits jetzt abzeichnen, sollten jedoch genauso wie andere wichtige globale Wirtschaftsentwicklungen in die Vermögensaufteilung und Marktstrategie einfliessen. "IR 4.0 beeinflusst schon jetzt Politik und Regulierung in aller Welt. Daher sollte sie auch schon jetzt in der Asset Allokation berücksichtigt und genau im Blick behalten werden. Denn der Wandel ist nicht mehr nur eine Konstante – sondern ein Beschleuniger“, betont Das.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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