Sri Lanka: Der Standort ist alles

Anleger übersehen Sri Lanka oft zugunsten des grösseren und dicht bevölkerten Nachbarlands Indien. Oliver Bell, Portfolio Manager bei T. Rowe Price ist jedoch der Meinung, dass es in diesem Frontier-Markt ein bedeutsames unausgeschöpftes Potenzial gibt. Seine jüngste Research-Reise in das vielfältige asiatische Land war vielversprechend – insbesondere wegen seines strategischen Standorts im Indischen Ozean.
07.09.2017 22:36

Sri Lanka befindet sich im stabileren Zentrum der häufig sehr unruhigen Indisch-Australischen Platte. Seine Küste ist im Gegensatz zur indischen Küste grösstenteils von tiefem Wasser umgeben und eignet sich daher für grosse Häfen. Sri Lanka verfügt über drei Haupthäfen – an der Ost-, West- und Südküste – mit perfekter Lage an der Hauptschiffsroute zwischen Asien und Europa.

Colombo, die wirtschaftliche Hauptstadt Sri Lankas, beherbergt den grössten Hafen des Landes mit drei bedeutenden Kais. Die Kais sind jeweils Eigentum der Regierung Sri Lankas, der Chinesen sowie der John Keells Holdings, Sri Lankas grösstem börsennotierten Mischkonzern. In naher Zukunft werden wahrscheinlich zwei weitere Kais für den Hafen von Colombo gebaut. Auch sie werden viele Interessenten anlocken – insbesondere aus Indien. China ist sich der strategischen Lage Sri Lankas bewusst und hat in den letzten Jahren viel Geld in dem Land investiert. Trotz einiger Rückschläge, die hauptsächlich auf die Sorge Indiens über den militärischen Einfluss Chinas in der Region zurückzuführen waren, unterzeichnete Sri Lanka Ende letzten Monats ein seit Langem erwartetes Abkommen mit China im Wert von USD 1,1 Mrd. über die Entwicklung und Kontrolle des südlichen Hafens von Hambantota. Dieses Projekt ist Bestandteil von Chinas riesiger billionenschwerer Initiative "One Belt, One Road".

Oliver Bell denkt, dass Sri Lanka einen mehrjährigen Bauboom erleben könnte. Neben den wiederaufgenommenen Projekten unter chinesischer Führung sind einige weitere Projekte im öffentlichen und privaten Sektor geplant. Tokyo Cement ist der grösste Zementhersteller und -lieferant in Sri Lanka. Die Unternehmensgruppe hat einen Marktanteil von 32% in dem Land und konnte ihre Kapazitäten kürzlich von 1 Mio. Tonnen auf 2,8 Mio. Tonnen steigern. Diese Kapazitätserweiterung wird importierten Zement vom Markt drängen. Access Engineering ist ebenfalls ein Unternehmen, das direkt von Sri Lankas mittelfristigen Infrastrukturplänen profitiert, da es an Projekten in mehreren Sektoren mitwirkt. Access Engineering hat seinen Auftragsbestand bereits um 20% pro Jahr gesteigert, ist aber möglicherweise in der Lage, in Zukunft ein noch schnelleres Wachstum zu erzielen. Allerdings geht die Gruppe bei der Auswahl ihrer Projekte vorsichtig vor.

Positiver Reformkurs
Nachdem die Regierung fast drei Jahre lang untätig war, gerät nun endlich Schwung in die Reformagenda von Sri Lanka. Bei T. Rowe Price glaubt man, dass diese Reformen das Wirtschaftswachstum in Sri Lanka weiter ankurbeln können. Das Land hat bereits das Glück, dass es über gut ausgebildete Arbeitnehmer verfügt und eine steigende Anzahl internationaler Touristen anlockt.

Zu den jüngsten marktfreundlichen Massnahmen der Regierung zählten – neben anderen Personalveränderungen auf höchster Ebene der Ministerien – die Einsetzung eines neuen Finanzministers und die Ernennung eines neuen Zentralbankgouverneurs. Die Experten von T. Rowe Price konnten mit dem neuen Gouverneur zu Abend essen, der ihnen die bedeutenden geplanten Reformen erläuterte.

Eine weitere positive Entwicklung war die Einrichtung einer fünfköpfigen Arbeitsgruppe, die unter anderem aus dem Finanzminister, dem Zentralbankgouverneur und zwei weiteren Wirtschaftsministern besteht, von denen wir einen ebenfalls auf unserer Reise trafen. Die Arbeitsgruppe bespricht jede Woche mit Präsident Maithripala Sirisena, wie die Reformagenda weiter vorangetrieben werden kann. Wichtige kürzliche Initiativen umfassen Pläne zur Steigerung des Steueraufkommens – das derzeit nur 15% des BIP beträgt – sowie die Einführung einer gerechteren Steuerstruktur und die Abschaffung von Subventionen.

Beschleunigung des Wachstums
Das BIP-Wachstum Sri Lankas wird dieses Jahr voraussichtlich etwa 4,5% bis 5% betragen. Die Wachstumsprognosen wurden etwas nach unten korrigiert, nachdem Sri Lanka in letzter Zeit von einigen Naturkatastrophen – Hochwasser und Dürre – heimgesucht wurde. Allerdings wird erwartet, dass die bereits erwähnten Wirtschaftsreformen, das laufende IWF-Kreditprogramm, die erneuten Investitionen in die Infrastruktur und die kürzliche Wiederaufnahme des Zollpräferenzsystems GSP Plus der Europäischen Union das BIP-Wachstum 2018 und 2019 antreiben werden.

Im Bereich der Geldpolitik hat die Zentralbank Sri Lankas nun das Ende ihres Straffungszyklus erreicht. Die Zinsschraube wurde angezogen, um das Kreditwachstum einzudämmen, das zuvor einen Höchststand von 28% erreicht hatte. Mit der Straffung konnte die Inflation erfolgreich auf etwa 5% gesenkt werden. Angestrebt werden 4% bis 6%. Die Zinsen werden sich voraussichtlich auf diesem Niveau stabilisieren, solange das Kreditwachstum unter Kontrolle bleibt. In den nächsten 18 Monaten könnten die geldpolitischen Zügel gelockert werden. Was die Währung betrifft, hat die Zentralbank ihre Interventionen deutlich zurückgefahren. Ein vollständig flexibles Wechselkurssystem bis 2019 ist jedoch unwahrscheinlich. Derzeit wird geschätzt, dass die Sri-Lanka-Rupie nur etwa um 6% zu hoch bewertet ist. Die Behörden planen, eine weitere Anpassung auf schrittweiser Basis zuzulassen und nur einzugreifen, um die Volatilität zu reduzieren.

T. Rowe Price vertritt trotz der strafferen Geldpolitik die Auffassung, dass der stark wachsende Bankensektor Sri Lankas auf historischer Kurs-Buchwert-Basis relativ günstig bewertet ist und derzeit ein solides Wachstum aufweist. Mittelfristig wird der Sektor wahrscheinlich weiter Auftrieb erhalten, weil die Zinsanhebungen nun voraussichtlich abgeschlossen sind. Die Hatton National Bank erwartet ein Kreditwachstum von 15% für das Jahr 2017. In den nächsten zwei bis drei Jahren dürfte es aufgrund des höheren Wirtschaftswachstums in dem Land auf 20% steigen. Der Anteil notleidender Aktiva ist von 4% im Jahr 2013 auf 1,8% im letzten Jahr gefallen. Ein Hauptgrund dafür war die Zentralisierung der Kreditvergabe und -gewährung. Die Commercial Bank of Ceylon geht davon aus, dass sie in diesem Jahr ein Kreditwachstum von ungefähr 17% erzielen wird. Nach Einschätzung der Bank stellt dies in den nächsten drei Jahren ein nachhaltiges Niveau dar.

Zuversichtlicher Frühinvestor
T. Rowe Price ist nach wie vor davon überzeugt, das Sri Lanka – eine der grössten Positionen in der T. Rowe Price Frontier Markets Equity Strategy – eine attraktive mehrjährige Anlagechance darstellt. Es besteht zwar die Gefahr, dass man zu früh dran ist, aber die Anlagethese baut auf anhaltenden positiven Regierungsreformen auf – beeindruckt von dem, was die Experten von T. Rowe Price auf ihrer jüngsten Reise gesehen haben, glauben Sie, dass sich die Behörden auf einem guten Weg befinden.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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