Hat die SNB wieder Euro gekauft?

Der cash Insider zu Spekulationen, die SNB habe gestern Donnerstagnachmittag zugunsten des Euros interveniert, und zu den Gründen, weshalb die von der EZB getroffenen Massnahmen wirkungslos verpuffen könnten.
06.06.2014 12:30
cash Insider
Hat die SNB wieder Euro gekauft?

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Die Verantwortlichen unserer Schweizerischen Nationalbank (SNB) dürfen fürs Erste aufatmen: Entgegen anders lautenden Befürchtungen wurden sie von den Märkten nach dem gestrigen Entscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) bisher nicht auf die Probe gestellt. Der Euro knickte gegen den Franken zwar kurz ein, hielt sich danach aber auf komfortabler Distanz zum Mindestkurs.

Allerdings kamen im Laufe des gestrigen Nachmittags Spekulationen auf, wonach die SNB unter 1,22 Franken zu Gunsten des Euros am offenen Markt interveniert habe. Ob diese Vermutungen von Substanz sind oder nicht, wird uns wohl erst die nächste Offenlegung der Devisenreserven von kommendem Monat verraten.

Wenn wir ehrlich sind, hatte die SNB gestern keinen Anlass zur Intervention. Denn die europäischen Kollegen warteten just mit dem auf, was der Markt sich im Vorfeld ausgemalt hatte. Zum einen senkten sie den Leitzins von 0,25 auf 0,15 Prozent und zum anderen führten sie einen negativen Einlagensatz für Geschäftsbanken von 0,10 Prozent ein, um die Kreditvergabe der Geschäftsbanken anzukurbeln. Und ansonsten war die Pressekonferenz von Notenbankchef Mario Draghi vor allem eines: viel Schall, Rauch und Effekthascherei.

Obschon in den letzten Tagen viel zu diesem Thema geschrieben wurde, möchte ich an dieser Stelle auf einen Kommentar von Stifel Nicolaus eingehen. Das amerikanische Bankinstitut dürfte in der Schweiz zwar nur wenigen ein Begriff sein. Allerdings verfügt der Chefstratege und Verfasser des Kommentars über einen Leistungsausweis, der sich sehen lassen kann.

Der Experte schlägt überraschend kritische Töne an und zeigt sich sichtlich enttäuscht von den gestern angekündigten Massnahmen.

Die Leitzinsreduktion bleibe ohne Auswirkungen, habe man diesen Schritt am Geldmarkt doch schon vor langer Zeit antizipiert. Und dennoch sei der Euro in den letzten Jahren kontinuierlich gegen den Dollar gestiegen.

Auch dem negativen Zins auf Einlagen misst der Stratege keine allzu grosse Bedeutung zu. Denn die Geschäftsbanken hätten längst aufgehört, Geld bei der EZB zu parkieren. Vor zwei Jahren seien es noch 800 Milliarden Euro gewesen, zuletzt hingegen gerade mal noch 29 Milliarden.

Ähnliches gelte für das langfristige Kreditfenster für Geschäftsbanken. Die europäischen Banken seien ihre Bilanzsumme eher am eindämmen als am ausweiten.

Der Experte schreibt auch gleich, was er an Stelle der EZB für Massnahmen beschlossen hätte. Nämlich eine Subventionierung tieferer Zinsen für Kreditnehmer aus den europäischen Peripheriestaaten, um deren Finanzierungskosten auf das Niveau nordeuropäischer Länder zu drücken. Die Banken würden die Subventionen nur dann an die EZB zurückbezahlen müssen, wenn der Kredit auch zur Rückzahlung komme. Schliesslich bestimme der Zins als Preis für einen Kredit auch die Nachfrage, so der Stratege.

In einem weiteren Schritt würde er Massnahmen einleiten, die es den Banken schwieriger mache, im Rahmen ihres risikogewichteten Ansatzes lieber in Staatsanleihen zu investieren als Kredite zu sprechen. Dieser Punkt sei zumindest in Europa vermutlich jedoch von politischer Brisanz.

Als dritte und letzte Massnahme thematisiert der Experte die Möglichkeiten der gross angelegten Bündelung und Verbriefung von Krediten. Die Kreditqualität sei für einen solchen Vorstoss zwar vorhanden, dennoch funktioniere dieses System in Europa aufgrund der starken Fragmentierung nicht richtig.

Meines Erachtens machen die im Kommentar von Stifel Nicolaus genannten Schritte sehr viel mehr Sinn als die, die die EZB gestern kommuniziert hat. Es liegt geradezu auf der Hand, dass diese an den Problemen vorbeizielen.

Die Entscheidungsträger bei den europäischen Banken sind in diesen Tagen nicht zu beneiden: Einerseits werden ihnen seitens der Politik und der Aufsicht strengere Regeln zur Eigenmittelunterlegung aufgebürdet, andererseits werden sie durch die Zentralbank aber zu einer grosszügigeren Kreditgewährung gezwungen. Einen solchen Spagat schaffen selbst Chuck Norris und Jean-Claude Vandamme nicht.

Eigentlich müsste die Zins- und Geldpolitik der EZB auch in der Bevölkerung für einen Aufstand sorgen. Denn Spareinlagen und Altersguthaben werden mittlerweilen fast zu Null verzinst. Das betrifft indirekt selbst uns hier in der Schweiz und unser Vorsorgesystem.