Aktienkurpotenzial in Europa höher als in den USA

2015 können die Aktien in der Vermögensaufteilung nach wie vor leicht übergewichtet werden. Die tiefe Inflation sowie die gefallenen Energiepreise bleiben Aktienkurstreiber. Zu beachten sind regionale Unterschiede.
16.02.2015 17:20
Florence Barjou, Leiterin Multi-Asset Investments bei Lyxor Asset Management, Paris

Die Aktien sind teuer: Das signalisiert die Mehrheit der gängigen Marktindikatoren. Dessen ungeachtet ermutigt das erwartete Wachstum der Weltwirtschaft nach wie vor zu einer leichten Übergewichtung der Dividendenpapiere. Zumal die tiefe Inflation massgebende Notenbanken bestärkt, die freigiebige Geldpolitik fortzusetzen. Und die gefallenen Energiepreise bleiben insgesamt ein positiver Faktor, wenn auch länderweise unterschiedlich. Gleich wie 2014 wird wohl 2015 das regional ungleiche Auf und Ab der Aktienbörsen innerhalb eines generellen Aufwärtstrends anhalten. Deshalb bleiben das Management der Positionen in den einzelnen Märkten sowie das Markttiming die Schlüsselfaktoren für eine überdurchschnittliche Performance.

Weniger USA, mehr Europa

Die USA bleiben der Motor der Weltwirtschaft. Doch der starke Dollar und die zu erwartende bescheidene Zinssteigerung könnten die bisherige Dynamik etwas dämpfen. Kommt dazu, dass der tiefe Ölpreis die investitionsreiche amerikanische Frackingrevolution eher etwas behindert. In Europa dagegen wirkt der tiefe Ölpreis wie ein Konjunkturprogramm, das zusammen mit der beschlossenen Liquiditätsausweitung durch die Europäische Zentralbank und die damit verbundenen besseren Kreditkonditionen beim Wirtschaftswachstum sogar zu positiven Überraschungen führen könnte. Ergo: 2015 werden die US-Aktienkurse insgesamt zwar weiter zulegen, aber in Europa gibt es ein höheres Kurspotenzial. Der Aktienanteil in den Portfolios sollte deshalb diesem Befund entsprechend nach und nach angepasst werden: US-Aktien etwas zurückfahren, Aktien der Eurozone ausbauen.

Tiefes Euro-Zinssteigerungsrisiko

Die freizügige Liquiditätspolitik der Europäischen Zentralbank, die tiefen Energiekosten und die immer noch bescheidene Nutzung der volkswirtschaftlichen Kapazitäten sprechen weiter für gedämpfte Inflationserwartungen. Im Euroraum bleibt deshalb das Zinssteigerungsrisiko und damit das Kurverlustrisiko für Obligationen eingeschränkt. Long-Positionen in Obligationen aus dem Euroraum können beibehalten werden.

Aktion der US-Notenbank

Im Gegensatz zur aggressiv liquiditätsschaffenden Europäischen Zentralbank wird die US-Notenbank in diesem Jahr höchstwahrscheinlich die Leitzinsen erstmals wieder leicht erhöhen. Allerdings kennt niemand den genauen Zeitpunkt. Fed-Präsidentin Janet Yellen betont, die Notenbank müsse „geduldig“ bleiben. Das hat seine Gründe: Der Lohndruck gegen oben braucht noch etliche Zeit, um sich so richtig bemerkbar zu machen. Und die tiefen Energiepreise sowie der stärkere Dollar wirken nach wie vor preisdämpfend. Deshalb wird der erwartete sehr bescheidene erste Fed-Eingriff wohl frühestens im dritten Quartal 2015 erfolgen.

Wenn das Fed nur bedächtig handelt und wirksam kommuniziert, werden die Auswirkungen auf die längerfristigen Zinsen bescheiden bleiben. Dies auch darum, weil die ausländischen Investoren zweifellos weiter in die vergleichsweise gut rentierenden und im starken Dollar denominierten US-Regierungsbonds investieren werden. Deshalb könnte sich dann die US-Zinskurve aus der Sicht der Laufzeiten zusätzlich verflachen.