Asiatische Giganten: Indien versus China

Auf China folgt Indien: Viele Faktoren deuten darauf hin, dass Indien in den kommenden Jahren einen starken Auftrieb erleben wird.
24.08.2015 14:55
Hugh Young, Leiter des Bereichs Aktien weltweit und VR-Mitglied der Aberdeen Asset Management PLC

Seit der römischen Antike bis zum frühen 19. Jahrhundert bestritten China und Indien mindestens die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung. Dieser Anteil ging im 19. und 20. Jahrhundert, als die industrielle Revolution Entwicklung und Wachstum im Westen rasant vorantrieb, drastisch zurück. Seit ungefähr dreissig Jahren sind China und Indien wieder im Aufstieg zu „alten neuen“ Weltmächten begriffen. Auch weisen aktuelle Wirtschaftsindikatoren darauf hin, dass Indien eventuell China als weltgrösste Volkswirtschaft überholen kann. So wird bei der Untersuchung einiger Fundamentaldaten beider Länder deutlich, dass die Aussichten für Indien etwas besser als für den „ostasiatischen Titan“ sind.

Höhenflug
Das chinesische und das bisher etwas schwächere indische Wachstum sind beispiellos. Bis 2025 dürfte China die weltgrösste Volkswirtschaft sein und die USA überholt haben, während Indien Japan überholt haben und an dritter Stelle rangieren wird. Chinas Wirtschaft ist derzeit viermal so gross wie die Indiens, wobei jedoch Indien in diesem Jahr erstmals stärker wachsen dürfte als China.

Chinas Herausforderungen
China hat bei kapitalintensiven Projekten, so Infrastruktur und Immobilien, bislang eine immense Stärke bewiesen. Aber dies hat zu einer Art „Overdrive“ geführt. Mittlerweile entfällt mindestens die Hälfte der chinesischen Schulden auf den Immobiliensektor, der derart hohe Investitionen nicht mehr benötigt. Der chinesische Wohnimmobilienmarkt ist gesättigt, wobei der Anteil der „Geisterstädte“, in denen kilometerlange Reihen von Häusern leer stehen, so hoch ist wie noch nie. Das Problem ist nicht mehr die Nachfrage, sondern das Überangebot, so dass die Immobilienentwickler Sonderrabatte und kostenlose Extras anbieten, um Käufer anzulocken. Andere Sektoren leiden ebenfalls unter einem Rückgang der Nachfrage, so z.B. die Automobilindustrie.

Den chinesischen Exporteuren bläst aufgrund steigender Löhne, der Aufwertung des Yuan, des strukturellen Anstiegs der Produktionskosten und der Verlangsamung der westlichen Nachfrage ein rauer Wind ins Gesicht.

Ein weiterer Negativfaktor ist die Alterung der chinesischen Bevölkerung. Die chinesische Arbeitsbevölkerung dürfte zwischen heute und 2030 jedes Jahr um 0,5% abnehmen, so dass der Staat künftig mehr Unterstützungsleistungen erbringen muss.

Neue Seidenstrassen und die Globalisierung des Yuan

Ein positives Signal ist, dass China seit einigen Jahren den Ausbau neuer Handelsrouten vorantreibt, um weitere Regionen anzubinden. Dies ist zwar ein Schritt nach vorne, aber es stellt sich die Frage nach der Finanzierung dieser Investitionen und der Höhe der Erträge.

Die Tatsache, dass der Yuan durchaus zu einer internationalen Reservewährung avancieren könnte, ist für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes von grosser Bedeutung. Allerdings dürfte es noch einige Jahre dauern, bis der Yuan einflussreich genug ist, um dem USD die Stirn bieten zu können.

Zentralisierung der Kontrolle

Ein Schlüsselproblem Chinas ist der hohe Zentralisierungsgrad der staatlichen Macht. Aufgrund des hierarchischen Führungsstils ist es in China häufig unmöglich, an der Staatsspitze getroffene Entscheidungen in Aktionen auf lokaler Ebene umzusetzen. Ein Beispiel hierfür ist die Umweltverschmutzung, die mittlerweile die grösste Sorge der chinesischen Bürger ist. Trotz ihrer Bemühungen konnte die chinesische Führung bei der Implementierung von Umweltschutzmassnahmen bislang keine nennenswerten Fortschritte verzeichnen.

Der autoritäre chinesische Führungsstil mag zwar einen raschen wirtschaftlichen Aufstieg ermöglicht haben, könnte aber jetzt, da das Land in die Riege der Länder mittleren Einkommens aufgestiegen ist, weiteres Wachstum behindern. Allerdings kann China auf grosse Stärken verweisen, so die hohe Sparquote, ein leistungsfähiges Bildungssystem, hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie starke Institutionen, die dem Land helfen können, die so genannte „Middle-Income Trap“ zu umgehen. Aber Chinas Wachstum dürfte sich verlangsamen, wobei das Wachstum des Konsums dies nur teilweise kompensieren wird. Letztendlich wird Innovation für die Wahrung seines Wachstumspotentials von grosser Bedeutung für China sein.

Indien: Tiger oder Elefant?

In Indien hingegen zieht das zuvor schwache Wirtschaftswachstum seit Modis Amtsantritt richtig an. Allerdings stellen sich die Investoren die Frage, ob dieser Aufwärtstrend von Dauer und ob Indien als sprungbereiter Tiger oder als schwerfälliger Elefant zu sehen ist.

Vieles wird davon abhängen, wie Indien eines seiner strukturellen Hauptprobleme löst, nämlich die Schwäche als Produktionsstandort. 2013 entfielen auf das Verarbeitende Gewerbe gerade einmal 13% des indischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dies ist viel zu niedrig, vor allem im Vergleich zu China, wo dieser Wert 32% beträgt. Das Ziel der Modi-Regierung der Steigerung des Anteils des Verarbeitenden Gewerbes auf 25% des BIP bis Anfang des nächsten Jahrzehnts ist ein positives Signal, aber sollte Modi bei der Bewältigung der Probleme im Infrastruktur- und im Produktionssektor scheitern, wird Indien in die Stagnation abgleiten.

Von Vorteil ist in Indien die demographische Dividende, die für das künftige Wachstum eine Schlüsselrolle spielen wird, vor allem da Bildung und Alphabetisierung rasch zunehmen. 2010 betrug das mittlere Alter 25,1 Jahre, verglichen mit 34,5 in China und mit 36,9 in den USA.

Die Modifizierung Indiens

Der Mann, der die indische Wachstumsstory verkörpert, ist Narendra Modi, dessen wirtschaftspolitische Konzepte von Ökonomen sehr gelobt werden. Die Ernennung von Raghuram Rajan zum Zentralbankgouverneur, die angestrebte Konsolidierung der Staatshaushalts, die Förderung ausländischer Direktinvestitionen und die geplante Vereinfachung des Steuersystems, all dies sind höchst positive Signale. Modi plant Erleichterungen für Unternehmen und die Bekämpfung der Korruption, seit jeher ein grosses Problem in Indien. Ein kühner Schritt von ihm war die Ankündigung von Plänen zur Einschränkung der Befugnisse der Zentralbank bei der Festlegung der amtlichen Zinsen. Aber seine vielleicht wichtigste Initiative ist die „Made in India“-Kampagne, die ausländischen Unternehmen Indien als attraktiven Standort für Investitionen und Produktionsaktivitäten nahe bringen will. Diese Initiative wird ein Schlüsselelement von Modis Strategie zur Stärkung von Indien als Produktionsstandort sein.

Indien steht vor grossen Herausforderungen. Eine der grössten ist das „Land Acquisition Bill“ (Gesetz über Landerwerb), das von Modis unternehmerfreundlicher Partei unterstützt und von der oppositionellen Kongress-Partei, die sich für die Bauern einsetzt, vehement angefochten wird. Dieses Gesetz hat den Bau von Strassen und sonstigen dringend benötigten Infrastrukturen zum Inhalt.

Tiger versus Panda

Aus Daten der Weltbank geht hervor, dass die indische Wirtschaft in vielerlei Hinsicht der chinesischen im Jahr 2001 ähnelt, vor allem was das BIP-Wachstum und die Exportzahlen betrifft. Somit deutet vieles darauf hin, dass Indien China nacheifern und es - so die Weltbank - bis 2017 überholt haben könnte.

Demographie und Demokratie sind Schlüsselelemente sowohl für Indiens Erfolg als auch für Chinas Stagnation in den kommenden Jahren. Chinas Arbeitsbevölkerung nimmt 2015 im dritten Jahr in Folge ab, während in Indien die demographische Entwicklung noch sehr günstig verläuft, wobei die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter im kommenden Jahrzehnt um 125 Millionen steigen wird.

Des Weiteren ist das aktuelle makroökonomische Szenario für indische Unternehmen von grossem Vorteil. Die in Indien tief verwurzelte Demokratie hat im Gegensatz zu China Transparenz und Corporate Governance bei indischen Unternehmen gefördert. Damit ist beileibe nicht gesagt, dass Indien frei von Korruption ist, aber wenn Modi seine Reformen durchsetzen kann, wird die Attraktivität Indiens als Investitionsstandort deutlich zunehmen. In China hingegen wurde in diesem Jahr bei mehreren Unternehmen, darunter im April erstmals bei einem staatseigenen Unternehmen, ein Zahlungsausfall festgestellt.

Die Wettbewerbsfreiheit, das kräftige Bevölkerungswachstum, die Infrastrukturinvestitionen und die politischen Reformen, all dies sind Faktoren, die Indien in den kommenden Jahren starken Auftrieb verleihen werden, der sich bereits heute abzeichnet.