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Bringen höhere Zölle Hongkongs Handel zum Erliegen?

Wenn Hongkong seinen Sonderstatus in den Handelsbeziehungen zu den USA verliert, drohen der chinesischen Sonderverwaltungszone höhere Zölle. Der Effekt erscheint indes weniger gravierend zu sein als teilweise befürchtet.
08.06.2020 11:28
Thomas Pentsy, Markt- und Produktanalyst, Migros Bank AG

Als Reaktion auf die Einführung des umstrittenen Sicherheitsgesetzes in Hongkong haben die Vereinigten Staaten angedroht, der fernöstlichen Wirtschaftsmetropole den vorteilhaften Sonderstatus nach US-Recht zu entziehen. Ein solcher Entzug würde unter anderem bedeuten, dass die chinesische Sonderverwaltungszone ihre Privilegien in den Wirtschaftsbeziehungen zu den USA verlieren könnte, darunter niedrigere Zölle als Festlandchina. Falls Washington Hongkongs Status als ein von China getrenntes Sonderzollgebiet aufheben sollte, wären die wirtschaftlichen Folgen für die Handelsmetropole wahrscheinlich weniger gravierender als teilweise befürchtet.

Dem United States-Hong Kong Policy Act von 1992 zufolge unterliegen die Ausfuhren von Hongkong-Gütern in die Vereinigten Staaten den gleichen Meistbegünstigungszöllen, die für jedes andere «normale» Mitglied der Welthandelsorganisation gelten. Machen die USA ihre Drohungen wahr, werden Hongkongs Exporte den viel höheren Zöllen unterliegen, die gegenwärtig für chinesische Waren gelten, die in die Vereinigten Staaten ausgeführt werden. Vielfach wird daher gewarnt, dass dies Hongkongs Handel zum Erliegen bringen würde.

Solche Befürchtungen waren bei der Einführung des US-Gesetzes teilweise berechtigt, scheinen dieser Tage aber übertrieben zu sein. Denn nur in Hongkong hergestellte Waren kommen für die Meistbegünstigungszölle der USA in Frage. Hongkongs heimische Ausfuhren in die USA haben sich allerdings seit 1992 von 64,6 Milliarden HK-Dollar (8,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts) auf 3,6 Milliarden HK-Dollar (rund 465 Mio. US-Dollar oder 0,1 Prozent des BIP) im Jahr 2018 zurückgebildet. Die gesamten wirtschaftlichen Auswirkungen einer Zollerhöhung auf die heimischen Exporte werden daher auf weniger als 1 Milliarde HK-Dollar geschätzt.


Bei fast allen Exporten aus der Sonderverwaltungszone handelt es sich um Waren, die anderswo hergestellt, nach Hongkong exportiert und von da aus auf die Weltmärkte wiederausgeführt werden. Denn Hongkong hat heutzutage so gut wie keine verarbeitende Industrie mehr. 2018 beliefen sich Hongkongs Wiederausfuhren in die USA auf rund 353 Milliarden HK-Dollar, was «nur» 8,6 Prozent der Reexporte ausmacht. Die meisten Exporte Hongkongs in die Vereinigten Staaten sind in China hergestellte Waren, die über Hongkong exportiert werden. Aber diese Waren unterliegen bereits den gleich hohen Zöllen wie chinesische Güter, die direkt vom Festland in die USA ausgeführt werden. Ähnlich verhält es sich bei Waren aus anderen Ländern, die von Hongkong in die Vereinigten Staaten reexportiert werden: Es gelten die gleich hohen Zölle wie bei einer Direktausfuhr.


Bei Transaktionen, bei denen die Endverarbeitung in Hongkong zu Änderungen im Ursprungsland führt, könnten die Waren künftig jedoch höheren Zöllen unterliegen. Ob Unternehmen in solchen Fällen weiter auf Hongkong als Handelsplatz setzen, hängt davon ab, ob die Vorteile aus der Wiederausfuhr die Kosten, die sich aus den höheren Zöllen ergeben, überwiegen. Es erscheint indes wahrscheinlich, dass betroffene Unternehmen Hongkong mehrheitlich weiterhin als Umschlagplatz nutzen werden - aufgrund der Effizienz und der Grössenvorteile, die die Handelsmetropole bietet. Dies gilt ebenso für chinesische Unternehmen vom Festland.