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Der Grosse Gatsby ist tot

In absehbarer Zeit wird die Corona-Pandemie überwunden und die letzte Schutzmassnahme aufgehoben. Dennoch ist eine Neuauflage der «Goldenen Zwanziger» unwahrscheinlich. Denn es gibt gewichtige Unterschiede zu den 1920er Jahren.  
09.11.2021 15:50
Santosh Brivio, CAIA Senior Economist, Migros Bank AG

Rund zwei Jahren nach Ausbruch sehnen wir uns mehr denn je nach einem Leben wie vor Corona. Zu lange mussten wir auf vieles verzichten. Konzerte, Kino, Reisen, grosse Feiern oder auch nur das Feierabendbier – das Coronavirus machte uns einen Strich durch all dies.  

Ein mulmiges Gefühl bleibt  

Auch wenn heute mit Einschränkungen vieles wieder möglich ist, bleibt ein mulmiges Gefühl. Hustet das Gegenüber im Restaurant nicht etwas auffällig? Macht der Sitznachbar im Kino einen etwas gar fiebrigen Eindruck? Wurden die Besucher der Abendunterhaltung tatsächlich lückenlos auf die 3G-Konformität getestet? Unbeschwertheit sieht definitiv anders aus.  

Umso verlockender erscheint die Unbekümmertheit, die wir uns von der Aufhebung sämtlicher Schutzmassnahmen versprechen. Einhergehend mit handfesten ökomischen Hoffnungen: Wenn wir das Verpasste nachholen, in die Ferien fliegen, ausgehen, Festivals besuchen, uns Restaurantbesuche gönnen – dann kann namentlich auch der (Konsum-) Dienstleistungssektor den Pandemie-Einbruch bald wettmachen. Ganze Wirtschaftszweige hoffen auf ein kollektives Feiern des Lebens an sich.  

Wenig Parallelen zu den «Roaring Twenties»  

Eine dergestalt überschäumende Lebensfreude zieht unweigerlich Vergleiche zu den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts mit sich. Ab 1924 erlebte die westliche Welt einen historischen Wirtschaftsaufschwung, der weit über die ökonomische Dimension hinausging: Kunst, Kultur, Gesellschaft erfuhren eine wahre Blütenzeit, um nicht zu sagen Entfesselung. Auf Jahre harter Entbehrungen ging mehr als nur ein hörbares Aufatmen durch die USA und Europa: Von Paris bis nach New York schien die Welt eine einzige rauschende Party zu sein, wovon Der grosse Gatsby ein meisterhaftes literarisches Zeugnis ablegt.  

Doch wann immer auch die Corona-Pandemie vollständig aus unserem Alltag und unseren Köpfen verschwunden sein wird: Die Parallelen zu den «Roaring Twenties» bleiben aus mehreren Gründen überschaubar.  

Der Erste Weltkrieg als ultimativer Schock

Erstens war das ökonomische und gesellschaftliche Aufblühen nicht primär die Gegenreaktion auf das Ende einer verheerenden Pandemie. Zwar neigte sich um 1920 mit der Spanischen Grippe eine beispiellos tödliche Influenza dem Ende zu, die rund 50 Millionen Todesopfer forderte. Der Schrecken, der den Zeitgenossen aber am meisten in den Knochen steckte, war das massenhafte und sinnlose Vergeuden von Menschenleben während des Ersten Weltkrieges. Galt der technische Fortschritt seit Beginn der Industrialisierung als Heilsbringer für die moderne Gesellschaft, zeigte er während des Krieges seine hässliche Seite. Denn erst durch die gefeierten technischen Errungenschaften wurde das industrielle Töten überhaupt erst möglich.  

Von einer solchen Zäsur sind wir heute meilenweit entfernt. Die Corona-Pandemie ist zwar schon nunmehr zwei Jahren omnipräsent. Sie läutet jedoch keine Zeitwende in dem Sinne ein, als dass wir über unsere zivilisatorisch-technischen Errungenschaften plötzlich erschreckt zusammenzucken.  

Wo keine Asche, da kein Phönix  

Zweitens kehren wir nicht von einem kompletten Scherbenhaufen zur Normalität zurück. So tragisch die Corona-Toten sind – die Ausgangslage ist nicht vergleichbar mit der Situation in den 1920ern, als eine ganze Generation im besten Alter ausgelöscht wurde und die Nachkriegswirren in Europa zu einem politischen Chaos führten. Ganz nüchtern-analytisch gesprochen: die Basis ist eine komplett andere. Wie sich bereits andeutet, wird die Wachstumsdynamik nach der Pandemie eher ein schrittweises Zurückfinden auf die vormaligen Wachstumspfade sein, als dass sich die Wirtschaft wie der sprichwörtliche Phönix aus der Asche erhebt.  

«Lieber nicht!» statt «Jetzt erst recht!»  

Drittens fehlt es uns im Vergleich zu den 1920er Jahren an Unbeschwertheit. Das «hier und jetzt»-Gefühl der 1920er wollte schon vor der Pandemie nicht mehr richtig in unsere Zeit passen. Losziehen und die Welt entdecken? Das schlechte Klimagewissen fliegt mit. Opulentes Festessen? Ein veganes Schnitzel mit Leitungswasser wäre angebrachter. Der neue Streifen im Kino? Aber bitte nur, wenn darin alle Ethnien, Gender-Formen und sexuelle Orientierungen angemessen vertreten sind.  

Wir sind weit von der damaligen Geisteshaltung entfernt. Ob man dies nun als verkrampft oder als verantwortungsvoll bezeichnet, ist unerheblich. Tatsache ist, dass der Zeitgeist auch nach der Pandemie eher gegen einen überbordenden (Konsum-) Rausch spricht.  

Ein unspektakulärer Übergang  

Eine Neuauflage der «Goldenen Zwanziger» scheint daher unwahrscheinlich. Jay Gatsby und die Zeit, die er verkörperte, werden nicht auferstehen. Die Corona-Pandemie wird nicht mit einem grossen Feuerwerk zu Ende gehen, und es wird zu keiner spektakulären wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nachhol-Sause kommen. Stattdessen wird sich der Übergang in die komplette Normalität weiterhin fliessend fortsetzen. Dort angekommen, werden wir feststellen, dass die Probleme und Herausforderungen von vor der Pandemie auch nach Corona darauf warten, gelöst zu werden.  

Das ist in der Tat eine ziemlich langweilige Vorstellung. Da mag die Erinnerung daran tröstlich sein, wie die «Jubel, Trubel, Heiterkeit»-Phase der 1920er-Jahre ein jähes Ende fand: Nämlich mit dem Black Thursday vom Oktober 1929, dem bis dato gravierendsten Börsencrash. Es folgte die grosse Depression in den USA und die schwerwiegendste Weltwirtschaftskrise der Geschichte. Wir möchten uns ein solches Szenario nicht einmal vorstellen, zumal der finanzielle Handlungsspielraum der Staaten aufgrund der Verschuldungslage ziemlich beschränkt ist. Denn nicht zuletzt der Kampf gegen das Corona-Virus hat die Schuldenberge nochmals drastisch in die Höhe schnellen lassen.  

Ja, die rauschende Nach-Corona-Party wird wohl ausbleiben – ein allzu grosser Kater aber auch.        

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