Vor gut einem Vierteljahrhundert hat sich die Börsenlandschaft in der Schweiz nachhaltig verändert. 1993 schlossen sich die regionalen Handelsplätze aus Genf, Basel und Zürich zur Swiss Exchange zusammen. Heute ist die mittlerweile als SIX Swiss Exchange firmierende Börse nicht nur auf nationaler Ebene das Mass aller Dinge. Sie mischt auch im globalen Finanzmarktgeschäft aktiv mit. Konzernweit setzte die SIX Exchange im vergangenen Jahr ein Börsenhandelsvolumen von knapp 1,4 Billionen Schweizer Franken um.

Hier kann die BX Swiss bei Weitem nicht Schritt halten. Sie verzeichnete 2018 einen Handelsumsatz von gerade einmal 338 Millionen Schweizer Franken. Und doch hat sich bei der ehemaligen Berner Börse viel getan, seit sie Ende 2017 mit der Börse Stuttgart eine neue Eigentümerin bekam.

Wenige Monate nach dem Einstieg der Schwaben übernahm Harald Schnabel den Posten als CEO. Damit konnte die BX Swiss ein echtes Urgestein des deutschen Zertifikatemarkts verpflichten. Schnabel war federführend dabei, als die Stuttgarter Börse 1999 einen Handelsplatz für Derivate lancierte. Heute ist die EUWAX in Deutschland unangefochtener Marktführer. Im Mai 2019 entfielen 65,1 Prozent des Börsenhandels mit strukturierten Produkten auf die Stuttgarter, der Rest wurde an der Frankfurter Börse umgesetzt.

Vorstoss in die Nische

Harald Schnabel hat also viel Erfahrung mit in die Zürcher Talstrasse gebracht – seit rund drei Jahren sitzt die BX Swiss in der Limmatstadt. Bei der Wiederbelebung der zweiten volllizenzierten Börse in der Schweiz spielt deriBX eine zentrale Rolle. Schnabel ist nicht so vermessen, mit dem neuen Segment für strukturierte Produkte die Vormachtstellung der SIX Exchange in Frage zu stellen. »Aber ich bin überzeugt, dass wir mit dieser Plattform am Schweizer Markt eine Lücke füllen«, erläutert der CEO im Interview ab Seite 12 die Strategie der BX Swiss.

Der Vorstoss kommt zu einer Zeit, in der sich die Umsätze mit strukturierten Produkten auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau eingependelt haben. 2007 hatte die SIX Exchange zusammen mit der Deutschen Börse einen Derivatemarktplatz ins Leben gerufen. Damals boomte das Struki-Geschäft und die Scoach verbuchte gleich in ihrem ersten Jahr ein Volumen von mehr als 66 Milliarden Schweizer Franken. Abgesehen von einem Zwischenhoch 2010 und 2011 sind die Umsätze auf dem mittlerweile von der SIX Exchange in Eigenregie betriebenen Segment seither sukzessive gefallen (siehe Grafik 1). 2018 entfiel der Grossteil der insgesamt noch umgegangenen 15 Milliarden Schweizer Franken auf Hebelpapiere (siehe Grafik 2).

Grafik 1: Handelsvolumen SIX Structured Products

Stand: Juni 2019; Quelle: SIX Swiss Exchange

Grafik 2: Aufteilung Handelsvolumen SIX Structured Products 2018
(in Mio. Schweizer Franken)

Stand: Juni 2019; Quelle: SIX Swiss Exchange

Etablierte OTC-Plattform

Für die gerade in diesem Bereich aktiven Trader gibt es seit ziemlich genau sieben Jahren eine Alternative. Im Mai 2012 ging Swiss DOTS an den Start. Unter diesem Label bietet der Onlinebroker Swissquote seinen Kunden seither eine Plattform für den ausserbörslichen Handel von Hebelpapieren (im Fachjargon Over-the-Counter, kurz OTC). Während zunächst nur Goldman Sachs und UBS auf Swiss DOTS präsent waren, nehmen mittlerweile drei weitere Emittenten teil. Auf der Anlegerseite haben neben den Swissquote-Kunden auch die E-Trading-Nutzer der Postfinance Zugriff auf das OTC-System.

Anders als die SIX Exchange publiziert der Broker keine regelmässigen Berichte zur Handelsaktivität. Gleichwohl zeigt sich die Bank mit der Entwicklung zufrieden. 2018 steigerte Swissquote als Ganzes den Nettokommissionsertrag um 16,8 Prozent auf 99,5 Millionen Schweizer Franken. »Zum guten Ergebnis haben der erfolgreiche Handel mit derivativen Produkten über Swiss DOTS sowie der Handel mit Kryptowährungen beigetragen«, schreibt das Unternehmen in einer Medienmitteilung.

Durchwegs positiv fällt das Feedback der Commerzbank-Kunden zu der OTC-Plattform aus. Seit September 2014 ist die Emittentin mit ihrer Vielfalt an Hebelprodukten auf Swiss DOTS vertreten. Derzeit stammt jedes vierte dort kotierte Derivat aus der Feder der Commerzbank. Beim Anschluss an Swiss DOTS stand der Servicegedanke im Vordergrund. Seien es längere Handelszeiten, Pauschalgebühr oder unterschiedliche Ordermöglichkeiten: Gerade die Trader finden auf der Jagd nach kurzfristigen Renditen bei Swiss DOTS gute Bedingungen vor. Allerdings kann nicht verschwiegen werden, dass der Nutzerkreis geschlossen ist.

Commerzbank macht den Anfang

Dagegen steht deriBX grundsätzlich allen Schweizer Banken offen. Nicht nur deswegen sieht die Commerzbank in dem neuen Segment eine weitere Gelegenheit, den Markt für strukturierte Produkte zu beleben und einmal mehr aktiv an dessen Gestaltung mitzuwirken. Als europaweit führende Emittentin bringt sie zudem jede Menge Erfahrung und technische Schlagkraft mit, um den Anlegern auch auf deriBX eine hohe Handelsqualität zu bieten.

Vor diesem Hintergrund lag es geradezu auf der Hand, dass die Commerzbank beim offiziellen Startschuss des neuen Segments dabei war. Mitte Mai hat sie als erste Emittentin Hebelprodukte auf deriBX handelbar gemacht. Einen Monat nach dem Auftakt war die Commerzbank bereits mit annähernd 11.000 Derivaten auf dem Segment aktiv. Nach und nach soll dieser Fundus auf 20.000 Stück anwachsen. Nachdem schon jetzt Warrants und Knock-Out-Produkte zur Verfügung stehen, wird die Commerzbank auch noch Faktor-Zertifikate auf deriBX lancieren. Schon jetzt stossen Anleger auf eine breite Palette an Basiswerten. Der Fundus reicht von Indizes und Aktien aus Europa, den USA sowie Asien bis zu Edelmetallen, Energieträgern und Volatilität (siehe Grafik 3). Der Schritt in Richtung deriBX stellt übrigens keinen Nachteil für Swiss DOTS-Nutzer dar. Sämtliche Produkte sind auf beiden Portalen handelbar, die Commerzbank setzte jeweils ein Dual-Listing um.

Grafik 3: Commerzbank-Produkte auf deriBX nach Basiswerten
(in Stückzahlen)

Stand: Juli 2019; Quelle: Commerzbank AG

Grundsätzlich läuft der Handel auf dem neuen BX Swiss-Segment ab wie an der SIX Exchange, also kursgetrieben. Allerdings haben die Initiatoren dieses Marktmodell um eine Besonderheit erweitert. Über eine sogenannte Last-Look-Funktion kann der Emittent eine Order stornieren. Die Kritik, wonach diese Praxis ein Nachteil für Trader sein könnte, lässt Harald Schnabel nicht gelten. »Allein schon aus Wettbewerbsgründen wird ein Emittent nur dann von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, wenn die Gefahr des Missbrauchs besteht«, erklärt er. Beispielsweise könnten findige Marktteilnehmer, Schnabel spricht von »schwarzen Schafen«, versuchen, einen Informationsvorsprung zu nutzen. Dann droht ein Kurs, der nicht dem fairen Wert des jeweiligen Produkts entspricht (Arbitrage) und zulasten des Emittenten gehen kann.

Handelsqualität im Fokus

Das für Market Maker positive Modell bringt auch den Investoren Vorteile. Zum einen verspricht deriBX enge Spreads. Neben der Differenz von Geld- und Briefkurs spielen die Sizes eine wichtige Rolle. Darüber hinaus schreibt sich deriBX eine hohe Preis-Availibility auf die Fahnen. Schliesslich kommt es für die Trader gerade in hektischen Börsenphasen entscheidend darauf an, verlässliche Konditionen und ausreichend Volumen vorzufinden. Sei es der Handelsstreit zwischen den USA und China, die endlose Brexit-Diskussion oder das permanente Rumoren in Nahen Osten: An potenziellen Störfeuern herrscht im derzeitigen Börsenumfeld wahrlich kein Mangel.

Neben Qualität verspricht sich die Commerzbank von deriBX eine weitere Erhöhung der Dynamik im Markt für strukturierte Produkte. Das Preismodell des neuen Spielers macht es möglich, die Produktauswahl noch einmal zu verfeinern und damit die Vielfalt für die Anleger zu erhöhen. Ausserdem verdeutlicht die Initiative den rasanten technologischen Wandel des Geschäfts: deriBX setzt die neueste Generation an Handelsinfrastruktur ein. Zwar wird die BX Swiss damit die Schweizer Börsenlandschaft nicht komplett auf den Kopf stellen. Sie trägt jedoch pro-aktiv dazu bei, dass Privatanleger genau so wie Pensionskassen oder Vermögensverwalter am Markt für strukturierte Produkte noch mehr Auswahl, Flexibilität und nicht zuletzt Wettbewerb vorfinden.

Auf einen Blick: SIX Exchange, deriBX und Swiss DOTS im Vergleich

Die Tabelle unten zeigt wichtige Parameter für den Handel von strukturierten Produkten auf den beiden regulierten Börsenplätzen deriBX und SIX Swiss Exchange sowie der OTC-Plattform Swiss DOTS.

Tabelle 1: SIX Exchange, deriBX und Swiss DOTS im Vergleich

 SIX Structured ProductsderiBXSwiss DOTS
BetreiberSIX Swiss Exchange AGBX Swiss AGSwissquote AG
Handelszeiten9.00–17.15 Uhr9.00–17.30 Uhr8.00–22.00 Uhr
Gesetzliche HandelsüberwachungJaJaNein
MarktmodellQuote-DrivenQuote-DrivenQuote-Request
Emittenten221 (weitere in Vorbereitung)5
Anzahl Produkte39.52511.00086.117

Stand: Juni 2019; Quelle: Commerzbank AG