MARKTSTIMMEN

Die Schweiz leistet stille Pionierarbeit für nachhaltige Kapitalmärkte

Die Finanziers und Fintech-Unternehmer des Landes entwickeln neue Ideen, welche zur globalen Evolution eines nachhaltigen Finanzwesens beitragen.
03.08.2021 15:50
Eva Mara Hintner, Country Head Schweiz bei Columbia Threadneedle Investments

Zusammen mit den unberührten Alpen stellt das Finanzwesen das Aushängeschild der Schweiz dar. Die Banken und insbesondere die Vermögensverwalter des Landes sind bekannt dafür, ihr Finanz-Know-how durch ihre Beratungsleistungen für die Vermögenden der Welt rund um den Globus zu exportieren. Im 20. Jahrhundert wurde die Schweiz dank ihres unermüdlichen Einfallsreichtums bekannt für ihr Bankgeheimnis und Hedgefonds. Heute lenken die Finanziers und Fintech-Unternehmer des Landes ihre Aufmerksamkeit indes auf die Entwicklung eines nachhaltigen Finanzwesens.

Dies geschieht zum Teil aus der Not heraus, angesichts der immer stärkeren Regulierung in Bezug auf nachhaltiges Finanzwesen sowohl in der Schweiz als auch in ihren Exportmärkten. Gleichzeitig sind viele Private-Banking- und Vermögensverwaltungskunden auch äußerst versierte Investoren und Philanthropen. Für sie stellt nachhaltiges Finanzwesen in seinen verschiedenen Formen eine logische Erweiterung ihrer bestehenden Tätigkeit dar. 

Die Regierung ermutigt Finanzdienstleister

Da rund 10% des Bruttoinlandsprodukts auf die Finanzbranche entfallen, ermutigt die Schweizer Regierung lokale Banken, Vermögensverwalter und Versicherer dazu, diese Entwicklung schnell aufzugreifen. Die Regierung ist sehr daran interessiert, dass die Schweizer Finanzbranche wettbewerbsfähig bleibt und zum erklärten Ziel des Landes, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, beiträgt. Aus diesem Grund hat der Schweizer Bundesrat Ende 2020 einen dreigleisigen Ansatz vorgestellt, mit dem das Land zu einem führenden Zentrum für nachhaltiges Finanzwesen avancieren soll.

Zum einen muss das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen bis zum Herbst 2021 Änderungsvorschläge für die Gesetze zur Verhinderung von „Greenwashing“ vorlegen. Zum anderen empfahl der Bundesrat, dass die Finanzmarktakteure ihre Methoden und Strategien zur Berücksichtigung von Klima- und Umweltrisiken bei der Verwaltung von Kundenvermögen offenlegen. Darüber hinaus müssen die Unternehmen in allen Sektoren die Empfehlungen der Taskforce on Climate-related Financial Disclosures umsetzen, da die gesamte Wirtschaft transformiert werden muss.

Nachhaltige Geldanlage wächst sehr dynamisch

Das Thema Nachhaltigkeit gewann bereits vor dieser Ankündigung an Dynamik. Der Swiss Sustainable Investment Market Study 2020 zufolge stieg der Wert nachhaltiger Anlagen 2019 um beinahe zwei Drittel (62%) auf 1,2 Billionen Schweizer Franken – dies entspricht etwa einem Drittel des lokal verwalteten Vermögens. Obschon die Mittelflüsse für 2020 noch nicht veröffentlicht wurden, dürfte sich das Wachstum beschleunigt haben, falls es die internationalen Trends nachbildet, denn das zunehmende 

Bewusstsein für ökologische und soziale Belange beflügelt die Mittelzuflüsse in nachhaltige Anlagefonds rund um den Globus.

Neben dem Bankwesen und der Vermögensverwaltung ist die Schweiz auch ein internationales Versicherungszentrum. Wie ihre Mitbewerber in aller Welt stehen die Versicherer des Landes unter Druck, ökologische, soziale und Governance-Risiken (ESG-Risiken) zu mindern und gleichzeitig mit den Unternehmen, in die sie anlegen, in einen Dialog zu treten, um deren Praktiken bei Bedarf zu verbessern.

Versicherer sind globale Branchenvorreiter

Die bekanntesten Schweizer Versicherungsunternehmen, Zurich und Swiss Re, positionierten sich im Versicherungs-/Rückversicherungssegment der Dow Jones Sustainability-Indizes auf dem 1. bzw. 5. Platz. Darüber hinaus berücksichtigen laut dem Nachhaltigkeitsbericht des Schweizer Versicherungsverbands beinahe neun von zehn (86%) Schweizer Versicherern ESG-Kriterien bei ihren Anlageentscheidungen.1

Gleichwohl kann das Land nicht den Anspruch erheben, in allen Bereichen des nachhaltigen Finanzwesens führend zu sein. Beispielsweise sind an der SIX Swiss Exchange nur rund 40 nachhaltige Anleihen notiert, davon gerade mal die Hälfte am Primärmarkt.

Obschon das Land womöglich kein Zugpferd des nachhaltigen Finanzwesens darstellt, erweisen sich einige seiner agileren Unternehmen im Hinblick auf die Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit als ebenso innovativ wie in früheren Epochen. So kündigte die UBS 2020 zum Beispiel an, nachhaltige Anlagen zur Standardlösung für Privatkunden rund um den Globus machen zu wollen. Damit war sie das erste große Finanzinstitut weltweit, das sich zu diesem Schritt entschloss. Darüber hinaus verfügt die Bank mit ihrer UBS Optimus Foundation über einen innovativen Akteur im Bereich Soziales Finanzwesen (Social Finance), in dem Philanthropie und nachhaltige Anlagen zusammenlaufen. Die Stiftung nimmt eine Führungsrolle in Bezug auf Development Impact Bonds (DIBs) im Bildungs- und Gesundheitsbereich ein. Mit dem 2018 lancierten Quality Education India DIB sollen die Lernqualität und die Alphabetisierung in Indien verbessert werden. Im ersten Jahr nach Auflegung wurde bereits eine Verbesserung um 30% an teilnehmenden Schulen in den Bundesstaaten Delhi und Gujarat verzeichnet.

Fintechs entwickeln innovative Lösungen

Ein weiterer Innovationsbereich sind die grünen Fintech-Unternehmen der Schweiz, die aus kleinen Anfängen heraus rasant wachsen. Sie sind in einer breiten Palette von Bereichen tätig, die von grünen Finanzprodukten über die Analyse von ESG-Daten bis hin zu Versicherungslösungen mit Bezug zum Klimawandel reichen.

Ein anschauliches Beispiel hierfür ist Yova2, das Investitionen über eine digitale Plattform bietet und so eine Kombination von Nachhaltigkeit und attraktiven Erträgen anstrebt. Der CEO des Unternehmens, Tillmann Lang, wird auf der Webseite von Finance Swiss mit folgenden Worten zitiert: „Menschen kaufen Bio-Lebensmittel, umweltfreundliche Bekleidung sowie grünen Strom und steigen vom Flug- auf den Schienenverkehr um ... Also wollen sie auch nachhaltig anlegen. Leider gibt es nicht sehr viele gute Finanzlösungen für diejenigen, die mit ihren Investments wirklich etwas bewegen wollen. Yova wurde mit dem Ziel gegründet, auch ,normalen‘ Menschen nachhaltige Anlagelösungen zu bieten.“

Recht viele grüne Schweizer Fintech-Unternehmen sammeln und analysieren ESG-Daten. Beispielsweise ist RepRisk führend in der Anwendung von Machine Learning bei ESG-Daten. Ein weiterer Beleg für die Fortschritte der hiesigen Fintech-Unternehmen ist das vom Swiss Fintech Innovation Lab im Jahr 2020 in Zusammenarbeit mit der Stanford University gegründete Global Centre for Sustainable Digital Finance.

Schweizer Finanziers exportieren nachhaltige Ideen

Insofern mag die Schweiz vielleicht nicht das bekannteste Land für nachhaltiges Finanzwesen sein. Aber ihre Finanzinstitute und Fintech-Unternehmen leisten im Stillen Pionierarbeit für einen nachhaltigen Umgang mit Geld. Und die Versicherer des Landes sind ihren Mitbewerbern offenbar einen Schritt voraus. So wartet das Land im Zuge des Übergangs zu einem nachhaltigen Finanzwesen mit neuen Ideen auf, von denen einige auch andernorts umgesetzt werden könnten. 

Schweizer Finanziers exportieren ihre Ideen also nach wie vor – und üben so Einfluss über die Berge des Landes hinaus aus, die ein Sinnbild für unberührte Natur darstellen.
 

1 SVV Nachhaltigkeitsbericht 2019, 5. Juni 2020

Die Nennung bestimmter Unternehmen stellt keine Kaufempfehlung dar.