Megadeals rufen Anleger auf den Plan

Der M&A-Markt verzeichnete in den vergangenen Jahren kräftiges Wachstum. Zwar flaute der globale Boom im ersten Semester 2016 etwas ab, niedrige Finanzierungskosten und prall gefüllte Unternehmenskassen sprechen jedoch dafür, dass auch in Zukunft spektakuläre Fusionen und Übernahmen für Aufsehen sorgen.
25.10.2016 17:05
Marc Pribram, Derivatives & ETFs Public Distribution, Commerzbank

Mit einem Alter von knapp 16 Jahren zählt Syngenta zu den "Jungspunden" im Swiss Market Index (SMI). Am 13. November 2000 ging das Basler Unternehmen aus der Fusion von Novartis Agribusiness mit dem Agrogeschäft von AstraZeneca hervor. So wie es aussieht, wird der Konzern in seiner jetzigen Form die Volljährigkeit nicht erreichen. Bis Ende des Jahres möchte ChemChina die Übernahme von Syngenta unter Dach und Fach bringen. Das Staatsunternehmen aus dem Reich der Mitte legte Anfang Februar ein insgesamt 46,7 Milliarden US-Dollar schweres Angebot für das SMI-Mitglied vor. Noch bis zum 8. November haben die Syngenta-Aktionäre Zeit, die 480 Schweizer Franken je Anteilschein (inklusive einer Sonderdividende) betragende Offerte anzunehmen. Aus regulatorischer Sicht hat die Transaktion bereits im August eine zentrale Hürde genommen: Der US-Regierungsausschuss zur Kontrolle von Auslandsinvestitionen gab grünes Licht.

Das Werben von ChemChina um den führenden Anbieter von Pflanzenschutzmitteln steht in mehrerlei Hinsicht exemplarisch für die jüngste Entwicklung auf dem globalen M&A-Markt. Vor dem Hintergrund gut gefüllter Unternehmenskassen und rekordniedriger Zinsen brummt das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen, im Fachjargon Mergers & Acquisitions (M&A). Laut Zahlen des Beratungsunternehmens Dealogic durchbrach das weltweite Volumen im vergangenen Jahr die Schallmauer von 5 Billionen US-Dollar (siehe Grafik 1). Damit wurde der Rekordwert aus dem Jahr 2007 (4,61 Billionen US-Dollar) um nahezu ein Zehntel übertroffen. Vor allem auf US-Unternehmen haben es die Käufer abgesehen. In der weltgrössten Volkswirtschaft beheimatete M&A-Ziele brachten es 2015 auf ein Volumen von 2,47 Billionen US-Dollar. Das entsprach nicht nur einem Wachstum von 59 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig standen die USA für 49 Prozent des globalen Markts – der höchste Anteil seit 1998 (65 Prozent).

Grafik: Globale Kauflaune

Fusionen und Übernahmen: weltweites Volumen in Billionen US-Dollar

Stand: August 2016; Quelle: Dealogic

Konsolidierung im Agrochemiesektor

Im ersten Halbjahr 2016 flaute der Boom etwas ab. Dealogic taxiert das weltweite M&A-Volumen auf 1,71 Billionen US-Dollar, 18 Prozent weniger als im ersten Semester 2015. Markus Wallner, Analyst bei Commerzbank Research, führt den Rückgang in erster Linie auf die Schwäche des Aktienmarkts zurück. "Steigende Kurse waren in der Vergangenheit die wichtigste Voraussetzung für eine zunehmende M&A-Aktivität", erklärt der Experte. Neben dem eingangs erwähnten ChemChina-Syngenta-Deal ragt eine weitere Transaktion im Agrochemiesektor heraus (siehe Tabelle). Am 23. Mai legte Bayer ein 62 Milliarden US-Dollar schweres Übernahmeangebot für Monsanto auf den Tisch.

Agrochemiesektor ragt heraus

Fusionen und Übernahmen: die grössten Transaktionen im ersten Halbjahr 2016

Datum der Ankündigung Übernahmeziel Branche Käufer Volumen (in Mrd. USD)
23.05.2016 Monsanto Agrochemie Bayer 66,0
03.02.2016 Syngenta Agrochemie ChemChina 46,7
28.04.2016 St. Jude Medical Healthcare Abbott Laboratories 30,6
13.06.2016 LinkedIn Social Media Microsoft 28,1
25.01.2016 Tyco International Brandschutz Johnson Controls 16,6

Stand: August 2016; Quelle: Dealogic

Zunächst zeigte der US-Saatguthersteller dem deutschen Pharma- und Chemiekonzern die kalte Schulter. Das änderte sich, nachdem Bayer die Offerte scheibchenweise aufstockte. Ursprünglich hatte das DAX-Schwergewicht 122 US-Dollar je Aktie aufgerufen. Das "O.K." des Monsanto-Managements erhielten die Deutschen, nachdem sie 128 US-Dollar für jeden Anteilschein offerierten. Darüber hinaus einigten sich die Verhandlungspartner auf eine sogenannte "Break-up Fee": Sollten die Kartellbehörden die nötigen Freigaben für die Übernahme nicht erteilen, überweist Bayer 2 Milliarden US-Dollar an Monsanto. Im Erfolgsfall würde der Deal einige Superlative schreiben. Nicht nur, dass es sich um die bisher volumenstärkste Übernahme im Agrarchemiesegment handelt. Ausserdem zeichnet sich die grösste grenzüberschreitende M&A-Transaktion in den USA ab. Bisher hielt diesen Rekord BP. Im August 1998 verkündete der britische Energiekonzern eine 64,3 Milliarden schwere Fusion mit dem US-Konkurrenten Amoco.

Chinesen auf Einkaufstour

Neben dem US-Fokus verfestigte sich im ersten Halbjahr trotz rückläufiger Gesamtvolumen ein weiterer Trend am globalen M&A-Markt, der immense Übernahmehunger chinesischer Unternehmen. Nicht zuletzt die ChemChina-Offerte für Syngenta sorgte dafür, dass Gesellschaften aus dem Reich der Mitte im ersten Semester Auslandszukäufe in einem Volumen von mehr als 135 Milliarden US-Dollar ankündigten. Diese Summe übertrifft laut Dealogic sämtliche bis dato festgestellten Gesamtjahreswerte. Markus Wallner rechnet damit, dass der Trend anhält. Seiner Ansicht nach sind chinesische Unternehmen weiter aufgefordert, technologisches Know-how einzukaufen. "Das heisst, sie sind strategische Käufer, die eher unabhängig von Bewertung und Verlauf des Aktienmarkts handeln", erklärt der Commerzbank-Analyst. Er verweist zudem auf die teils hohen Kassenbestände chinesischer Unternehmen. Als Beispiel nennt er die Mitglieder des Hang Seng Mainland-Aktienindex. Zum Ende des Geschäftsjahres 2015 türmten sich in deren Bilanzen Barmittel von insgesamt 220 Milliarden US-Dollar auf.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Investoren rund um den Globus das Geschehen auf dem M&A-Markt weiterhin mit Argusaugen beobachten dürften. In diesem Bereich bieten sich interessante Anlagechancen. Zurück zum Beispiel Syngenta: Seit der heimische Konzern die Offerte aus China Anfang Februar publik machte, verteuerte sich der Large Cap um annähernd ein Zehntel. Für den SMI ging es im Vergleichszeitraum lediglich um knapp 1 Prozent nach oben. Gleichwohl scheinen die Anleger noch nicht vom Erfolg der Übernahme überzeugt zu sein. Ende September notierte die Syngenta-Aktie rund 12 Prozent unter dem Angebotspreis.

Im Falle von Monsanto fällt der Discount noch grösser aus. Das S&P 500-Mitglied bewegt sich mehr als ein Fünftel unter den von Bayer gebotenen 128 US-Dollar je Aktie. Vor allem in den USA könnten sich laut einer Reuters-Meldung kartellrechtliche Hürden auftun. Die Nachrichtenagentur beruft sich auf Experten, welche wiederum auf Überlappungen im Saatgutgeschäft, insbesondere bei Sojabohnen, Baumwolle und Raps, hingewiesen hätten.

Möglicherweise geht die Skepsis unter Investoren auch auf die zuletzt gescheiterten M&A-Transaktionen zurück. Thomson Reuters hat errechnet, dass 2016 (per 15. September) Deals in einem Volumen von 682 Milliarden US-Dollar zum Erliegen kamen. Damit könnte bis Silvester der Rekordwert von 923 Milliarden US-Dollar aus dem Jahr 2007 übertroffen werden. Weltweit haben die Aufsichtsbehörden laut Reuters die Prüfung von Fusionen und Übernahmen verstärkt. Zu den grössten und bekanntesten Transaktionen, die zuletzt geplatzt sind, zählt die Fusion des US-Pharmariesen Pfizer mit dem irischen Botox-Hersteller Allergan. Pfizer begründete die Absage der 160 Milliarden US-Dollar schweren Akquisition mit verschärften US-Steuergesetzen.

Streit mit offenem Ausgang

Eine regelrechte Übernahmeschlacht mit offenem Ausgang spielt sich in der Schweiz seit Dezember 2014 ab. Damals wurde bekannt, dass Saint-Gobain nach der kontrollierenden Stimmenmehrheit beim Klebstoffspezialisten Sika greift. Dazu wollte der französische Baustoffriese ein Paket der Familie Burkard-Schenker kaufen. Sie hält zwar lediglich rund 16 Prozent sämtlicher Aktien, verfügt jedoch aufgrund der Einteilung des Kapitals in Namens- und Inhaberaktien über mehr als die Hälfte der Stimmrechte. Das Management lehnt die Offerte vehement ab und spricht von einer feindlichen und unsinnigen Transaktion. "Die Pläne von Saint-Gobain sind nicht gut für Sika", erklärte Konzernchef Jan Jenisch im September auf einer Investorenveranstaltung. Sollten die Franzosen erfolgreich sein, würde das Top-Management geschlossen zurücktreten. "Sie würden unsere Wachstumspläne durchkreuzen und dafür stehe ich nicht zur Verfügung", machte Jenisch deutlich.

Als Gegenmittel möchte das Management die Stimmrechte der Gründerfamilie beschränken. Mit der Frage, ob diese Massmahme rechtens ist, beschäftigt sich mittlerweile das Zuger Kantonsgericht. Noch im vierten Quartal soll ein Urteil fallen, der Streit könnte dennoch weitergehen. Beobachter erwarten, dass die unterlegene Partei den Entscheid an das Bundesgericht bringen wird. Operativ kann der Übernahmezank dem Unternehmen offenbar nichts anhaben. Im ersten Semester verbuchte Sika ein Umsatzwachstum von 7,6 Prozent. Den Gewinn steigerte der Bauchemiekonzern überproportional um ein Viertel, entsprechend stark sieht die Kursbilanz aus. Im bisherigen Jahresverlauf verteuerte sich der Mid Cap bis dato um nahezu ein Drittel.

Einen Schuss Übernahmephantasie bringt mit Actelion ein weiterer Highflyer des heimischen Aktienmarkts mit. Für Europas grössten Biotechkonzern steht 2016 bis dato ein Kursplus von 20 Prozent zu Buche. In der Vergangenheit kamen immer wieder Gerüchte auf, wonach Konkurrenten ein Auge auf das Basler Unternehmen geworfen haben. Sollten sie sich eines Tages bewahrheiten, könnte der SMI einen weiteren Jungspund verlieren. Wobei die Ende 1997 gegründete Actelion – im Gegensatz zu Syngenta – die Volljährigkeit bereits erreicht hat.