Schwellenländermärkte stehen vor dem Turnaround

Die Schwellenländermärkte litten nochmals unter Kapitalabflüssen, als chinesische A-Aktien von Mehrjahreshöchstständen eingebrochen waren.
27.01.2016 10:47
Joanne Irvine, Head of Emerging Markets Ex Asia, Aberdeen Asseet Management

Ein Grossteil der schlechten Nachrichten einschliesslich Währungsschwäche, niedrige Rohstoffpreise und Wachstumsverlangsamung sollte inzwischen bei den Schwellenländermärkten verdaut sein. Daher dürfte die allmähliche Anhebung der Zinsen durch die US-Notenbank die Stimmung nicht wesentlich belasten. Auf jeden Fall können die Schwellenländer dank besserer Handelsbilanzen und höherer Devisenreserven die Zinswende mittlerweile besser abfedern als in den Tagen des so genannten taper tantrums (Beendigungs-Koller) im 2013.

Ist jetzt angesichts der stark gesunkenen Bewertungsniveaus auf breiter Front ein guter Einstiegszeitpunkt für Anleger? Die Aktienkurse sind angemessen und die Märkte bieten Wertsteigerungspotenzial. Im Gegensatz zu den USA verfügen die Schwellenländer nur über wenige Wachstumsmotoren als Ergänzung ihrer Binnennachfrage. Wir sind zuversichtlich, dass diese Assetklasse vor allem in Asien wieder für Investoren attraktiv wird, wenn die Ansteckungsgefahr nachlässt, der Kreditzyklus wieder anspringt und die niedrigeren Energiepreise und höheren Ersparnisse positiv zu Buche schlagen.

Übergewichtung in drei Ländern

Innerhalb der Schwellenländermärkte haben wir Hongkong, Indien und Türkei übergewichtet. In Hongkong hat das Territorium börsenkotierte Unternehmen zu bieten, von denen vor allem diejenigen mit Exposure in China über breit gefächerte, regionale Geschäftstätigkeiten und darüber hinaus über bessere Rechnungslegungsstandards und eine stärkere Transparenz verfügen. In Indien beheimatet der Markt viele erstklassige Unternehmen. Die Kombination von Modi und Rajan schürt Hoffnungen auf eine Erholung der Wirtschaft. Die an der türkischen Börse kotierten Unternehmen sind gut geführt und weisen konservative Bilanzprofile auf. Viele sind auf den Inlandsmarkt fokussiert.

Untergewichtet sind wir in China, Korea und Taiwan. China bietet nach wie vor eine attraktive Wachstumsstory. Doch angesichts der schwachen Corporate Governance-Leistungen ist eine gründliche Due Diligence zur Identifikation der besten Unternehmen unumgänglich. Korea ist eine relativ reife Volkswirtschaft mit bekannten Marken wie Samsung und Hyundai. Die Dominanz der Chaebols bzw. der grossen Mischkonzerne kann die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beeinträchtigen. Ferner geben Massnahmen zur Verhinderung feindlicher inländischer Übernahmen Anlass zur Sorge. In Taiwan beheimatet der Markt mehrere attraktive Unternehmen, von denen ein Grossteil jedoch in zyklischen Branchen des mittleren Segments tätig ist. Darüber hinaus lässt die Transparenz an der Corporate-Front zu wünschen übrig.

Anlagethemen für 2016

Beim Portfolioaufbau legen wir keine Regionen-, Länder- oder Branchenvergleiche oder Anlagethemen zugrunde. Wir konzentrieren uns vielmehr auf erstklassige Unternehmen mit Managementriegen, deren Interessen mit unseren in Einklang stehen, die solide operative Erfolgsbilanzen vorweisen können und über robuste Geschäftsmodelle mit hohen Markteintrittsbarrieren verfügen. Deshalb besteht keine direkte Korrelation zwischen den Ereignissen in einer Region oder einem Land und unserer Anlageentscheidung.

Indien hat beispielsweise mit bürokratischen Hemmnissen und einer mangelhaften Infrastruktur zu kämpfen, verfügt gleichzeitig aber über einen dynamischen privaten Sektor mit zahlreichen gut geführten Unternehmen. Einige dieser Unternehmen zählen gemessen an ihrer Eigenkapitalrendite und ihrem Ertragswachstum zu den besten Akteuren der Region. Aus diesem Grund halten wir Beteiligungen an Unternehmen wie Infosys Technologies, Hero MotoCorp und ICICI Bank, da sie schlicht und einfach sehr leistungsfähig sind.

Probleme in den nächsten Monaten

Die Wachstumsverlangsamung in China wird auch in absehbarer Zukunft Anlass zur Besorgnis geben. Dies stellt ein Problem für Schwellenländer-Volkswirtschaften wie die Rohstoffexporteure Malaysia, Indonesien und Brasilien dar, die eine starke Abhängigkeit von der chinesischen Nachfrage aufweisen. Es werden weniger chinesische Touristen ins Ausland reisen, die Auslandsinvestitionen Chinas werden sinken und die chinesische Binnennachfrage wird sich abschwächen.

Die Folgen für Asien wären schwerwiegender, wenn die Volkswirtschaften in der Region nicht generell in besserer Verfassung wären als noch vor zwei Jahren. Die meisten grossen Volkswirtschaften weisen Leistungsbilanzüberschüsse auf und halten ansehnliche Devisenreserven. Und jene Länder, die 2013 durch den so genannten taper tantrum besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, haben inzwischen Abhilfemassnahmen ergriffen. Asien ist einfach besser aufgestellt, um Turbulenzen zu überstehen.

Sogar China hat trotz schrillender Alarmglocken angesichts der Entwicklung der Staatsobligationen und unproduktiven Staatsunternehmen die finanzielle Stärke, um eine „harte Landung“ seiner Wirtschaft zu vermeiden. Das Land, das Devisenreserven in Höhe von $ 3,5 Trillionen besitzt, verzeichnet möglicherweise gerade eine Wachstumsverlangsamung, ist von einem Crash aber noch meilenweit entfernt. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass das jährliche BIP-Wachstum Chinas noch immer bei rund 7% liegt – wobei die Sieben eine Glückszahl ist.