MARKTSTIMMEN

Zu früh für eine Entwarnung am Arbeitsmarkt

Kurzarbeit und Überbrückungskredite haben geholfen, die Arbeitslosigkeit während der Corona-Krise niedrig zu halten. Je länger die Pandemie aber dauert, desto stärker müssen Unternehmen ihre Kosten senken. Die Krise ist folglich noch nicht ausgestanden.
11.09.2020 15:30
Christoph Sax, Chefökonom, Migros Bank AG
Christoph Sax, Chefökonom, Migros Bank AG

Die neusten Arbeitsmarktzahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) zeigen: Die befürchtete Entlassungswelle ist bislang nicht eingetroffen. Die Arbeitslosenquote ist im August lediglich um 0,1 Prozentpunkte auf 3,3 Prozent gestiegen. Auf saisonaler Basis notiert sie unverändert bei 3,4 Prozent. Es wäre allerdings verfrüht, bereits von einer Stabilisierung der Arbeitslosigkeit auszugehen. Je nach Pandemieverlauf könnte die Arbeitslosenquote doch noch ein ähnliches Niveau erreichen wie während der Finanzkrise: 2009 notierte sie in der Spitze bei 4,4 Prozent.

Die Arbeitslosenquote ist gegenüber dem Vorjahr um 1,1 Prozentpunkte gestiegen

Die Nachfrage nach Kurzarbeitsentschädigung ist im Mai und Juni zwar erheblich gesunken. Dies ist jedoch hauptsächlich der Normalisierung nach dem «Lockdown» zu verdanken. Auf dem Höhepunkt im April befanden sich 1,3 Millionen Arbeitnehmende in Kurzarbeit, im Juni waren es nur noch 488'312. Dieser Wert dürfte nachträglich noch etwas angehoben werden, weil die Betriebe drei Monate Zeit haben, um ihre Abrechnungen einzureichen.

Die Inanspruchnahme der Kurzarbeit hat über den Sommer weiter abgenommen – allerdings bei Weitem nicht mehr so kräftig wie in Mai und Juni: Für den September hat das SECO Kurzarbeitsbewilligungen für immerhin noch 407’000 Beschäftigte bzw. 7,9 Prozent aller Arbeitskräfte erteilt. Auch wenn diese Bewilligungen kaum vollumfänglich in Anspruch genommen werden: Die Anzahl Beschäftigter in Kurzarbeit dürfte somit noch immer rund dreimal höher sein als in der akutesten Phase der Finanzkrise. 

Die Kurzarbeit hat im Mai und Juni deutlich abgenommen

Investitionstätigkeit bleibt gehemmt

Obwohl ein Grossteil dieser Unterbeschäftigung lediglich konjunkturelle Gründe hat und nicht dem Strukturwandel zuzuschreiben ist: Je länger die Durststrecke wird, desto mehr Unternehmen müssen Sanierungsmassnahmen umsetzen und Kosten senken. Die Arbeitslosenquote dürfte deshalb mindestens bis Frühling 2021 steigen. Zum einen sind einige Wirtschaftszweige noch weit von der Normalität entfernt (insbesondere die Gastronomie, die Hotellerie, die Kulturszene und die Reisebranche). Zum anderen belastet der ungewisse Ausgang der Pandemie die Investitionstätigkeit. 

So vermeldete die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) für das erste Halbjahr 2020 einen Rückgang der Exportaufträge um 19,5 Prozent im Jahresvergleich – wobei bereits die Vorjahreswerte nicht allzu erfreulich ausgefallen waren: Die Nachfrage nach Investitionsgütern befindet sich bereits seit Mitte 2018 im Sinkflug. Der Handelskonflikt und die Frankenstärke liessen die Exportaufträge einbrechen. In der MEM-Industrie gingen im zweiten Quartal 2020 bereits 3'200 Jobs verloren. Die neusten Industrieumfragen deuten zwar eine Bodenbildung bei der Nachfrage an: Der Industrie-Einkaufsmanagerindex (PMI) stieg im August über die Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Die Subkomponente zur Beschäftigung lässt jedoch auf einen anhaltenden Stellenabbau schliessen.

In der Schweizer Industrie sinkt die Beschäftigung

Ein Rennen gegen die Zeit

Wie es 2021 weitergeht, hängt stark von der Forschung ab. Rund um den Globus wird mit Hochdruck an Wirkstoffen gegen Covid-19 gearbeitet. Dabei kommen auch neuartige Verfahren zum Einsatz, welche die Entwicklungszeit verkürzen. Einzelne Präparate befinden sich bereits in der finalen klinischen Testphase. Es besteht somit Grund zur Hoffnung, dass schon bald ein Wirkstoff gegen Covid-19 vorliegen wird – vielleicht nicht hochwirksam im Sinne einer einmaligen Impfung, aber doch so effektiv, dass man schweren Erkrankungen vorbeugen oder diese therapieren kann. Dies würde eine vollständige Normalisierung des Wirtschaftslebens rechtfertigen. Bei diesem Szenario wird die Arbeitslosenquote kaum höher steigen als während der Finanzkrise – und ab Mitte 2021 wieder fallen.

Ein baldiger Forschungserfolg ist jedoch keinesfalls sicher. Üblicherweise besteht nur ein kleiner Bruchteil von Wirkstoffkandidaten alle klinischen Tests und wird letztlich zugelassen. Bisher dauerte es meist Jahre, in einigen Fällen sogar Jahrzehnte bis zur Zulassung. Lässt der medizinische Durchbruch bei Covid-19 auf sich warten, droht eine dauerhafte Unterauslastung der Wirtschaft und ein stärkerer Anstieg der Arbeitslosigkeit. Der historische Höchststand der Arbeitslosenquote von 5,7 Prozent im Februar 1997 läge in Reichweite.

Der Bund wäre in diesem Fall vermutlich gezwungen, die noch bestehenden Einschränkungen der Wirtschaft trotzdem zu lockern und die Durchseuchung der Bevölkerung stärker zuzulassen. Die Konsumentenstimmung und die Investitionsneigung würden sich in diesem Szenario jedoch nur zögerlich erholen. Es könnte zwei bis drei Jahre dauern, bis die Wirtschaftsleistung das Vorkrisenniveau wieder erreichen würde. Für eine Entwarnung ist es folglich noch zu früh, auch wenn die jüngsten Konjunkturdaten ermutigend ausgefallen sind.