Kolumne

Abstimmung vom 21. Mai - Das grüne Paradoxon

Am 21. Mai 2017 entscheidet das Schweizer Stimmvolk, ob das neue Energiegesetz angenommen wird. Die Ziele sind weitgehend unumstritten. Der Weg dahin umso mehr.
15.05.2017 01:05
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Das grüne Paradoxon

Während die Ziele des neuen Energiegesetzes, allen voran die Verringerung des Energieverbrauchs, die Erhöhung der Energieeffizienz sowie die Verbesserung der Energiesicherheit, weitgehend unumstritten sind, besteht hinsichtlich der Massnahmen grosser Dissens. Bundesrat und Parlament möchten diese Ziele in erster Linie durch strengere Abgasvorschriften, den Ausstieg aus der Kernenergie und die Förderung erneuerbarer Energien erreichen.

Die Gegner des neuen Energiegesetzes halten einen Ausstieg aus der Kernenergie für ungerechtfertigt und verweisen darauf, dass die Kernkraft im Vergleich mit erneuerbaren Energien deutliche Kostenvorteile aufweise und viel umweltverträglicher als Kohle- und Gaskraftwerke sei, da sie die Erdatmosphäre nicht mit Kohlendioxid belaste. Die Förderung erneuerbarer Energien und die Abgasvorschriften erhöhten zudem den Bürokratieaufwand. Zudem argumentieren die Gegner, dass Windräder und Solaranalagen nicht nur viel teurer als herkömmliche Energieträger seien, sondern auch die Landschaft nachhaltig zerstörten.

Erstaunlicherweise wird von den Gegnern des neuen Energiegesetzes ein viel grundlegenderer Nachteil der Förderung von Windrädern und Solaranlagen gar nicht ins Feld geführt. Wie der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn zeigt, ist die Förderung erneuerbarer Energien ein vollkommen ungeeignetes Instrument, um den CO2-Ausstoss zu verringern und damit den Klimawandel zu bremsen. Eine „grüne“ Energiepolitik führt laut Sinn nämlich nicht zu der gewünschten Reduktion, sondern zu einem Anstieg der weltweiten CO2-Emissionen. Man erreicht also genau das Gegenteil des angestrebten Ziels.

Die ökonomischen Zusammenhänge dieses Phänomens, das Sinn als grünes Paradoxon bezeichnet, lassen sich am besten verstehen, wenn man sich in die Situation der Besitzer fossiler Brennstoffvorkommen versetzt. Die Besitzer von Öl-, Kohle- oder Gasvorkommen müssen sich entscheiden, welche Menge ihrer vorhandenen Ressourcen sie wann aus dem Boden holen und am Markt verkaufen wollen. Diese Entscheidung wird von dem erwarteten Wertzuwachs der Ressourcenvorkommen und der aktuellen Kapitalmarktrendite bestimmt. Wenn der erwartete Wertzuwachs unter Berücksichtigung der Förderkosten unter der Kapitalmarktrendite liegt, werden die Besitzer ihre Ressourcen aus dem Boden holen, verkaufen und die Gewinne am Kapitalmarkt anlegen. Wenn der erwartete Wertzuwachs über der Kapitalmarktrendite liegt, werden sie ihre Ressourcen im Boden lassen.

Vor diesem Hintergrund hat nun eine „grüne“ Energiepolitik trotz guter Absicht genau die gegenteilige Wirkung: der Klimawandel wird nicht gebremst, sondern beschleunigt. Wenn die Besitzer fossiler Brennstoffvorkommen infolge einer Förderung erneuerbarer Energien in Verbindung mit einer Verschärfung der Abgasvorschriften sowie einer Erhöhung der CO2-Abgaben damit rechnen müssen, dass sich der künftige Wertzuwachs ihrer Ressourcen verringert, werden sie versuchen, ihre fossilen Brennstoffe schneller als geplant aus dem Boden zu holen, zu verkaufen und die erzielten Einnahmen am Kapitalmarkt anzulegen. Je schneller die fossilen Brennstoffe aus dem Boden geholt und verbrannt werden, desto schneller steigt die CO2-Belastung der Erdatmosphäre.

Wenn Hans-Werner Sinn mit seinem grünen Paradoxon Recht hat, dann ist eine „grüne“ Energiepolitik in mehrfacher Sicht schädlich. Da die erneuerbaren Energien viel zu teuer sind, um freiwillig eingesetzt zu werden, erfordert eine „grüne“ Energiepolitik hohe Subventionen. Diese Subventionen verdrängen nicht nur rentablere Energiequellen, sondern führen auch dazu, dass Windräder und Photovoltaik-Anlagen nicht mehr vorrangig dort eingesetzt werden, wo der stärkste Wind weht bzw. die meiste Sonne scheint, sondern dort, wo die Subventionen am grössten sind. Damit werden die Schwankungen bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien noch grösser und der Bedarf an kostspieligen Stromspeichern wächst drastisch. Vermutlich wären viele Menschen noch bereit, diese Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn hierdurch auf der anderen Seite der Klimawandel gebremst würde. Es macht aber keinen Sinn, erneuerbare Energien zu subventionieren, wenn durch diese Energiepolitik der Treibhauseffekt beschleunigt wird.