Kolumne

Ärzte: Manchmal ist weniger mehr

Je mehr Ärzte verfügbar sind, je grösser sind die Überlebenschancen: Diese Annahme ist falsch.
20.04.2015 02:00
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Ärzte: Manchmal ist weniger mehr
Bild: ZVG

Nehmen Sie an, dass Sie eines Tages einen Herzinfarkt bekommen werden. Falls Sie sich den Zeitpunkt des Herzinfarktes aussuchen könnten, würden Sie vermutlich einen Zeitpunkt wählen, an dem möglichst viele Ärzte verfügbar sind. Dabei gehen Sie von der Annahme aus, dass Ihre Überlebenschance umso grösser ist, je mehr Ärzte verfügbar sind und je schneller Sie behandelt werden. Diese Annahme ist falsch, wie eine im Februar 2015 veröffentlichte Studie belegt.

Anapum B. Jena von der Harvard University, Vinay Prasad von den National Institutes of Health sowie Dana P. Goldman und John Romley, beide von der University of Southern California, haben in einer umfangreichen Studie die Sterberate von Patienten untersucht, die in den USA im Zeitraum von 2002 bis 2011 während einer der beiden grossen jährlichen Kardiologenkonferenzen wegen akuter Herzprobleme in ein Universitätsspital eingeliefert wurden. Da die Top-Kardiologen von Universitätsspitälern aufgrund ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeiten regelmässig an den beiden wichtigsten Kardiologentreffen in den USA teilnehmen, sind die Forscher davon ausgegangen, dass die Mortalitätsrate während der Konferenz in diesen Spitälern höher ist als ausserhalb der Konferenzzeiträume.

Erstaunlicherweise bestätigen die Forschungsergebnisse genau das Gegenteil. Patienten, die unter  akuter Herzinsuffizienz litten, hatten eine um 7,3 Prozent höhere Überlebenschance, wenn sie während der Konferenz eingeliefert wurden. Bei Patienten mit Kreislaufstillstand war die Überlebenschance sogar um 10,3 Prozent höher. Diese Unterschiede sind sehr hoch, wenn man bedenkt, dass sie im Bereich des Wirkungsgrades der effektivsten Therapien auf diesem Gebiet liegen.

Die Forschungsergebnisse sind sehr stabil und gelten nur für Kardiologie-Patienten mit akuter Herzinsuffizienz und Kreislaufstillstand. Die Forscher konnten zeigen, dass Gastroenterologie-, Onkologie und Orthopädiekonferenzen keine nachweisbaren Auswirkungen auf die Sterberate von Herzpatienten und umgekehrt auch die Kardiologenkonferenzen keine Auswirkungen auf die Mortalitätsrate bei Magen-Darm-Blutungen oder Hüftfrakturen hatten.

Die Ergebnisse dieser Studie decken sich mit den Erkenntnissen, die man im Zuge von Ärztestreiks gewonnen hatte: Wenn Ärzte streiken, bleibt die Sterberate in den meisten Fällen entweder konstant oder sinkt. Offenbar gilt in einigen Bereichen der Medizin das Oxymoron "Weniger ist mehr".

 

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.