Kolumne

China will weniger «weisse Elefanten»

Wachstum ohne Rücksicht auf Verluste ist in China endgültig passé. Es geht jetzt vor allem darum, von der einseitigen Export- und Investitionsabhängigkeit wegzukommen.
29.04.2013 05:00
Peter Achten, Asienkorrespondent
China will weniger «weisse Elefanten»
Bild: ZVG

"Nur" 7,7% Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) verzeichneten die beamteten Statistiker Chinas fürs erste Quartal des laufenden Jahres. Weniger, hiess es in westlichen Wirtschaftsblättern, als die Analysten erwartet hatten. Knackige 8 Prozentpunkte hätten es nach Ansicht dieser Neunmalklugen sein müssen. Einige schwadronierten in ihren Börsen-Chinesisch schlecht geschriebenen Anlegerbriefen bereits von der "Gefahr einer harten Landung".  Kurzfristig zeigten Asiens Börsen nach Süden, um sich alsogleich wieder Richtung Norden zu bewegen.

Andrerseits wunderten sich viele, zumal in dem von massiven Schulden geschüttelten Old Europe, über ein Wachstum von "nur" siebenkkommasieben Prozent. Analysten schrieben sogar von einem "mageren" Resultat, obwohl, wie einer schrieb, Europa aber auch die USA von einer solchen Zahl nur träumen könnten. Solche Äusserungen zeugen nicht gerade von ökonomischem Sachverstand. Nun ja, die von Banken und Medien besoldeten Analysten vermeinen zwar das pekuniäre Gras wachsen zu hören, doch im Grunde genommen sehen sie kaum über die eigene, eng auf Quartals geeichte Messlatte hinaus und vergleichen, ohne rot zu werden,  Äpfel mit Pflaumen. Kaum verwunderlich, denn schliesslich sind - sprachlich betrachtet - Analysten ja auch keine Analytiker...

Chinas Zentralregierung, neu vom Führungsduo Parteichef Xi Jinping und Premier Li Kejiang gesteuert, ist ob den 7,7% nicht unglücklich. Premier Li, wie drei von sieben Mitgliedern des Ständigen Politbüro-Ausschusses studierter Ökonome, hatte kürzlich am Nationalen Volkskongress 7,5% als Ziel fürs ganze Jahr deklariert. 7,5% bis 8% ist im übrigen seit jeh eine magische Zahl. Sie wurde von Reformarchitekt Deng Xiaoping und dessen Wirtschaftsgenossen Chen Yun vor über 30 Jahren definiert als Minimum, um jährlich genügend Jobs für die Millionen und Abermillionen von auf den Arbeitsmarkt strömenden jungen Menschen zu schaffen.

Nach über dreissig Reformjahren allerdings ist die magische 7,5-Zahl aus einem ganz andern Grund hochwillkommen. Nach Jahrzehnten zweistelliger Wachstumsraten ging es in den letzten drei Jahren langsam aber sicher auf die jetzigen 7,7 Prozent zurück. Es war höchste Zeit. Denn China steht nach dem in der Weltgeschichte einmaligen Wachstum an einer Wende. "Nachhaltiges" Wachstum ist der modische Ausdruck dafür. Das tönt zwar gut, ist aber nur schwer und mit neuen, schmerzhaften Reformen zu haben.

Wachstum wie zuvor, also Wachstum ohne Rücksicht auf Verluste, ist endgültig passé. Es geht jetzt in einem ersten Schritt vor allem darum, von der einseitigen Export- und Investitionsabhängigkeit wegzukommen. Den Chinesinnen und Chinesen geht es heute zwar so gut wie noch nie in ihrer 3000-jährigen Geschichte. Nicht zu übersehen freilich sind auch die Nachteile des schnellen Wachstums. Die Kluft zwischen Arm und Reich sowie Stadt und Land wird immer grösser. Soziale Unruhen sind die Folge. Das Kapital wurde, weil von den Staatsbanken nach politischen Kriterien verteilt, nicht immer effizient investiert. Das gilt nicht zuletzt für die verganenen vier Jahre, als Peking nach der westlichen Finanz- und Wirtschaftskrise die eigene Volkswirtschaft 2008 mit einem 600-Millionen-Dollar-Mammutprogramm auf Kurs halten wollte. Resultat: Provinz- und Lokalregierungen investierten massiv in Infrastruktur, Prestigegebäude und ähnliches. Sehr oft wurden daraus, wie bereits früher, "weisse Elefanten". Ungenutzte oder wenig benutzte Schnellstrassen, Flughäfen, Wohntürme oder Eisenbahnlinien gehören dazu. Von Prestigebauten für die lokalen Mandarine in den hintersten Winkeln des Reichs der Mitte ganz zu schweigen.

Mehr privater Konsum heisst deshalb die Devise, die zur Wende führen soll. Zwar sind die Löhne der Arbeitenden heute höher, sie konnten aber nicht Schritt halten mit dem Wirtschaftswachstum. Der Konsum bleibt deshalb gedämpft, nicht zuletzt auch, weil das soziale Netz noch sehr weitmaschig ausgelegt ist. Erspartes wird für den Krankheitsfall und das Alter zurückgelegt. Während in den westlichen Industriestaaten oder einem Schwellenland wie Brasilien rund zwei Drittel des BIP durch privaten und öffentlichen Konsum generiert werden, sind es in China nur etwas über ein Drittel.

Viel Raum also zur Verbesserung. Mehr Innovation ist ebenfalls dringlich gefragt, um in der Export-orientierten Produktion die nächste Stufe der Wertschöpfung zu erklimmen. Sowohl pfleglicher Umgang mit den natürlichen Ressourcen als auch mehr Beachtung für eine saubere Umwelt sind weitere Forderungen im Rahmen "nachhaltiger" Entwicklung.

Institutionell bedarf es, wie sich bereits der ehemalige Premier Wen Jiabao wiederholt geäussert hat, dringlich einer Finanzreform mit dem Ziel einer effizienten, risikorelevanten Allokation von Kapital. "Das Monopol der Staatsbanken", sagte Wen letztes Jahr nur wenige Monate vor seinem Rücktritt, "muss gebrochen werden." Die politsche Kreditvergabe der grossen Staatsbanken hat zu einem turmhohen Schuldenberg der Provinzen und Kommunen geführt. Das Problem harrt mit zunehmender Dringklichkeit einer Lösung. Eine durchgreifende Bankenreform käme auch der Privatwirtschaft - mit 60 Prozent aller Jobs - zugute. Bislang mussten sich Privatunternehmer zu extrem hohen Zinsen im Untergrund-Banksystem finanzieren.

Schliesslich gehört, wie Staats- und Parteichef Xi Jinping in den letzten Monaten wiederholt mit Nachdruck gefordert hat, auch der Kampf gegen Korruption und überbordende Bürokratie zur neuen Reformdynamik. Das ist zwar nicht ganz neu, haben doch bereits Xi Jinpings Vorgänger Hu Jintao und Jiang Zemin Korruption als das "Krebsübel von Partei und Nation" verurteilt. Doch die ersten Monate der eben angebrochenen Aera Xi Jinping lassen jedenfalls hoffen: Die Zahl der Beamten wird verringert und der "Verschwendung" der Kampf angesagt. Hochrangige Kader werden derzeit auffällig oft wegen Korruption und Amtsmissbrauch vor Gericht gestellt.

Die Hoffnung der roten Mandarine in Peking: Weisse Elefanten - in Asien ein hochverehrtes Tier - soll es in China bald nur noch im Zoo zu bestaunen geben.

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.