Kolumne

Der Markt als Droge

An der Universität Bonn gibt es ein Center for Economics and Neuroscience CEN. Das könnte eine Vorbote einer intelligenten, also evolutionären Ökonomie werden.
12.10.2015 12:22
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Der Markt als Droge
Bild: ZVG

Das CEN wurde durch folgenden Versuch bekannt:

Phase 1: Du erhältst 10 Euro und kannst sie entweder behalten, oder damit einer  Labormaus das Leben retten. 46% liessen die Maus sterben.

Phase 2: Zwei Probanden handelten untereinander den Preis für ein Mäuseleben aus. 72 Prozent entschieden sich gegen die Maus.

Phase 3: Mehrere Teilnehmer waren an der Auktion beteiligt: 76 Prozent Exit.

In einem der Experimente des CEN wurde gezeigt, dass unfaire Lohnbedingungen die (vom Hirn gesteuerte) Herzfrequenz-Variabilität HFV senken.  Eine tiefe HFV signalisiert Stress und schadet der Gesundheit.

In anderen Experimenten wird erkundet, wie eigen- oder uneigennützig sich die Menschen bei unterschiedlichen Spielregeln verhalten. Das Ergebnis hängt stark davon ab, wie gut man sich kennt und ob die Spielregeln eine Möglichkeit vorsehen, Egoisten zu bestrafen. Und sei es auch nur mit einem bösen Blick. Auch diese Vorgänge hinterlassen ihre Spuren im Gehirn und in den Hormonen.

Das passt zu einem anderen wichtigen Ergebnis der Gehirnforschung. Danach dient der überwiegende Teil des Grosshirn dazu, unser soziales Verhalten zu steuern. Beziehungen zu steuern. Sozialer Schmerz (Trennung, Zurückweisung usw.) wird vom Gehirn genau gleich verarbeitet wird, wie physischer Schmerz. Damit zwingt uns die Evolution zur Solidarität.

Der Markt verstösst gegen Evolutionsregeln

All dies weckt einen schwerwiegenden Verdacht: Der Markt verstösst gegen die von der Evolution diktierten Regeln einer artgerechten Menschenhaltung.

Doch was wäre die Alternative? Der US-Ethnologe Alan Page Fiske hat sich genau diese Frage gestellt. Er unterscheidet vier typische Grundmuster der sozialen Interaktion beobachtet: Die (familiäre) Gemeinschaft des Community Sharing, die Hierarchie, den Tausch auf Gegenseitigkeit und als neuste Entwicklung den Austausch über Markt. Wie diese Grundformen im Gehirn programmiert sind, wird vermutlich bereits irgendwo erforscht. Wichtiger aber ist, dass Fiskes „soziale Grammatik“ Grammatik allmählich auch Einzug in die der ökonomischen Theorie hält: Die Hauptfrage wäre dann nicht mehr: Wie maximiere ich das BIP? Sondern: Mit welcher Kombination der vier Grundformen sichert die Menschheit das Überleben und optimiert ihr Wohlbefinden? Die beiden Zielgrössen sind übrigens identisch, denn die Evolution hat uns mit Glückshormonen, bzw. einem  Belohnungssystem ausgestattet, das  Überleben mit Freude verknüpft.

Zumindest in Normalfall. Es gibt aber auch Drogen, welche das evolutionäre Belohnungssystem aushebeln. Alkohol etwa, Heroin oder Fruktosesirup. Dass auch eine Überdosis Markt wie eine zerstörerische Droge wirkt, zeigen etwa die tiefen Geburtenraten in den kapitalistischen Ländern, die Zunahme von Übergewicht, Depressionen und Drogenkonsum, das Schuldenproblem, die Migrationsströme usw.

Soll man den Markt verbieten?

Soll man deshalb den Markt verbieten? Nein. Aber „„Wir müssen uns fragen, wo Märkte hingehören und wo nicht.“  Dieser Satz stammt aus einem Aufsatz des CEN-Leiters Armin Falk, der damit den politischen Philosophen Michael Sandel zitiert. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Ökonomie ursprünglich von einem politischen Philosophen begründet worden ist, nämlich von Aristoteles. Im ging es nicht um das optimale Funktionieren des Marktes, sondern um das gute Leben. Zu diesen Ursprüngen kehrt die Ökonomie jetzt –hoffentlich – zurück.

Konkret könnte diese evolutionäre Ökonomie* etwa folgendes heissen: Die Ökonomie erkennt erstens, dass Werte nicht nur gegen Bezahlung geschaffen werden, sondern etwa auch im Familienverband, Nachbarschaft usw. Zweitens: Das gute Leben hängt zwar auch  von Menge und Qualität der Produkte ab, vor allem aber von Lust oder Leid bei der Arbeit. Das wiederum wird durch Fiskes vier Grundformen bestimmt und kann – etwa anhand der Herzfrequenz- gemessen werden. Daraus ergibt sich drittens ein neues Optimierungsproblem: Die Marktwirtschaft hat zwar dank der extremen Spezialisierung Vorteile punkto Effizienz, hat aber erhebliche Nachteile, die nicht zuletzt dem, Verlust an räumlicher und sozialer Nähe geschuldet sind. Dazu ein paar Stichworte: Der Markt braucht viel mehr Kontrolle – Vorarbeiter, Justiz, Finanzsystem etc. Er erkennt Bedürfnisse nur, wenn dahinter eine monetäre Nachfrage steckt, er neigt dazu, Nachfrage mit Werbung künstlich zu schaffen. Community Sharing vermeidet diese Kosten weitestgehend, doch die sozialen Bindungen können auch als zu eng empfunden werden.

Die evolutionäre Ökonomie muss nicht bei Null beginnen. Sie kann sich nicht nur auf Aristoteles abstützen, sondern auch auf die sogennnten „Gender Ökonomen“, also auf Leute, vor allem Frauen, die bereits begriffen haben, dass auch nicht bezahlte Arbeit produktiv – und reproduktiv ist.

 

* Hat nichts mit der Evolutionsökonomik zu tun. Bei diesen in den Achtzigerjahren entstandenen Forschungsgebiet geht es bloss darum, den Wettbewerb der Unternehmen in Analogie zur darwinistischen Evolutionslehre als Überlebenskampf zu sehen. Der wesentliche Unterschied zu normalen Ökonomie beseht bloss daran, dass Überleben wichtiger ist als Gewinnmaximierung.

 

Mehr zu diesen Thema können Sie hier und hier lesen.

 

Mehr von Vontobel:

flassbeck-economics.de

blickamabend.ch

oekonomenstimme.org

Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».