Kolumne

Die Vorteile des Vollgeldes

Das Geldschöpfen aus dem "Nichts" der Geschäftsbanken birgt Risiken. Besser wäre eine Rückkehr zum staatlichen Geldschöpfungsmonopol. Die Vollgeld-Initiative verdient deshalb mehr Unterstützung.
17.03.2014 01:05
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Die Vorteile des Vollgeldes
Bild: ZVG

Die aktuelle Vollgeld-Initiative in der Schweiz hat berühmte Vorgänger. Die Grundidee stammt von Frederick Soddy, der 1921 den Chemienobelpreis erhielt, sich aber nicht nur mit naturwissenschaftlichen, sondern auch mit ökonomischen Fragestellungen beschäftigte und hierzu zwei Monographien veröffentlichte. Darin forderte er, das staatliche Geldmonopol wiederherzustellen, indem die Kreditgeldschöpfung der Geschäftsbanken ausgeschaltet wird.

Soddys Ideen wurden nach der Grossen Depression von führenden US-Ökonomen aufgegriffen und 1933 in einem Memorandum an den damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu Politikempfehlungen weiterentwickelt. In diesem Memorandum fordern die Verfasser, das Mindestreserve-System abzuschaffen und durch ein Vollreserve-System zu ersetzen. Dies bedeutet, dass alle Sichteinlagen durch eine Mindestreserve in Höhe von 100 Prozent gedeckt sein müssen. Damit sollte die Kreditgeldschöpfung der privaten Geschäftsbanken unterbunden und das staatliche Monopol der Geldschöpfung wiederhergestellt werden.

Der Chicago-Plan

Da ein Grossteil der Ökonomen, die dieses Memorandum unterzeichneten an der Universität von Chicago lehrten, wurden diese Forderungen als Chicago-Plan bekannt. Der Chicago-Plan spielte zwar eine wichtige Rolle bei der Bankengesetzgebung, letztendlich scheiterte aber eine Umsetzung der Vollreserve-Forderung am Widerstand der Bankbranche.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Finanzkrise und der Vollgeld-Initiative gewinnt der Chicago-Plan wieder an Aktualität. Jaromir Benes und Michael Kumhof vom Internationalen Währungsfond (IWF) haben die makroökonomischen Auswirkungen der Umsetzung des Chicago-Planes anhand eines wissenschaftlichen Modells für die USA untersucht und kommen zu erstaunlichen Ergebnissen.

Bei ihrer Analyse zeigen sie zunächst, welche Freiheiten Geschäftsbanken bei der Geldschöpfung haben. Entgegen der vorherrschenden Lehrbuchmeinung sind Banken laut Benes und Kumhof keine Finanzintermediäre in dem Sinne, dass sie zunächst von Sparern Kundeneinlagen bekommen und diese dann in Form von Krediten an Investoren weitergeben. Vielmehr verläuft der Prozess in umgekehrter Reihenfolge. Zuerst vergeben die Banken Kredite und schaffen damit Giralgeld, das dann anschliessend auf den Konten ihrer Kunden als Einlage erscheint. Damit liegt die Geldschöpfung weitestgehend in den Händen der Geschäftsbanken. Der Einfluss der Nationalbank ist begrenzt.

Zurück zum Staatsmonopol

Der Chicago-Plan sieht nun vor, das staatliche Geldschöpfungsmonopol wiederherzustellen. Die Kreditvergabe der Geschäftsbanken quasi aus dem „Nichts“ soll abgeschafft werden und alle Bankguthaben müssen durch eine Anhebung der Mindestreserveverpflichtung auf 100 Prozent voll gedeckt sein. Damit werden die Geschäftsbanken wieder zu echten Finanzintermediären, die zuerst Vollgeldeinlagen anwerben müssen, bevor sie diese Einlagen als Kredite verleihen können.

Dieses Vollgeld-System hat laut Benes und Kumhof sechs wesentliche Vorteile:

Erstens können durch das staatliche Geldschöpfungsmonopol Kreditzyklen viel besser kontrolliert und damit letztendlich vermieden werden.

Zweitens wird die Gefahr eines sogenannten Bank Runs eliminiert, da die Bankguthaben unabhängig von Kreditrisiken und damit sicher werden.

Drittens würde die öffentliche Verschuldung erheblich sinken, wenn die Nationalbank zumindest Teile der Reserveeinlagen, die sie von den Geschäftsbanken erhält, an den Staat weitergibt, der diese Einnahmen dann zum Schuldenabbau verwendet.

Viertens würde analog die private Verschuldung sinken, wenn die Nationalbank Teile ihrer Einnahmen in Form einer „Bürgerdividende“ an die Bevölkerung mit der Auflage ausbezahlt, diese Mittel zuvorderst für die Kredittilgung zu verwenden.

Fünftens wird das Bruttosozialprodukt gesteigert, weil durch den Abbau öffentlicher und privater Schulden das Zinsniveau sinkt, weil durch die staatlichen Erträge aus der Geldschöpfung die Steuern gesenkt werden können und weil weniger Ressourcen für die Kreditüberwachung erforderlich sind. Benes und Kumhof schätzen, dass die Wirtschaftsleistung der USA hierdurch langfristig um annähernd 10 Prozent gesteigert werden könnte.

Sechstens werden sogenannte Liquiditätsfallen vermieden, weil die Notenbank die verfügbare Geldmenge direkt ausweiten kann, ohne dabei auf die Bereitschaft der Geschäftsbanken, Kredite zu vergeben, angewiesen zu sein, und weil die Notenbank die Volkswirtschaft im Vollgeld-System auch durch negative Zinsen ankurbeln kann und somit in ihren Möglichkeiten durch keine effektive Zinsuntergrenze eingeschränkt ist.

Aufgrund dieser potenziellen Vorteile verdient die Vollgeld-Initiative mehr Unterstützung.

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.