Kolumne

Fussball-Business - Die Grasshoppers werden chinesisch

Warum investieren chinesische Unternehmen überhaupt in europäische Fussballklubs? Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es zwei mögliche Erklärungen.
20.04.2020 05:55
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Die Grasshoppers werden chinesisch

Am 9. April meldete der Schweizer Rekordmeister Grasshopper Club Zürich, dass die in Hongkong ansässige Champion Union HK Holdings Limited 90 Prozent der Anteile der Grasshopper Fussball AG erworben hatte. Die Interessen des Grasshopper Club Zürich an der Fussball AG sollen durch die Grasshopper Football Foundation als Minderheitsaktionär vertreten werden.

Die Champion Union HK Holdings Limited gehört der ehemaligen Nachrichtensprecherin Jenny Wang Jinyuan. Ihr Ehemann ist Guo Guangzhang, dessen Vermögen auf über 6 Milliarden Dollar geschätzt wird. Guo Guangzhang bezeichnet sich selbst als Chinas Warren Buffett. Ebenso wie Warren Buffett als CEO von Berkshire Hathaway lenkt auch Guo Guangzhang als CEO von Fosun International die Geschäfte einer grossen Holdinggesellschaft. Fosun besitzt neben zahlreichen Investment-, Asset Management und Immobiliengesellschaften unter anderem Anteile an Pharma- und Technologieunternehmen, Banken und Versicherungsgesellschaften sowie Rohstoffunternehmen. Fosun hat auch in das Tourismus- und Unterhaltungsgeschäft investiert. Beispielsweise wurde das französische Unternehmen Club Med im Jahre 2015 nach einem zweijährigen Bieterwettbewerb übernommen. Ebenfalls seit 2015 hält Fosun 25 Prozent an der kanadischen Cirque du Soleil.

2016 erwarb Fosun den englischen Traditionsklub Wolverhampton Wanderers. Zum Zeitpunkt der Übernahme spielte der Klub in der zweithöchsten englischen Profiliga. Bereits zwei Jahre später gelang die Rückkehr in die höchste Spielklasse. Dort belegen die Wolves derzeit den sechsten Tabellenplatz, einen Rang hinter Manchester United und zwei bzw. drei Ränge vor Tottenham und Arsenal. Zudem stehen die Wolves im Achtelfinal der Europa League. Dort trennte man sich im Hinspiel bei Olympiakos Piräus 1-1 bevor das Rückspiel wegen der Corona-Krise verschoben wurde.

Jenny Wang Jinyuan ist nach ihrer Karriere als Nachrichtensprecherin vor allem als Philanthropin in Erscheinung getreten. Sie ist eine der bekanntesten asiatischen Kunstsammlerinnen und leitet die Fosun Foundation, eine gemeinnützige Stiftung, die vor allem von der Fosun Group unterstützt wird. Da Frau Wang Jinyuan bislang kein Fussballfan war, erscheint es unwahrscheinlich, dass sie mit den Grasshoppers ihre Fussballleidenschaft ausleben möchte.

Vor diesem Hintergrund liegt die Vermutung nahe, dass Jenny Wang Jinyuan anstelle von Fosun International die Mehrheit an GC übernommen hatte, um eine Verletzung der UEFA Regel zur Integrität des Wettbewerbs zu vermeiden. Gemäss dieser Regel dürfen zwei Klubs, die demselben Eigentümer gehören, nicht gleichzeitig an einem europäischen Klubwettbewerb teilnehmen.

Aber warum investieren chinesische Unternehmen überhaupt in europäische Fussballklubs? Dieser Frage bin ich vor wenigen Jahren gemeinsam mit Yangyang Chen und Fang Zheng von der Zhejiang Universität sowie Johannes Orlowski von der Universität Zürich nachgegangen. Unsere Forschungsergebnisse wurden 2019 im International Journal of Sport Finance publiziert. Wir untersuchten insgesamt 12 Fälle, in denen chinesische Unternehmen in europäische Profiklubs investierten. Im Einzelnen ging es um die folgenden Profiklubs: Birmingham City, Aston Villa, Wolverhampton Wanderers, West Bromwich Albion, Reading, Southampton (alle England), Atlético Madrid, Granada (beide Spanien), Socheaux, AJ Auxerre (beide Frankreich) sowie Inter Mailand und AC Parma (beide Italien).

Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es zwei mögliche Erklärungen für die Investitionen chinesischer Unternehmen in europäische Profiklubs. Entweder ist der europäische Profifussball so profitabel, dass sich diese Investitionen allein aufgrund der erwarteten Gewinne lohnen oder die chinesischen Unternehmen versprechen sich durch den Besitz eines europäischen Profiklubs indirekte Vorteile für ihr eigentliches Kerngeschäft. Derartige Vorteile könnten beispielsweise in einer Steigerung des Bekanntheitsgrades, einem erleichterten Zugang zu den europäischen Absatzmärkten oder auch politischen Vorteilen in China bestehen. Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping ist ja bekanntermassen ein grosser Fussballfan und möchte China zur Fussballmacht machen. Deshalb könnten sich chinesische Unternehmen, die in den Fussball investieren, eine bevorzugte Behandlung durch politische Entscheidungsträger erhoffen.

Falls eine Investition in europäische Fussballklubs aus irgendeinem der genannten Gründe für chinesische Unternehmen vorteilhaft wäre, müsste ihr Aktienkurs positiv auf die Ankündigung dieser Investition reagieren. Wir konnten bei unserer Studie im Durchschnitt aller Fälle aber keine abnormalen Kursreaktionen identifizieren. Dabei haben wir das Zeitfenster um den Ankündigungszeitpunkt so gewählt, dass auch mögliche Insiderkäufe berücksichtigt werden.

Die Tatsache, dass der Kapitalmarkt die Ankündigung chinesischer Unternehmen, in europäische Fussballklubs zu investieren, nicht goutiert, kann nur zwei Ursachen haben. Entweder ist der Kapitalmarkt nicht vorausschauend genug oder die Investitionen sind wirtschaftlich gesehen uninteressant.

Übertragen auf die Übernahme der Mehrheit an der Grasshopper Fussball AG ergeben sich hieraus zwei Möglichkeiten. Die erste besteht darin, dass Jenny Wang Jinyuang das wirtschaftliche Potenzial der Grasshoppers überschätzt und eine Fehlinvestition getätigt hat. Sie würde sich damit in eine lange Liste von Investoren einreihen, die mit Investitionen in den Profifussball viel Geld verbrannt haben. Die andere Möglichkeit besteht darin, dass sie ein wirtschaftliches Potenzial erkannt hat, das andere nicht sehen. Es gibt nämlich tatsächlich Investoren, die mit dem Kauf von Profiteams ein Vermögen verdient haben. Der vermutlich erfolgreichste unter ihnen ist Jerry Jones. Er kaufte 1989 die Dallas Cowboys für 140 Millionen Dollar, deren Marktwert von Forbes 30 Jahre später auf 5.5 Milliarden geschätzt wird und die damit das wertvollste Profisportteam der Welt sind.

Allerdings lässt sich im American Football aufgrund der Gehaltsobergrenzen für Spielkader viel mehr Gewinn erwirtschaften als im europäischen Profifussball. In Europa steigen mit den Einnahmen zwangsläufig auch die Ausgaben, nicht selten sogar überproportional. Zudem gibt es im europäischen Profifussball viele Grossvereine wie Real Madrid oder den FC Barcelona, die als eingetragener Verein gar nicht daran interessiert sind, Profite zu erwirtschaften. Ihrem Vereinszweck folgend werden alle Einnahmen dazu benutzt, um mit einer möglichst starken Mannschaft den sportlichen Erfolg zu maximieren. Schliesslich gibt es noch superreiche Klubeigentümer, allen voran Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan (Manchester City) oder Katar (Paris Saint-Germain), die sogar bereit sind, mit dem Profifussball Milliardenverluste zu erwirtschaften, weil sie ganz andere Interessen als die Profiterzielung haben.

Vielleicht hofft Jenny Wang Jinyuan, dass sich der europäische Profifussball in Zukunft dem Modell der US-amerikanischen Profiligen angleichen wird. Wenn überhaupt, dann wäre dies aber mit Sicherheit noch ein langer Weg.

Da unmittelbar nach der Übernahme durch Frau Wang Jinyuan wichtige Managementpositionen durch ehemalige Kader der Wolverhampton Wanderers übernommen wurden, erhofft sich das Ehepaar Wang Jinyuan/Guangzhang offenbar eine Wertsteigerung durch Synergien zwischen beiden Klubs. Möglicherweise sollen die Grasshoppers als Talentschmiede ein Sprungbrett für Nachwuchsspieler sein, die noch nicht reif genug sind, um bei den Wolves in der Premier League zu spielen. Allerdings haben die Wolves wie alle Profiklubs eine eigene U-23 und U-18 Mannschaft, deren Hauptaufgabe ebenfalls die Talententwicklung ist.

Insgesamt ist es also sehr fraglich, ob sich die Übernahme für die chinesischen Investoren wirtschaftlich lohnen wird. Aus sportlicher Sicht dürfen die GC Fans allerdings hoffen. Die neuen Eigentümer möchten den Klub sicherlich möglichst schnell aus der Zweitklassigkeit herausführen.