Kolumne

Gender-Studie - Hochzeit statt Karriere

Solange Männer ihre Präferenzen nicht ändern, haben es heiratswillige Frauen schwer, Karriere zu machen.
03.12.2017 22:00
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Hochzeit statt Karriere

Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass Männer Partnerinnen bevorzugen, die geringere berufliche Karriereambitionen haben als sie selbst. Deshalb meiden Männer auch Frauen mit Eigenschaften, die auf ausgeprägte Karriereambitionen schliessen lassen, wie etwa ein hohes Bildungsniveau. Zudem ist es aus diesem Grund auch unwahrscheinlich, dass eine Ehefrau mehr als ihr Mann verdient. Falls doch, sinkt in der Regel die eheliche Zufriedenheit und die Scheidungsrate steigt. Beförderungen erhöhen die Scheidungsrate ebenfalls, aber nur bei Frauen, nicht bei Männern.

Frauen stehen damit vor einem Konflikt: Was karriereförderlich ist, beeinträchtigt die Chancen auf dem Heiratsmarkt. Wenn sich eine Frau bereit erklärt, Führungsaufgaben zu übernehmen und länger zu arbeiten, verbessert sie hierdurch ihre Karriereaussichten, zugleich verschlechtert sie mit ihrem beruflichen Engagement aber auch ihre Chancen auf einen Heiratsantrag. Da der Arbeitsplatz und das Berufsumfeld auch die Lebensbereiche sind, in denen sich die meisten Paare finden, ist es für Frauen zudem äusserst schwierig, ihre Karriereambitionen vor potenziellen Ehepartnern zu verbergen.

Bei Männern besteht dieser Konflikt nicht. Frauen bewundern erfolgreiche Männer und schätzen das Intelligenz- und Bildungsniveau ihres Partners, auch wenn es höher ist als ihr eigenes. Heiratswillige Frauen hingegen müssen sich gut überlegen, ob sie in Geschäftssitzungen das Wort ergreifen, energisch auftreten, Projektleitungen übernehmen und Fortbildungskurse besuchen. Selbst bei der Wahl der Kleidung, des Haarschnitts und des Make-ups sind bei Frauen die karriereförderlichen Signale für die Heiratsaussichten eher schädlich und umgekehrt.

Verzicht auf Lohnerhöhung

Vor diesem Hintergrund haben Leonardo Bursztyn von der Universität Chicago, Thomas Fujiwara von der Princeton Universität und Amanda Pallais von der Harvard Universität das Verhalten von Masterstudierenden der Betriebswirtschaftslehre an einer US-amerikanischen Eliteuniversität untersucht und ihre Forschungsergebnisse in der Novemberausgabe des American Economic Review veröffentlicht.

Zu Beginn ihrer Studie haben sie zunächst Studierende im ersten Masterstudienjahr befragt, ob sie in den beiden Jahren vor ihrem Masterstudium bestimmte Aktivitäten  vermieden hätten, um nicht zu ehrgeizig, selbstbewusst und aufdringlich zu wirken. 64 Prozent der alleinstehenden Frauen verzichteten aus diesem Grund darauf, eine Lohnerhöhung zu fordern. Bei den Frauen, die entweder schon verheiratet oder bereits in einer festen Beziehung waren, betrug der Anteil lediglich 39 Prozent, bei den Männern sogar nur 27 Prozent. 52 Prozent der befragten alleinstehenden Frauen vermieden es, in Sitzungen das Wort zu ergreifen. Bei den nicht-alleinstehenden Frauen lag dieser Anteil nur bei 33 Prozent, bei Männern sogar nur bei 28 Prozent. Insgesamt berichteten fast drei Viertel (73 Prozent) aller alleinstehenden Frauen, dass sie Aktivitäten unterliessen, die ihre Karrierechancen erhöht hätten, weil sie besorgt waren, zu ehrgeizig zu wirken.

Schlechtere mündliche Noten

Die Forscher konnten auch nachweisen, dass alleinstehende MBA-Studentinnen schlechtere mündliche Noten hatten als verheiratete, während bei schriftlichen Prüfungen keine Unterschiede feststellbar waren. Die Unterschiede bei den mündlichen Noten lassen sich also nicht durch unterschiedliche Begabungen erklären, sondern müssen ihre Ursache darin haben, dass die mündlichen im Gegensatz zu den schriftlichen Leistungen von den Studienkollegen beobachtet werden und die alleinstehenden Frauen nicht als zu karriereorientiert wahrgenommen werden möchten.

Besonders interessant sind die Ergebnisse von zwei Feldexperimenten. Im ersten Feldexperiment mussten die Masterstudentinnen zu Beginn ihres Studiums einen Fragebogen bezüglich ihrer Jobpräferenzen ausfüllen. Diese Befragungen sind an US-Universitäten üblich, um den Absolventen zu helfen, möglichst gut passende Jobs zu bekommen. Die Antworten haben also unmittelbare Konsequenzen für die Studierenden. Wer beispielsweise nicht bereit ist, vier Tage pro Woche zu reisen, wird nicht für ein Berufspraktikum bei Unternehmensberatungen vorgeschlagen. Die Fragebögen enthalten eine Reihe von Fragen, wie beispielsweise die Wunschvorstellungen in Bezug auf Gehalt, Arbeitszeit und Reisetage pro Monat. Bei den meisten dieser Fragen besteht ein Konflikt, da karriereförderliche Antworten die Attraktivität der betreffenden Studentin als Ehefrau verringern.

Andere Ergebnisse bei anonymisierter Umfrage...

Die Forscher verteilten nun zwei Versionen dieser Fragebögen. Bei beiden Versionen wurden die Studierenden zunächst schriftlich darauf hingewiesen, dass die Antworten sowohl von der Karriereplanungsabteilung der Universität bearbeitet als auch innerhalb der betreffenden Studiengruppen diskutiert werden. Der einzige Unterschied der beiden Versionen bestand darin, dass in einer Version angekündigt wurde, dass die Antworten anonymisiert werden, bevor sie in der Studiengruppe diskutiert werden. Bei der zweiten Version fehlte ein Hinweis auf die Anonymisierung, d.h. die Studierenden mussten damit rechnen, dass ihre Antworten allen Mitgliedern ihrer Studiengruppe bekannt werden. Die Studierenden wussten jedoch nicht, dass es sich um ein Experiment handelte und zwei Fragebogenversionen existierten.

Solange Studentinnen davon ausgingen, dass ihre Antworten anonymisiert wurden, bevor sie in den Studiengruppen besprochen wurden, antworteten alleinstehende und nicht-alleinstehende Studentinnen ähnlich. Mussten alleinstehende Studentinnen jedoch damit rechnen, dass ihre Antworten allen Mitgliedern ihrer Studiengruppe bekannt gemacht werden, waren ihre Antworten deutlich weniger karriereorientiert. Beispielsweise nannten sie ein um 18'000 Dollar pro Jahr niedrigeres Wunschgehalt, waren bereit, pro Monat sieben Tage weniger zu reisen und wollten weniger Stunden pro Woche arbeiten. Bei nicht-alleinstehenden Studentinnen und bei (männlichen) Studenten gab es hingegen keine Antwortunterschiede zwischen den beiden Versionen.

...und in reinen Frauengruppen

Im zweiten Feldexperiment wurden Studierende während eines Karrierekurses gebeten, ihre Präferenzen bezüglich drei paarweiser Berufsalternativen anzugeben. Dabei waren die Karrierekurse so zusammengesetzt, dass es sowohl gemischte Kurse gab als auch Kurse, die nur aus Studentinnen bestanden. In reinen Frauenkursen gaben 68 Prozent der alleinstehenden Frauen an, einen besserdotierten Beruf mit einer Wochenarbeitszeit von 55 bis 60 Stunden einem schlechter dotierten Beruf mit einer Wochenarbeitszeit von 45 bis 50 Stunden vorzuziehen. Diese Präferenz sank in gemischten Kursen um 26 Prozentpunkte. Analog gaben 79 Prozent der alleinstehenden Studentinnen an, einen Beruf mit schneller Beförderung aber viel Reiseaufwand einem Beruf mit langsamer Beförderung aber dafür weniger Reiseaufwand vorzuziehen. Auch hier sank der Vergleichswert in gemischten Gruppen deutlich, und zwar um 42 Prozentpunkte. Beim dritten Vergleichspaar handelte es sich um einen Placebo-Vergleich, bei dem keine signifikanten Unterschiede gefunden wurden.

Die Studie zeigt, dass zumindest ein Teil der Geschlechtsunterschiede am Arbeitsmarkt durch die Signalwirkungen des Karriereverhaltens auf den Heiratsmarkt beeinflusst wird. Leider enthält die Studie keine Patentrezepte zur Lösung der beschriebenen Konflikte. Ein Grossteil der Konflikte würde sich aber auflösen, wenn Männer ihre Präferenzen ändern würden und karrierebewusste Frauen nicht nur im Arbeitsmarkt, sondern auch im Heiratsmarkt grössere Chancen hätten.

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.