Kolumne

Hypozinsen - Die Festhypothek und der Erbsenzähler

Ein Immobilienspezialist rät jetzt zum Abschluss einer Festhypothek, ein anderer findet den Zeitpunkt völlig falsch. Was gilt nun?
17.07.2019 13:30
Von Claude Chatelain
Die Festhypothek und der Erbsenzähler
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne "Gopfried Stutz" erschien zuerst im 

 

"Noch nie war es in der Schweiz so günstig, Hypotheken aufzunehmen", lässt uns der Vergleichsdienst Moneyland wissen. Im Schnitt kosteten fünfjährige Festhypotheken  0,96 und zehnjährige 1,08 Prozent. Im Februar letzten Jahres lag die zehnjährige bei 1,75 Prozent, was im historischen Vergleich ebenfalls sehr tief war.

Noch am gleichen Tag belehrt uns Adrian Wenger vom Hypothekenzentrum auf cash.ch: "Der Zeitpunkt für eine Festhypothek ist völlig falsch."

Ich reibe mir die Augen. Was will man denn noch? Soll man warten, bis man für Hypotheken einen Zins erhält, statt dass man einen bezahlen muss? Nun, wer weiss, es gibt ja auch so etwas wie Negativzinsen.

Wenger geht davon aus, dass der Druck auf die Zinsen anhält. Er sieht nicht nur einen leichten, sondern sogar einen starken Zinsdruck auf uns zukommen, ausgelöst durch die Notenbanken Europas und der USA.

In einem Jahr seien die zehnjährigen Festhypotheken womöglich für 0,2 Prozent erhältlich, mutmasst der Hypothekenspezialist. Vielleicht hat er Recht - vielleicht auch nicht.

cash.ch zitierte auch Dominique Ackermann von der Avobis Hypothekenbörse. Für ihn ist heute ein "guter Moment", um in eine langfristige Festhypothek zu wechseln. Zumal Liborhypotheken, deren Zinsen kurzfristig schwanken können, nicht viel weniger kosten.

Fragen Sie mich nicht, was ich davon halte. Ich bin - vielleicht im Unterschied zu anderen - kein Hellseher. Und wenn mich jemand aus meinem Bekanntenkreis fragt, was ich ihm empfehlen würde, dann sage ich ihm ohne gross nachzudenken: "Nimm die Hypothek, mit der Du dich am besten fühlst." Ich gebe zu: Erbsenzähler wissen mit diesem Tipp nichts anzufangen. Doch wer heute eine Festhypothek zu 1 Prozent abschliesst und sich in einem Jahr darüber aufregt, dass sie inzwischen noch um ein paar Prozentpunkte günstiger zu haben wäre, dem ist kaum zu helfen.

Nur eines möchte ich doch noch ans Herz legen: Gehen Sie shoppen. Lassen Sie sich Angebote verschiedener Banken unterbreiten. Denn die Unterschiede von Bank zu Bank können erheblich sein. Gemäss Moneyland ist die günstigste zehnjährige Festhypothek für 0,83 Prozent, die teuerste für 1,3 Prozent zu haben. Das sind aber nur Richtwerte. Gewisse Banken lassen mit sich reden. Und vergessen Sie die Versicherungen nicht. Sie sind tendenziell günstiger als die Banken. Swiss Life und die Zurich haben derzeit interessante Angebote. Wobei sie nur dann interessant sind, wenn sie nicht mit Gegengeschäften, zum Beispiel dem Abschluss einer Lebensversicherung, gekoppelt sind. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und wenn der Vertrag für die Festhypothek unterschrieben ist, kann man sich durchaus ob der Gewissheit freuen, für viele lange Jahre nur einen bescheidenen Zins entrichten zu müssen.

 

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».